25. Januar 2017, 19:08 Uhr

Entlang der A5

Vaterunser auf der Autobahn

In unserer Serie »Entlang der A5« haben wir schon viele Geschichten erzählt: Über den Bau, die Staus, die Brücken, die Rettungsdienste, die Raser, die Pendler, den Lärm. Heute haben unsere Leser, das Wort. Fünf von Ihnen erzählen von ihrer A5.
25. Januar 2017, 19:08 Uhr

Wir fangen mit Nicole Brünnet an. Sie schreibt über »mein Leben mit der A5«: Ich muss sagen, dass die A5 und ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zueinander haben. Ich bin auf sie angewiesen aber es gibt Momente in meinem Leben, da hasse ich sie. Ja, ich sitze in meinem Auto und fluche, etwas, was ich sonst natürlich nie tue. Aber es gibt kaum eine Fahrt auf der A5, die nicht doch in einem Stau endet. Seit vielen Jahren, fast mein gesamtes Leben, bleibe ich ihr treu, nicht aus Überzeugung, sondern aus der Not geboren. Alle Versuche, bei einem Stau die A5 zu umgehen, sind meist genauso schiefgelaufen, als wenn ich den Stau ausgesessen hätte. Denn eine nachmittägliche Fahrt durch Frankfurt oder den Taunus macht meist auch sehr wenig Freude.

Hallo, ich lebe noch

Doch ich darf nicht nur die Strecke Bad Nauheim-Frankfurt genießen. Nein, ich habe auch noch das Vergnügen, jedes zweite Wochenende mit all den Wochenendpendlern gen Norden zu fahren. Und ja, da macht die A5 manchmal noch mehr »Spaß«. Freitags auf der A5 ab Homberg/Ohm – ein echtes »Vergnügen«. Und Sonntagnachmittags zurück gen Süden, da steht man meist ab dem Hattenbacher Dreieck. Vollsperrungen, kilometerlange Staus und dann meist die Panik: »Hilfe, ich muss auf die Toilette.«

Bei der letzten Vollsperrung vor dem Hattenbacher Dreieck bin ich mit meiner kleinen Tochter drei Kilometer an allen anderen Autos vorbeigejoggt, bis wir endlich einen Platz gefunden haben, an dem meine Tochter meinte, hier wäre ein geeigneter Ort für das kleine Geschäft. Dafür mussten wir aber auch noch über das Geländer klettern, uns in Brennesseln verhaken und meine weiße Hose sah danach auch irgendwie fleckiger aus. Das Ganze bei über 30 Grad. Die morgendliche Dusche und das Frisieren der Haare hätte ich mir an diesem Tag tatsächlich sparen können.

Vor vielen Jahren, um es genau zu sagen am 30. November 1996, durfte ich die A5 sogar einmal 14 Stunden am Stück genießen. 14 Stunden vom Flughafen Frankfurt bis Bad Nauheim – wegen Schneefalls. Ich werde das nie vergessen. Irgendwann war ich mir sicher, dass ich nie mehr nach Hause komme. Zum Glück hatte ich damals eines der ersten Handys von ePlus. Ich würde sagen, es hat fast auf meinen Beifahrersitz gepasst, so groß war das Modell damals. Und Netz war auch mehr als Glückssache. Aber es war mein Retter. Somit konnte ich noch Kontakt mit der »Außenwelt« halten und meine Familie informieren, dass ich noch »lebe«. Mehr oder weniger.

Nach dem 11. September 2001

Ich könnte noch viele Geschichten über die A5 erzählen. Viele von uns verbringen einen großen Teil ihres Lebens auf ihr. Wir brauchen sie, wir mögen sie und ganz oft verfluchen wir sie. Sie wird auch noch von unseren nachfolgenden Generationen genauso gebraucht werden wie von uns. Und ganz ehrlich: Was wären wir alle ohne die A5?

Sehr förmlich und freundlich schreibt uns Rolf Friedrich: Sehr geehrte Damen und Herren, Ihrem Aufruf, eigene Erlebnisse auf der A5 zu schildern, möchte ich gerne nachkommen. Von 1973 bis 2005 befuhr ich berufsbedingt täglich die A5 von Friedberg, bzw. später von Bad Nauheim aus bis zum Frankfurter Flughafen. In dieser Zeit habe ich die A5 als glühende Piste kennengelernt. Sie war durch Wolkenbrüche teilweise überschwemmt und im Winter manchmal durch Schneeverwehungen und Vereisung nahezu unpassierbar. Schwere Unfälle und zahllose Baustellen machten in diesen Jahren ihre Befahrung nicht zum Vergnügen. Aber ein Erlebnis ist für immer haften geblieben. Es war der 12. September 2001. Der Mittwoch zeigte sich als milder Spätsommertag mit strahlendem Sonnenschein, wie auch der Tag zuvor, an dem nicht nur in New York, sondern weltweit Trauer und Schmerz verbreitet wurden. Mein Dienst begann um 9 Uhr – und so fuhr ich gegen 8 Uhr an der Anschlussstelle Nieder-Mörlen auf die A5. In diesen Jahren war um diese Zeit lediglich Montagmorgen mit Stau zu rechnen, und so war ich etwas überrascht, auf allen drei Spuren zäh fließenden Verkehr Richtung Süden vorzufinden. Hatte das etwa mit den Anschlägen zu tun? Der Verkehrssender spielte an dem Morgen getragene Musik, immer wieder unterbrochen von den aktuellen Meldungen aus New York. Im »Stop-and-go-Verkehr erreichte ich die Kuppe hinter der Friedberger Auffahrt und blickte auf das so friedlich daliegende Rhein-Main-Gebiet mit der Frankfurter Skyline.

