20. Juli 2017, 09:00 Uhr

Neue Kolumne

Wenn Dietrich Faber zwischen Trump und Putin wählen müsste

Kabarettist und Autor Dietrich Faber ist der neue Bundestagswahl-Kolumnist dieser Zeitung. Im Interview zur Einstimmung spricht er über Merkel, Schulz, Trump und Co.
20. Juli 2017, 09:00 Uhr
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Von Burkhard Bräuning
Dietrich Faber ist der neue Kolumnist der Gießener Allgemeinen, der Alsfelder Allgemeinen und der Wetterauer Zeitung. (Foto: pm)

Dietrich Faber ist ein Multitalent. Er schreibt, singt, musiziert, steht oft auf der Bühne. Nicht nur in der Region. Faber hat Humor, aber nie sind seine Auftritte niveau- oder geschmacklos. In seinem neuen Roman geht es auch um Politik. Das ist nur ein Grund, warum er für diese Zeitung eine Wahlkolumne schreibt. Heute, sozusagen als Prolog, erzählt er von Putin und Trump, von Merkel und Schulz.

Herr Faber, was fällt Ihnen aktuell zu Hamburg ein?

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Nahm’s locker: Dietrich Faber beim Wissenstest. (Foto: bb)

Dietrich Faber: Ein schöne Stadt (lacht), die ich gerne besuche. Aber nicht so gerne während eines G20-Gipfels. Nein, das ist kein Spaß und hat mich natürlich auch beschäftigt, wütend und nachdenklich gemacht. Ich beobachte besorgt, wie damit umgegangen wird. Was mich dabei auch wieder ärgert, ist die Tatsache, dass schnell nach Verantwortlichen gesucht wird. Man muss das differenziert betrachten. Fakt ist: In dieser Intensität habe ich den Gewaltausbruch nicht erwartet.

Und die eigentlichen Gipfel-Ergebnisse?

Faber: Die sind ein bisschen untergegangen. Ich finde es erst mal grundsätzlich gut, wenn die Großen sich überhaupt mal zusammensetzen, dass sich Typen wie Putin und Trump begegnen. Von den Ergebnissen her habe ich aber nicht mehr erwartet als das, was jetzt rausgekommen ist. Mir wäre es lieber, die würden sich ohne diese Tausenden Mitarbeiter treffen, ohne diese vielen Journalisten. Man kann ja am Ende eine Pressekonferenz machen. Ich habe jedenfalls keine großen Durchbrüche erwartet.

Ich finde es gut, wie sie diesen Alphatieren Trump und Putin auf ihre Art Kontra gibt, nämlich ohne selbst wie ein Gockel aufzutreten

Dietrich Faber

Wann und wo haben Sie zum letzten Mal demonstriert?

Faber: (lacht erst und denkt dann lange nach) Ich weiß es wirklich gar nicht genau. Zuletzt wollte ich auf jeden Fall zu den Pro-Europa-Demos – »Pulse of Europe« – gehen. Habe es aber aus zeitlichen Gründen nicht geschafft. Von der inneren Einstellung her bin ich aber jedes Mal dabei. Beim ersten Golfkrieg habe ich noch in Marburg studiert und dann dort mit acht weiteren Studenten vor einer amerikanischen Kaserne gestanden und protestiert. Und mich gewundert, dass der Golfkrieg nicht sofort beendet wurde. Nein, Spaß beiseite. Also ich bin nicht so der große Aktivist, finde es aber trotzdem wichtig, dass man für gewisse Anliegen auf die Straße geht. Gewalt lehne ich aber ab.

Also noch keinen Kontakt mit der Polizei gehabt?

Faber: Nee, das nicht, also nicht in diesem Zusammenhang.

In welchem denn?

Faber: Entschuldigung, ich habe Ihre Frage akustisch nicht verstanden. So laut hier ...

Dann lassen wir’s. Sie schreiben ja jetzt diese wunderbare Wahlkolumne für unsere Zeitung. Haben Sie sich speziell darauf vorbereitet, viel gelesen, im Netz gesurft?

