Hessen

Vorfreude mit allen Sinnen

Ohne ungeduldige Kinder am Weihnachtstag, ohne ihre leuchtenden Augen unter dem Christbaum wäre das Fest nur halb so schön. Doch was macht den Reiz von Weihnachten für Kinder aus?
21. Dezember 2018, 21:00 Uhr
Katrin Hanitsch
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Warten aufs Christkind: Gerade für Kinder ist die Weihnachtszeit eine ganz besondere. Das liegt nicht nur daran, dass sie ungeduldig die Tage zählen, bis sie ihre Geschenke auspacken dürfen. (Fotos: dpa/pv)

Schon für die Kleinsten ist jetzt eine ganz besondere Zeit. Selbst wenn sie es noch nicht in Worte fassen können, merken sie doch, dass gerade etwas anders ist als sonst. Überall hängen Lichterketten, leuchten Sterne und brennen Kerzen.

Es riecht nach Zimt und Lebkuchen. Und wo man auch hinkommt, läuft Weihnachtsmusik. Die Sinne sind viel intensiver im Einsatz als sonst, erklärt Christine Backhaus, Diplom-Psychologin aus Frankfurt.

Emotionales Gedächtnis

Alles wird aufgenommen und im sogenannten emotionalen Gedächtnis gespeichert. Was hier einmal abgelegt ist, begleitet einen Menschen oft ein Leben lang – und zwar sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht.

Die Fantasie spielt in der Vorweihnachtszeit eine große Rolle. Wo wohnt der Weihnachtsmann? Wie gelingt es dem Christkind, heimlich die Geschenke unter den Baum zu legen?

Für die Kinder aber besonders spannend sind die vielen außergewöhnlichen Rituale. Dazugehört etwa das gemeinsame Plätzchenbacken, das nicht nur wiederum die Sinne anspricht, sondern wie alle gemeinsamen Unternehmungen gleichzeitig die Beziehungen innerhalb der Familie stärkt.

Kaum sprechen die Kinder die ersten Worte, fordern sie sich – wenn sie es nach ein paar Tagen verstanden haben – jeden Morgen ihr Päckchen vom Adventskalender.

Rituale gehören dazu

Auch das trägt dazu bei, die Vorfreude auf Weihnachten zu steigern. Und für Backhaus kommt neben der Freude über die täglichen kleinen Geschenke noch ein wichtiger Aspekt hinzu: Wo es sonst morgens oft hektisch zugeht und der Einzelne zu kurz kommt, stehen die Kinder mit ihren Päckchen im Mittelpunkt.

Eltern nutzen die Spannung, was Nikolaus und Christkind wohl bringen werden, für ihre Zwecke, sagt Backhaus, die das Beratungsunternehmen Psyconomy in Frankfurt leitet. Das, was das ganze Jahr über funktioniere – Anreiz und Druck, Geschenke oder keine Geschenke – werde nun noch einmal intensiviert.

Schon für Kinder gehören auch die Rituale zu Weihnachten dazu. Sie geben Sicherheit, Struktur und Verlässlichkeit, sagt Backhaus: Aber: Sie sollten auch flexibel sein.

Alle Familienmitglieder sollten sich mit ihnen wohlfühlen. Gerade wenn die Kinder ins Teenageralter kommen, ändern sich die Wünsche. Dann müssen Traditionen neu verhandelt und im Zweifel Kompromisse geschlossen werden.

Unterschiedliche Vorstellungen

Schwierig wird es, wenn Traditionen plötzlich ganz wegfallen, weil sich zum Beispiel die Eltern getrennt haben. Dann sollten die Kinder in das Kreieren neuer Traditionen einbezogen werden.

Nach dem Fest sollte man klären, ob die neuen Rituale für alle in Ordnung waren, rät Backhaus. Oft werde schon in den Wochen vor Weihnachten deutlich, bei welchen Traditionen die Meinungen auseinandergehen. Das könne man als Anlass zur Zäsur nehmen und über Änderungen sprechen, schlägt die Psychologin vor.

