17. März 2018, 17:00 Uhr

Voll verplant

Wie die Sanierung der Marburger Stadthalle Steuergelder in Millionenhöhe verschlang

Beim Bauen wird es oft teurer als geplant. Unangenehm wird das bei öffentlichen Projekten, schließlich geht’s um Steuergeld. Ein Beispiel: die Marburger Stadthalle, die das Doppelte kostete.
17. März 2018, 17:00 Uhr
Die Sanierung der Marburger Stadthalle wurde laut Kritik des Bunds der Steuerzahler am Ende fast doppelt so teuer wie ursprünglich geplant. Die Stadt widerspricht. (Foto: Archiv/Kronenberg/Stadt Marburg)

Voll verplant

Der Flughafen Berlin-Brandenburg und die Elbphilharmonie sind nur die Spitze: Auch in Hessen explodieren Kosten und rücken Fertigstellungen in weite Ferne. In unserer Serie nennen wir Beispiele.

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Sie war schon in die Jahre gekommen, die Marburger Stadthalle. Also beschloss die Stadtverordnetenversammlung im Juni 2011, die Grundlagen für einen Sanierung und den Umbau des Erwin-Piscator-Hauses zu ermitteln. Die Kosten wurden damals mit 19,4 Millionen Euro angegeben und – so moniert der Steuerzahlerbund Hessen – am Ende deutlich überschritten. Sie landeten schließlich bei der Wiedereröffnung im Juni 2016 bei 37,6 Millionen. Die zunächst genannte Summe sei »eine erste Schätzung« gewesen, hält die Stadt dagegen. »Es lag noch keine baureife Konstruktionsplanung vor. Unter anderem Statik und Energiekonzept waren damals noch nicht durchgeplant.«

Nach der kompletten Bau- und Kostenplanung hatte die Stadtverordnetenversammlung dann im November 2012 die Umsetzung mit einem Volumen von 28,7 Millionen Euro beschlossen – plus eventueller Kostensteigerungen von zehn bis 15 Prozent, wie sie bei privaten Bauprojekten üblicherweise eingeplant würden. Diese dürfe eine Kommune jedoch nicht vorab einpreisen, erklärte die Stadt. Der Beschluss zum Baubeginn habe von Anfang an auf Kosten in Höhe von 28,7 Millionen Euro gefußt – nicht auf den vom Steuerzahlerbund genannten 19,4 Millionen.

 

Stadt führt mehrere Gründe für Kostenaufschlag an

Doch bei bis zu 15 Prozent Mehrkosten blieb es dann nicht. Am Ende schlugen 37,6 Millionen Euro zu Buche. »Kostensteigerungen sind auch bei Projekten dieser Größenordnung nur zu einem gewissen Grad hinnehmbar. Die Stadt hat in ihren Begründungen mehrfach darauf verwiesen, dass Risiken in der Größenordnung von zehn bis 15 Prozent möglich sind. Es bleibt die Frage nach den Konsequenzen, wenn die selbst gestellten Vorgaben und die Risikoaufschläge deutlich verfehlt werden«, kritisiert der Steuerzahlerbund.

Woher also kommt der satte Aufschlag? Die Kostensteigerungen hätten mehrere Gründe, erklärt Birgit Heimrich, Pressesprecherin der Stadtverwaltung. »Unvorhergesehene Gegebenheiten« seien das eine. Da das Gebäude bis Baubeginn in Betrieb war, habe im Vorfeld nicht alles eingerechnet werden können. Es konnten beispielsweise keine Decken abgenommen werden, um zu prüfen, ob der Bestand an Leitungen mit den Bestandsplänen identisch ist.

Es bleibt die Frage nach den Konsequenzen, wenn die selbst gestellten Vorgaben und die Risikoaufschläge deutlich verfehlt werden

Steuerzahlerbund Hessen

Außerdem stellte sich in einem Raum heraus, dass die Stahlbewehrung in den Betondecken in einem unzugänglichen Bereich nicht mehr den Richtlinien des Brandschutzes entspricht. Um das auszubessern, musste die Lüftungsanlage ausgebaut werden. Bei der in die Jahre gekommenen Technik rechnete es sich jedoch nicht mehr, diese wieder einzubauen. Stattdessen wurde außerplanmäßig eine neue Lüftungsanlage eingebaut. Zunächst nicht eingeplant war aber auch die Nutzung von Geothermie. »Diese und andere Maßnahmen tragen aber zu einem günstigeren Gebäudebetrieb bei und amortisieren sich in den nächsten Jahren«, sagt Heimrich.

 

Zwei Gerichtsverfahren wegen der Mehrkosten laufen noch

Alternativen wie der Neubau an gleicher Stelle oder Teilprojekt an verschiedenen Standorten, seien nicht infrage gekommen, da die Kosten dann deutlich höher gelegen hätten. Obwohl sie letztlich tiefer in den öffentlichen Geldbeutel greifen musst, sieht die Stadt Marburg das Projekt als richtig und erfolgreich an: »Das Konzept, dort viele Angebote unter einem Dach zu vereinen, ist ein Erfolg. Innerhalb des ersten Jahres fanden im Erwin-Piscator-Haus 249 Veranstaltungen statt. Im integrierten Kulturladen KFZ sind die Besucherzahlen im ersten Quartal 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar um 60 Prozent gestiegen.«

Immerhin: So einfach hinnehmen wollte die Stadt die Kostensteigerungen und die Verlängerung der Bauzeit auch nicht. Zwei Gerichtsverfahren sind anhängig. In anderen Fällen fand man mit den beteiligten Planern einvernehmliche Regelungen: Honorarabzüge für nicht erreichte Planungsziele. Eine Konsequenz daraus: »Für weitere Hochbauprojekte, insbesondere an bestehenden Gebäuden, rechnet die Stadt bei Kostenermittlungen seitdem mit höheren Ansätzen für unvorhergesehene Leistungen und berücksichtig etwaige Preissteigerungen stärker.«

Info

Das Erwin-Piscator-Haus

Als Zentrale der Kunst und Kultur in Marburg, bezeichnete Oberbürgermeister Thomas Spies das Erwin-Piscator-Haus, die ursprünglich 1969 eingeweihte Marburger Stadthalle. Die Sanierung begann im Juni 2013, die Eröffnung war exakt drei Jahre später. Das Haus bietet unter anderem Platz für den Kulturladen KFZ, der über zwei Säle mit 300 Sitz- und 600 Stehplätzen verfügt. Im großen Saal gibt es rund 1000 Sitzplätze. Die Foyerflächen auf vier Etagen können in drei Tagungs- und Workshop-Räume aufgeteilt werden. Die Tourist-Information, Theaterkasse und die Werkstätten des Landestheaters sind hier ebenfalls untergebracht. »Das Konzept, dort viele Angebote unter einem Dach zu vereinen, ist ein Erfolg. Innerhalb des ersten Jahres fanden im Erwin-Piscator-Haus 249 Veranstaltungen statt. Im integrierten Kulturladen KFZ sind die Besucherzahlen im ersten Quartal 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar um 60 Prozent gestiegen«, lautet das positive Sanierungsresümee der Stadt.

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