22. Juni 2018, 22:31 Uhr

Unrecht gegen Homosexuelle

22. Juni 2018, 22:31 Uhr

Wiesbaden (dpa/lhe). Mit Blick auf aktuelle rechtspopulistische Propaganda auch gegen Homosexuelle ist es nach Meinung von Hessens Sozialstaatssekretär Kai Klose besonders wichtig, früheres Unrecht deutlich zu benennen. Die Aufarbeitung der Repression lesbischer und schwuler Lebensweisen in Hessen sei dem Landtag, der Regierung und ihm persönlich daher ein großes Anliegen, erklärte Klose bei der Vorstellung einer Studie am Freitag. Der Grünen-Politiker ist der Bevollmächtigte der Landesregierung für Integration und Antidiskriminierung.

Homosexuelle sind über viele Jahrzehnte hinweg staatlich verfolgt und ausgegrenzt worden. Wissenschaftler des Schwulen Museums Berlin hatten im Auftrag des Sozialministeriums untersucht, wie sich der gesellschaftliche Umgang mit Schwulen und Lesben in Hessen in den Jahren 1945 bis 1985 entwickelt hat.

Diese Aufarbeitung sei besonders wichtig, »da politische Kräfte in Deutschland die demokratischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte heute erneut aktiv bekämpfen – und zu diesen Errungenschaften zählt nicht zuletzt auch die wachsende Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt«, mahnte Klose.

Birgit Bosold vom Schwulen Museum warnte davor, dass Wohlwollen und Toleranz schnell in Ablehnung und Hass umschlagen könnten. Dies zeigten aktuelle Angriffe von rechtspopulistischer und -konservativer Seite.

Der Strafrechtsparagraf 175 stellte seit 1871 homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Bis 1969 blieb die Klausel in Deutschland unverändert. Mehr als 50 000 Männer wurden zum Teil zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Dann war Homosexualität nicht mehr strafbar, wenn die Partner älter als 21 Jahre waren. Erst 1994 wurde der Paragraf 175 aus dem deutschen Strafgesetz gestrichen.

Lesben waren von diesem Unrechtsparagrafen zwar nicht direkt erfasst, erfuhren aber laut Sozialministerium Unterdrückung und Ausgrenzung durch das Ehe- und Familienrecht der damaligen Zeit.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die hessische Landesregierung bis in die 1960er Jahre hinein nicht daran interessiert war, die Gesetzeslage zu ändern. Gleichzeitig unternahm sie jedoch auch nichts, um männliche Homosexualität verschärft zu bekämpfen. Vor der ersten Liberalisierung des Paragrafen 175 gehörte Hessen dann zu den Bundesländern, die für die Liberalisierung stimmten.

Von 1953 bis 1985 wurde laut Studie in Hessen in 12 284 Fällen wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen unter Männern ermittelt. Fünf Frauen gerieten in diesem Zeitraum ebenfalls im Zusammenhang mit dem Paragrafen 175 ins Visier der Polizei.

»Die Unterschiede zwischen der Lage gleichgeschlechtlich liebender Frauen und gleichgeschlechtlich liebender Männer waren groß«, resümieren die Wissenschaftler. »Aber beide Geschlechter erlebten, dass ihre gleichgeschlechtlichen Lebensentwürfe verhindert wurden.« Ob über das Strafrecht oder über andere Einschränkungen: Männer wie Frauen hätten einen Verlust von Menschenwürde und Lebensqualität erlebt, »teilweise auch von Liebe, wenn sie gleichgeschlechtlich begehrten und liebten«.

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