Nicht nur bei den Traditionen haben Kinder oft andere Vorstellungen als ihre Eltern oder Großeltern, sondern auch bei den Geschenken.

Enttäuschung nicht spüren lassen

Wenn die Familie um den Baum sitzt, sind die Erwartungen auf allen Seiten hoch: Die Kinder hoffen, dass ihre Wünsche erfüllt wurden, die Schenkenden freuen sich auf freudestrahlende Gesichter. Schließlich haben sie sich viel Mühe beim Aussuchen der Geschenke gegeben.

Umso größer die Enttäuschung auf beiden Seiten, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Gerade auf ältere Kinder könne das durchaus Druck ausüben, wenn sie Eltern und Großeltern ihre Enttäuschung nicht spüren lassen wollen, bestätigt die Psychologin.

Weihnachten fangen wir an zu fühlen

Diplom-Psychologin Christine Backhaus

Aber auch für Erwachsene ist eine solche Situation durchaus eine Herausforderung. Doch eines sollten sie keinesfalls tun: Das Kind die eigene Enttäuschung spüren lassen.

Sinnvoller ist es, eine Lösung zu suchen – beispielsweise das Geschenk umzutauschen. Für sich selbst sollte man die Frage klären, warum man so enttäuscht reagiert. Das könnte daran liegen, dass man in alten Gefühlen verhaftet ist, erklärt Backhaus.

Es könne etwa sein, dass in der eigenen Kindheit mühevoll gestaltete Basteleien von den Eltern nicht gewürdigt wurden. »Weihnachten fangen wir an zu fühlen«, macht Backhaus deutlich. »Sonst sind wir meistens im Funktionsmodus.«

Kampf der Generationen

Was die Geschenke angeht, prallen aber nicht nur die Vorstellungen von Kindern und Schenkenden aufeinander, sondern auch oft die von Eltern und Großeltern.

Backhaus rät dazu, den Großeltern zu gestatten, ihren Enkeln auch die »rosarote Glitzerbarbie« zu schenken, wenn sie das gerne wollen.

Der Kampf der Generationen sollte nicht über die Geschenke ausgetragen werden. »Da muss man auch mal etwas durchgehen lassen und hoffen, dass man sonst viel richtig macht.«

Info

Streit vermeiden und entschärfen

(kan). Die Erwartungen an die Feiertage sind hoch. Doch nicht alle können erfüllt werden. Gerade Kinder haben oft ihren eigenen Kopf. Diplom-Psychologin Christine Backhaus gibt Tipps, wie es dennoch harmonisch werden kann.

Frühzeitig den Ablauf und die Erwartungen klären: Aufgaben sollten zwischen den Eltern aufgeteilt werden, und jedem – auch den Kindern – sollte diese Verteilung klar kommuniziert werden. Außerdem sollte man am eigenen Erwartungsmanagement arbeiten und Dinge nicht zu persönlich nehmen.

Tabuthemen vermeiden: »Man kennt doch die Stolpersteine«, sagt Backhaus. Deshalb sollten Familien eine Liste mit Tabuthemen anlegen, die nicht angesprochen werden dürfen. Wer sich nicht daran hält, muss zum Beispiel den Abwasch machen.

Den Kopf frei bekommen: Tagelange Familientreffen sind nicht jedermanns Sache. Wem es zu viel wird, der sollte sich eine Auszeit nehmen. Das kann auch spielerisch sein, schlägt Backhaus vor. Familien können ein »Weihnachtserholungszimmer« einrichten. Wer dort hineingeht, darf nicht gestört werden. »Weihnachten heißt oft: Einmal tief durchatmen.«

Sich selbst wichtig nehmen: Auch Eltern dürfen sich zu Weihnachten mal wie ein Kind fühlen und im Mittelpunkt stehen wollen, sagt Backhaus. »Erwachsene sollten nicht den Interessen des Kindes alles unterordnen.« Kinder wollen, dass es allen Familienmitgliedern gut geht. Dafür, dass das so ist, sind sie aber nicht zuständig, darum müssen sich die Erwachsenen selbst kümmern.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/Hessen-Vorfreude-mit-allen-Sinnen;art189,532269

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