08. Februar 2017, 21:52 Uhr

Vater und Bruder umgebracht?

08. Februar 2017, 21:52 Uhr

Der Einsatz mancher Nachbarn war enorm. Barfuß, schnell mit einem Gartenschlauch nass gespritzt, rannten sie am Morgen des 16. April vergangenen Jahres den Flammen entgegen, die aus einem Haus »Am Krautgarten« in Ilbenstadt schlugen. Aber wollte der blut- und rußverschmierte Mann, der auf einer Kellertreppe im Garten lag, gerettet werden? Oder hatte er den Brand in seinem Elternhaus gelegt, um Selbstmord zu begehen, weil er dort zuvor seinen jüngeren Bruder getötet hatte?

Diese und weitere Fragen beschäftigen seit Mittwoch die Schwurgerichtskammer des Gießener Landgerichts. Dort muss sich der Mann, dem Nachbarn das Leben retteten, verantworten, weil er laut Staatsanwaltschaft zwei Menschen getötet haben soll. Der 61-jährige Armin B. ist wegen Totschlags und Mordes angeklagt (diese Zeitung berichtete). Er soll zwischen dem 15. April 2016 und dem Morgen des darauffolgenden Tages seinen 58 Jahre alten Bruder mit zwei Messerstichen in den Kopf umgebracht haben. Um die Spuren dieser Bluttat zu verwischen, soll er im Keller des Hauses Benzin angezündet haben. Dabei habe er gewusst, dass neben seinem Bruder auch der damals bettlägerige 89 Jahre alte Vater im Haus lebte, sagte Staatsanwalt Klaus Bender. Der kam in dem brennenden Haus um. Das wertet die Anklagebehörde als Mord, da B. hier heimtückisch gehandelt habe und durch das Feuer ein anderes Verbrechen – die Tötung seines Bruders – habe verdecken wollen.

Trieben den Mann Erbschaftsstreitereien zu dieser Gewalttat? Dazu sagte Bender nichts. Auch der Umstand, dass der Leichnam des Bruders erst zwei Tage nach dem Brand im Kofferraum eines silbernen Mercedes – etwa 500 Meter vom Tatort entfernt – auf einem Parkplatz gefunden wurde, war noch kein Thema. In dem Fahrzeug, das B. immer wieder genutzt hatte, wurden Spuren von Brandbeschleuniger gefunden. Anwohner gaben jedoch an, das Auto weder in der Nacht vor Ausbruch des Feuers noch am Morgen am Tatort gesehen zu haben.

Verräterisches Deckelchen

Sie wurden erst aufmerksam, als sie »Explosionen« hörten. Andere sahen Rauch aus dem Haus quellen. Eine Schülerin hatte bemerkt, dass bereits Fenster geborsten waren und ins Haus hineingerufen. Da sie keine Antwort erhielt, der Qualm aber »von hinten« zu kommen schien, rannte sie am Gartenzaun entlang und entdeckte einen »blutverschmierten« Mann, der auf der Treppe gelegen habe, die zum Keller hinunterführte. Als sie ihm zugerufen habe, sie werde Hilfe holen, soll dieser »Nein, lassen Sie mich« gebrüllt haben, berichtete die Ilbenstädterin.

»Ich habe ein Stöhnen von der Kellertreppe gehört«, sagte ein Nachbar. Als er den Rauch sah, habe er sofort zum Gartenschlauch gegriffen, um zu löschen, weil er wusste, »dass der alte Mann drüben bettlägerig war«. Er habe auch einen anderen Anwohner nass gespritzt, der dann den verletzten Angeklagten die Treppe hochgehievt und bis ans Ende des Gartens gezerrt habe. Ob B. sich dagegen gesträubt habe, wollte Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze wissen. »Mitgeholfen hat er nicht«, war die Antwort. Der Kontakt der Nachbarn zu dem zuletzt in Bad Vilbel lebenden Angeklagten und seiner Ilbenstädter Familie schien nicht eng gewesen zu sein. »Anfangs hat man sich noch gegrüßt«, aber als die Eltern bettlägerig wurden, habe es auch dies nicht mehr gegeben. B.s verstorbener Bruder wurde als »unsympathisch und aufbrausend« beschrieben.

Der zu den Vorwürfen schweigende Angeklagte nahm all dies regungslos auf. Er wirkte abwesend, wenn er zur Richterbank oder zum Zeugentisch blickte. Gegenüber einem Notarzt soll er an jenem Apriltag jedoch eine eindeutige Aussage gemacht haben: Der Mediziner berichtete, aus der Jacke des Angeklagten sei unter anderem eine rote Plastikverschlusskappe gefallen, die nach Benzin gerochen habe. Zwar habe B. nicht geantwortet, als er gefragt wurde, ob sich noch jemand im Haus befunden habe, sagte der Notarzt. Auf die Frage, ob er das Gebäude »angesteckt« habe, habe der 61-Jährige jedoch geantwortet: »Ja, ich habe es gemacht.« Der Prozess wird fortgesetzt.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Benzin
  • Brände
  • Elternhaus
  • Gartenschläuche
  • Ilbenstadt
  • Kräutergärten
  • Nachbarn
  • Selbstmord
  • Gießen
  • Niddatal
  • Steffen Hanak
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos