06. März 2018, 19:38 Uhr

Unsichtbare Spuren der Revolte

06. März 2018, 19:38 Uhr

Ein verwaister Platz auf dem alten Uni-Campus, unauffällige Bürogebäude, die Fußgängerzone Zeil, der Garagenhof einer stillen Wohnsiedlung – Orte, die normalerweise bei Stadtführungen sicher nicht im Zentrum stehen. In diesem Jahr ist das anders: 50 Jahre nach 1968 begleiten Stadtführer Besuchergruppen zu Plätzen, die eine entscheidende Rolle spielten in einem Jahr, das das Land veränderte.

Norbert Saßmannshausen hat im Internet ein »imaginäres Adressbuch« angelegt, das die »Orte der Revolte« vor dem Vergessen retten soll. Mehr als 60 Punkte hat sein Stadtplan – ehemals besetzte Häuser, die Universität, Studentenkneipen, linke Initiativen, die Wohnungen von Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Auf seinen Führungen erzählt er von einer Zeit, an die äußerlich kaum etwas erinnert.

Baader-Garage und »Busenattentat«

Die Karl-Marx-Buchhandlung gibt es noch, im Schaufenster liegt auch 2018 noch Literatur über vergangene, aktuelle und erhoffte Revolutionen. Der Frauenbuchladen um die Ecke, den Männer nicht betreten durften, ist heute ein Café. Bockenheim – der Stadtteil, in dem 1968 die Universität und damit auch das geistige Zentrum des Aufstands lag – ist 50 Jahre später ein tristes Quartier: Die ehemaligen Uni-Gebäude stehen seit dem Umzug auf den neuen Campus leer.

Sie harren auf Umbau und Umwidmung, aber nicht auf Umsturz. 1968 versammelten sich auf dem Platz zwischen Hörsaalgebäude und Studierendenhaus Tausende zu Demos.

Im Westend bleibt Saßmannshausen in der Bockenheimer Landstraße stehen. In der Hausnummer 111 lebten zeitweise bis zu 100 Besetzer, berichtete der Zeitzeuge – in dem Neubau, der später hier entstand, ist die Kreditanstalt für Wiederaufbau eingezogen. Nummer 93 ist als Altbau erhalten, »das verdankt die Frankfurter Stadtgesellschaft auch ihren illegalen Hausbesetzern«, sagt Saßmannshausen.

50 Jahre nach 68 springen viele Veranstalter auf den Zug auf. Der Anbieter »Frankfurter Stadtevents« hat gleich vier Führungen im Angebot – über Hausbesetzer, Hippies, Terroristen und Tote. Sascha Stefan Ruehlow besucht Orte in Frankfurt, die mit dem RAF-Terror verbunden sind. Die Führung beginnt auf der Zeil. Am 2. April 1968 verübten Andreas Baader, Gudrun Ensslin und zwei weitere Mittäter Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser. Die Brandsätze waren mit Zeitzündern versehen und in Sporttaschen versteckt.

Im Kaufhof suchten sie sich die Tennisabteilung aus, im Kaufhaus M. Schneider, das es heute nicht mehr gibt, wählten die Terroristen die Radioabteilung – Symbole für angeblichen Luxus, den sich nur wenige leisten konnten, wie Ruehlow erklärt. Die Attentäter tauchten im Westend unter, wurden aber zwei Tage später festgenommen. Im Oktober 1968 wurde ihnen der Prozess gemacht. Ruehlow führt die Gruppe vor das Landgericht, wo die vier Attentäter die Verhandlung demonstrativ unbeteiligt und Zigarren rauchend verfolgten.

Baader, der nach dem Urteil untergetaucht war, wurde 1972 verhaftet: Die Polizei stürmte eine Wohnung im Stadtteil Dornbusch, wo er sich zusammen mit Holger Meins und Jan-Carl Raspe versteckt hatte. Ruehlow zeigt der Gruppe den Balkon im zweiten Stock und die Garage, in der Sprengstoff gelagert war. Ruehlow zeigt Fotos von den zerstörten Kaufhausetagen, aus dem Prozess, während der Schießerei im Garagenhof. Vor Ort weist nichts auf die Ereignisse hin. Ruehlow findet es »erschreckend, dass es gar nichts gibt zu diesen Themen«.

Dieter Wesp lässt auf dem Frankfurter Hauptfriedhof die Rädelsführer der Revolte aus den Gräbern sprechen. »Unter dem Pflaster liegt der Strand« heißt sein Programm, bei dem er mit der Gruppe Gräber besucht – und den Stimmen der Toten lauscht. »Die Protagonisten sind ja alle tot«, sagt Wesp, »aber ich will sie dort am Grab lebendig werden lassen.« In seiner Führung eröffnet der Philosoph Adorno via Audiodatei noch einmal den Soziologen-Kongress des Jahres 1968, Robert Gernhardt trägt Gedichte vor und Anne Bärenz beweist sich, so Wesp, »als die hessische Antwort auf Janis Joplin«. Susanne Schiffler führt Besucher im Mai wieder »zu den Schauplätzen damaliger Demos, Go-ins, Sit-ins und Teach-ins«. »Kuchenschlacht, Busenattentat und der erste Hippie-Laden Deutschlands« hat sie ihre Führung überschrieben, in der es »keineswegs nur um Politik, sondern auch um den Kulturwandel in dieser Zeit« gehen soll.

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