Faber: Mmmh, also jein. Im Netz gesurft ja. Seitdem ich weiß, dass ich diese Kolumne schreibe, habe ich tatsächlich wieder mehr politische Talkshows angeschaut, was ich vorher so intensiv nicht gemacht habe. Ich habe mehr in Zeitungen gelesen, mehr verfolgt, was Wellen schlägt, wie Parteien und vor allem die Spitzenleute auftreten. Ich habe mir zum Beispiel im Urlaub sechs Stunden lang den SPD-Parteitag angeschaut.

Das ist jetzt nicht wahr, oder?

Faber: Doch! (lacht). Doch wirklich, einfach, um mir das Prozedere anzuschauen. Aber ich kann nicht sagen, dass ich in so eine Art Trainingslager gegangen bin. Deshalb jein.

Worauf dürfen die Leser sich freuen?

Faber: Das verrate ich noch nicht. Aber Humor gehört bei mir dazu. Es wird aber keine Comedy-Kolumne. Der nötige Ernst wird nicht fehlen. Ich werde über Dinge schreiben, die mich persönlich beschäftigen. Ich bin ja kein Journalist, also kann, aber ich muss nicht unbedingt ausgewogen schreiben. Wir werden sehen.

Wollen wir doch mal schauen, was Sie politisch so draufhaben. Was fällt Ihnen zu Helmut Kohl und Angela Merkel ein?

Faber: Mit Helmut Kohl als Kanzler – ich bin Jahrgang 1969 – bin ich tatsächlich aufgewachsen. Er war einer, der immer da war. Ich kannte keinen anderen Kanzler. Ich hab mich schon sehr an ihm gerieben. Er war mir nie ganz sympathisch. Es tut mir alles leid, was da so war bei ihm, zuletzt – besonders nach seinem Tod – auch familiär. Aber ich war eben nie ein großer Kohl-Fan. Bei Merkel ist es ein bisschen anders. Von ihr habe ich tatsächlich eine hohe Meinung. Es ist schon bewundernswert, wie sie sich im Konzert der Großen behautet. Ich finde es gut, wie sie diesen Alphatieren Trump und Putin auf ihre Art Kontra gibt, nämlich ohne selbst wie ein Gockel aufzutreten.

Die FDP ist aus dem Tal der Tränen wieder nach oben geklettert. Das sei der persönliche Erfolg von Christian Lindner, sagen viele. Was halten Sie von dem Mann?

Faber: Ambivalent. Also ich finde es schon spannend, wie so ein doch noch sehr junger Mann so etwas schafft, welch große Ausstrahlung er hat. Stark, wie er mit seiner One-Man-Show die Partei nach oben führt. Er kann fantastisch reden. Ich finde ihn manchmal aber ein bisschen zu glatt. Mir fehlt das Authentische, das Menschliche. Man weiß zu wenig über ihn. Deshalb würde ich auch nicht drei Wochen mit ihm in den Urlaub fahren. Das Risiko ist zu groß, dass ich negativ überrascht werde.

Wollen wir mal die SPD nicht vergessen: Willy Brandt oder Helmut Schmidt, wer war der bedeutendere Kanzler?

Faber: Beide haben ihre Verdienste. Da ich mich an Brandt in seiner Zeit als Kanzler nicht erinnern kann, sage ich spontan, Schmidt war der bedeutendere Regierungschef. Historisch kann ich das nicht einstufen. Aber wenn ich darüber nachdenke, glaube ich, dass doch Brandt mehr bewirkt hat. Alleine die Öffnung unseres Landes nach Osten. Schmidt blieb aber immer für viele Deutsche der Vorzeigekanzler. Ich mochte ihn irgendwie. Man muss das ja auch nicht so rankingmäßig bewerten. Generell vermisse ich Politiker wie Brandt und Schmidt.

Und wird Martin Schulz jemals Kanzler?