Genau in diesem Moment sprach ein Pfarrer im Rundfunk über das schreckliche Ereignis. Und am Ende bat er die Hörer, mit ihm gemeinsam das Vaterunser zu beten. Just in diesem Moment kam der Verkehr zum Erliegen, und es herrschte eine gespenstische Stille auf der Autobahn. Ringsum schaute ich in Gesichter, deren ernste Blicke starr geradeaus oder auf das Lenkrad gerichtet waren. Niemand bewegte sich. Es war eine fast surreale Situation. die mir regelrecht eine Gänsehaut bereitete.

Haltestelle Frankfurter Kreuz

Nur kurz nach dem Gebet begann der Verkehr wieder stockend zu fließen, und mit einiger Verspätung erreichte ich meinen Arbeitsplatz, was an diesem Tage aber niemanden interessierte. Dieser Moment des Gebets und der absoluten Stille auf der A5 wird wohl immer in meiner Erinnerung bleiben.

Herbert E. Schmitt schreibt kurz und knapp: Im Sommer 1960 machte ich mit einer Jugendgruppe eine Urlaubsreise nach Italien. Ich kam aus dem Saarland mit der Bahn nach Frankfurt und übernachtete in der Jugendherberge am Main. Die große Gruppe kam aus Dortmund mit dem Bus. Das Treffen wurde so verabredet: Punkt 12 Uhr am Frankfurter Kreuz. Ich stand um 11.45 Uhr dort an der A3. Der Bus kam pünktlich, hielt am Straßenrand (Standstreifen gab es nicht, glaube ich), und ich stieg ein. Ich muss jedes Mal lachen, wenn ich das Frankfurter Kreuz passiere und mir das Ereignis unter heutigen Bedingungen vorstelle.

Ja, Herr Schmitt hat recht. Das würde bestimmt ein Thema im Radio werden: Bus hält auf Frankfurter Kreuz und lässt Fußgänger einsteigen.

Über Ulf Wittichs Text könnte die Schlagzeile »Ausgerechnet Bananen« stehen. Er schreibt uns: Über 25 Jahre habe ich mich morgens und abends auf der A5 zwischen Friedberg und dem Nordwestkreuz »nach Hause gestaut«. Aber neben dem Frust gab es auch den einen oder anderen lustigen Moment. Auch nach mehr 25 Jahren denke ich immer noch gerne an dieses Ereignis zurück: Kurz nach der Wiedervereinigung fuhr ich abends nach Hause in Richtung Friedberg. Wie üblich bewegte sich der Verkehr auf allen drei Fahrspuren nur im Schritttempo. Überall genervte Blicke. Ein paar Autos vor mir fuhr ein Trabi auf der mittleren Fahrspur. Plötzlich öffnete sich die Beifahrertüre, ein junger Mann sprang heraus und öffnete hastig den Kofferraum. Er griff sich ein dickes Bündel Bananen und stieg flott wieder ins Auto. Hinter allen Autoscheiben ringsum sah ich nur noch schmunzelnde Blicke – wussten doch alle von der Sehnsucht unserer neuen Mitbürger nach frischen Bananen.

Wenn die grüne Minna kommt

Anneliese Horn stapelt tief. Das sei ein Erlebnis, das eventuell niemand interessiert. Es liege Jahrzehnte zurück. Und weiter: Aber ich erinnere mich noch heute gerne daran. Am 1. Mai 1952 bekam ich ein gebrauchtes Jugendfahrrad zum 7. Geburtstag geschenkt. Alle Jungs aus der Nachbarschaft ärgerten mich, weil das Rad ja nicht neu war. »Das ist lahm«, sagten sie. Wir haben dann ein Wettrennen auf der Autobahn ausgemacht, denn ich war der Meinung, dass ich das trotz meiner kurzen Beine schaffe. Wir starteten am Wald zwischen Steinbach und Garbenteich. Es war nur ein Auto auf der A5 unterwegs. Wir sind lange und weit gefahren. Ich war das einzige Mädchen – und ich war weit jünger als die Jungs. Natürlich strampelte ich auch hinter den anderen her. Der Straßenbelag war aus Beton – schön glatt und sehr toll zu fahren. Vor Butzbach kam dann ein VW Käfer. Die Jungs riefen: »Die grüne Minna kommt.« Und schon waren sie im Feld verschwunden. Nur mich hat die Polizei gefasst, eingeladen und nach Hause gebracht. Die Strafe war hart: Mein schönes (nicht ganz neues) erstes Rad hing den ganzen Sommer über im Giebel in der Scheune an einen Heuflaschenzug. Aber die Jungs, die mitgemacht hatten, habe ich nie verraten. Die sollten mich ja wieder mitnehmen zum Spielen. Als ich 1972 das erste Mal mit meiner Familie für fünf Tage in Urlaub gefahren bin, habe ich meinen Kindern erzählt, was ich damals angestellt habe. Ich habe beschrieben, wie weit wir gefahren sind, und erzählt, dass es damals fast keine Autos gab. Das war schon 1972 für die Kinder unvorstellbar. Heute glaubt einem das kein Mensch mehr.

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