Hessen

Wachsender Einfluss

Der Verfassungsschutz von Nordrhein-Westfalen warnte bereits zum Jahresende: Frauen gewinnen in der islamistischen Szene in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Sie nehmen auch Führungspositionen ein – zumindest dort, wo die bislang entscheidenden Männer beispielsweise zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden und eine Lücke hinterließen.
21. Februar 2018, 22:26 Uhr
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Nicht nur Opfer, auch Täter: Weibliche Macht im Islamismus wächst. (Foto: dpa)

Der Verfassungsschutz von Nordrhein-Westfalen warnte bereits zum Jahresende: Frauen gewinnen in der islamistischen Szene in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Sie nehmen auch Führungspositionen ein – zumindest dort, wo die bislang entscheidenden Männer beispielsweise zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden und eine Lücke hinterließen.

»Frauen haben in den islamistisch-salafistischen Netzwerken eine ganz wichtige Rolle«, sagt auch Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Goethe-Universität. »Sie sind diejenigen, die die Ideologie an die Kinder weitergeben, die die Frauenideologie festmachen. Es gibt richtige Schulungszentren von Frauen, auch bei der Anwerbung von Frauen sind sie sehr aktiv.«

Bei der Rekrutierung hätten Salafisten – der Salafismus gilt als eine extremistische Strömung innerhalb des Islamismus – besonders Jugendliche und junge Menschen im Blick. So setze sich die hessische Szene nach Angaben der Sicherheitsbehörde überwiegend aus Akteuren unter 30 Jahren zusammen. Diese Altersstruktur treffe auch auf die 140 dschihadistisch motivierten Islamisten aus Hessen zu, die in den sogenannten IS nach Syrien oder den Irak reisten.

In Hessen schätzte das Landesamt für Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht 2016 die Zahl der Islamisten auf 4170, darunter 1650 Salafisten, von denen etwa zehn Prozent Frauen seien. Von den 140 zur Terrormiliz IS gereisten Menschen seien 20 Prozent weiblich. Diese Frauen seien meist nicht als Kämpferinnen dorthin gekommen, sondern um IS-Kämpfer zu heiraten. »Diese Frauen wussten zum großen Teil, was sie erwartet«, betont Schröter. »Man muss davon ausgehen, dass es sich um Überzeugungstäterinnen handelt. Die Frauen sind keine bemitleidenswerten Opfer, die irgendwie reingeraten sind und nicht wussten, was sie erwartet.«

Gefahr bei nächster Generation

»Ich habe noch von keiner gehört, die enttäuscht über Barbarei oder Menschenrechtsverletzungen war. Alle beklagen sich eher über die unangenehmen Verhältnisse in Gefangenschaft. Letztendlich sind diese Frauen nach wie vor völlig ideologisiert – und das ist ein Problem.« Gerade weil radikalisierte Frauen für die Kindererziehung zuständig sind, gestalten sie das Denken der nächsten Generation. »Frauen aus der salafistischen Szene können ihre Überzeugungen in ihrem Umfeld äußern und auf diese Weise zur Indoktrination anderer Menschen – zum Beispiel Kindern – beitragen«, so ein Sprecher des hessischen Verfassungsschutzes. Saba-Nur Cheema, die in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt die Abteilung für Pädagogik leitet, sieht darin einen gefährlichen Zukunftstrend, etwa vergleichbar mit der Situation von Kindern, die in rechtsextremen Familien weitgehend abgeschottet aufwachsen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/Hessen-Wachsender-Einfluss;art189,393870

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