Faber: (lacht) Jemals, das klingt schon so, als würde er es diesmal sicher nicht schaffen. Wer weiß, vielleicht geht’s für ihn ja noch mal nach oben. Aber wenn er jetzt verliert, wird er nicht noch mal antreten.

Manni ist wie ein großes Kind. Aber wenn es ungerecht zugeht, dann sagt er das auch

Dietrich Faber

Wir reden aktuell viel über Rettung: Wer rettet den Euro, wer rettet die Welt? Machen wir es doch erst mal eine Nummer kleiner: Wer oder was rettet die Grünen?

Faber: Oh, ich glaube tatsächlich, eine Person – eine Frau oder ein Mann – mit Charisma. Ein unverbrauchtes Gesicht. So ein Menschenfänger im positiven Sinn. Nicht so arrogant wie Jürgen Trittin. Das macht zwar auch mal Spaß, aber nicht auf Dauer.

Sie haben ja tatsächlich zu allem eine Meinung. Haben Sie auch eine zur AfD?

Faber: (grinst) Ja, selbstverständlich. Im Ernst: Da habe ich tatsächlich wenig Verständnis. Das ist für mich eine radikale Partei. Mich regen die schon lange auf. Freut mich natürlich, dass sie jetzt so ein bisschen auf dem absteigenden Ast sind. Man sieht ja immer mehr, wes Geistes Kind da manche sind. Ich kann nicht verstehen, wie man eine Partei mit diesen Inhalten wählen kann.

Zurück zum Thema Rettung, was ist denn nun mit EU und Euro. Geht das gut aus?

Faber: Da muss ich ehrlich sagen: Da habe ich zu wenig Ahnung. Ich finde Europa gut, den Euro auch. Aber das ist eine eher emotionale Bindung. Die aber auch auf einer positiven Erfahrung beruht: Uns geht’s doch gut mit und in der EU.

Weinen Sie den Briten eine Träne nach?

Faber: Ganz ehrlich: Ich mag die Briten. Sie gehören dazu, und sie würden jetzt auch anders abstimmen. Daran kann man sehen, dass Volksabstimmungen sehr von der aktuellen Stimmung abhängen. Ja, ich weine ihnen eine Träne nach.

Kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Staatsmännern. Würden Sie gerne mal mit Putin durch Sibirien ziehen und mit Trump in einem Saloon sitzen?

Faber: Trump, Saloon – das klingt deshalb attraktiver, weil da vielleicht ein bisschen gute Country-Musik gespielt würde. Sibirien, da denke ich erst mal an Kälte, auch im metaphorischen Sinne. Wenn ich mir vorstelle, ich könnte mit diesen beiden Typen (Herren?) tatsächlich mal einen Abend verbringen, glaube ich, dass ich mit denen nicht warm werde. Ich beantworte die Frage mal mit nein, die sind mir einfach zu unsympathisch. Aber landschaftlich könnte Sibirien interessant sein. Also vielleicht doch ja...

Und was würden Sie dann zu Putin und Trump sagen?

Faber: Man muss ja nicht immer miteinander reden.

Waren Sie schon mal bei einem Wahlkampfauftritt? Falls ja, bei wem?

Faber: Ist länger her, das war 2002 in Gießen. Da war Joschka Fischer auf dem Kirchenplatz. Ich fand das sehr beeindruckend. Fischer war heiser, was er gesagt hat, weiß ich nicht mehr genau.

Was müsste in einem Wahlprogramm stehen, damit Sie eine Partei wählen?

Faber: Ich wünsche mir eine den Menschen zugewandte Politik. Ich kann aber nichts mit Wahlprogrammen anfangen, in denen steht: Wir wollen bis 2025 Volbeschäftigung haben. Oder bis 2038 Weltfrieden. Obwohl das natürlich mal ein gutes Ziel wäre.

Welche Fähigkeiten schätzen Sie bei einem Politiker besonders?

Faber: Rhetorische Brillanz. Manche Politiker können über komplexe Sachverhalte sehr gut referieren. So, dass man es als Laie auch versteht. Ich bewundere die Fähigkeit, diese enorme Belastung meistern zu können. Ich finde es generell gut, dass es auf lokaler Ebene noch Menschen gibt, die sich engagieren.

Welches Verhalten geht gar nicht?

Faber: Wenn man merkt, es wird nicht zugehört. Oder wenn schnell Schuldzuweisungen ausgesprochen werden – ohne Prüfung des Sachverhalts.

Die Welt von Reichsbürgern, Identitären, Verschwörungstheoretikern ist für mich ...?

Faber: Eine fremde Welt. Mit den Identitären habe ich mich jetzt näher beschäftigt. Also diese rechten Intellektuellen, die muss man schon ernst nehmen. Die sind gefährlich. Verschwörungstheorien interessieren mich überhaupt nicht. Nee, ist ’ne ganz fremde Welt.

Ist Ihr Alter Ego Manni Kreutzer eigentlich auch ein politischer Mensch? Oder will der nur spielen? Spaß haben?

Faber: Beides. Manni ist wie ein großes Kind. Aber wenn es ungerecht zugeht, dann sagt er das auch. Er mag ja die Menschen. Ich glaube aber nicht, dass er sich intensiv mit Wahlprogrammen auseinandersetzt.

Ihr Traum vom Glück?

Faber: Mein Traum vom Glück ist erfüllt. Zufriedenheit ist das vorherrschende Gefühl in meinem Leben. Ich kann in Bewegung sein, bin gesund. Dafür bin ich sehr dankbar.

Haben wir noch was vergessen, eine Frage, die Sie gerne mal beantworten möchten? Die Ihnen aber niemand stellt...

Faber: Die Frage ist gut, aber mir fällt wirklich nichts ein.

Ach so, eins fehlt ja noch: Wir hörten, dass Sie ein neues Buch in Arbeit haben ...

Faber: Ja, Bröhmann ermittelt wieder. Ende September erscheint Band 5. Er hat den Titel »Hessen zuerst«. Etwaige Ähnlichkeiten mit Wahlkampfslogans sind übrigens rein zufällig. Das Buch passt gut zu meiner Kolumne in dieser Zeitung, denn es geht auch um Politik. Bin froh, dass ich fertig bin. Am 1. Oktober ist Premiere im Stadttheater Gießen.

Na dann, viel Erfolg. Noch ein Hinweis für unsere Leser: Die erste Kolumne von Dietrich Faber erscheint am Samstag, 22. Juli.

Wissenstest

Dietrich Faber und der dritte Kanzler

Wer eine politische Kolumne schreibt, sollte ein bisschen was über Politik wissen, die Grundlagen kennen. Deshalb haben wir Dietrich Faber Wissensfragen gestellt. Wir können vorab sagen: Er hat mit Bravour bestanden.

Zum Warmwerden eine leichte Frage: Wie heißt der neue französische Staatspräsident?
Faber: (ohne nachzudenken) Emmanuel Macron.
Aber jetzt: Wer war der dritte Bundeskanzler der Bundesrepublik?
Faber: Der Dritte? Adenauer, mmmh, Kiesinger. Kiesinger war der dritte.
Für was steht das mmmh?
Faber: (grinst) Erhard!
Wie viele Mitglieder hat aktuell die EU – und die Briten sind noch dabei.
Faber: Ich weiß es nicht ganz genau, aber so Mitte 20, also 25, 26 oder 27.
Sagen wir 28. Also nah dran, damit akzeptiert. Wann wurde die Mauer gebaut? Die Berliner, nicht Trumps, der hat ja noch nicht angefangen.
Faber: Also das muss man wissen! Es war 1961.
So, jetzt noch ein bisschen Staatsrecht. Wie heißt Artikel 1 des Grundgesetzes?
Faber: (wie aus der Pistole geschossen) Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Wow! Respekt. Und danke!

 



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