06. Oktober 2011, 16:14 Uhr

Universität: Externer Gutachter soll umstrittene Doktorarbeiten prüfen

Gießen (si). Dem Mediziner P., der 2005 am Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität mit Daten aus einer höchstwahrscheinlich illegalen Studie an schwerkranken Patienten promoviert worden ist, könnte nun doch noch sein Doktortitel aberkannt werden.
06. Oktober 2011, 16:14 Uhr

Zwar kam die mit dem Fall befasste Hochschulkommission vor drei Monaten zu dem Schluss, dass dem aus dem Landkreis Gießen stammenden Mann kein wissenschaftliches Fehlverhalten nachzuweisen sei. Sie wollte allenfalls einen »Tadel« aussprechen, weil der Mediziner Quellen verschwieg, die er bei anderen Veröffentlichungen benutzt hatte. Der Promotionsausschluss des Fachbereichs folgte dieser Empfehlung jedoch nicht. Das Gremium habe jetzt einen externen Gutachter damit beauftragt, sich mit der Dissertation zu befassen. Das sagte der für Forschung und den wissenschaftlichen Nachwuchs zuständige Prodekan Prof. Reinhard Schnettler auf Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung.

Damit hat die Justus-Liebig-Universität jetzt noch insgesamt vier umstrittene medizinische Dissertationen im Visier. Alle wurden von dem mittlerweile geschassten ehemaligen Gießener Medizin-Professor Joachim Boldt betreut, der bis Ende vergangenen Jahres hauptberuflich als Chefanästhesist am Klinikum Ludwigshafen tätig war und der in mindestens 89 Fällen Studien ohne Zustimmung und ohne Wissen der Patienten durchgeführt und außerdem Daten manipuliert haben soll (»ein in seiner Dimension weltweit einmaliger Fall«, wie der Vorsitzende der in Rheinland-Pfalz tätigen Untersuchungskommission urteilte). Bei den Verfassern handelt es sich neben dem Mediziner P. um drei weitere Ärzte, die bei Boldt in Ludwigshafen gearbeitet haben. Ihre Doktorarbeiten nahm der Gießener Fachbereich Medizin in den Jahren 1999 bis 2001 zur Promotion an. Auch für diese Fälle sei ein auswärtiger Gutachter benannt worden, der die Arbeiten »intensiv prüfen« werde, sagte Schnettler.

Erledigt hat sich damit sei Jahresbeginn nur der Fall des Anästhesisten Sch. Er war 2004 in Gießen mit einer OP-Studie an schwerkranken älteren Patienten promoviert worden, die Boldt in Ludwigshafen durchgeführt hatte – obwohl die zuständige Ethikkommission ausdrücklich ihre Zustimmung verweigerte. Sch. sei damals noch Student gewesen, ihm könne ein Fehlverhalten im Zusammenhang mit der Studie nicht angelastet werden. Boldt sei allein verantwortlich, urteilte die Gießener »Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis« im Juli, die damit einen Schlussstrich unter das Verfahren zog. Der Promotionsausschuss des Fachbereichs hätte sich zwar von sich noch einmal mit dem Fall befassen können, verzichtete aber darauf.

Durch die erst kürzlich in Auftrag gegebenen externen Gutachten zieht sich das Verfahren weiter hin. Abschließende Ergebnisse seien vermutlich erst Anfang nächsten Jahres zu erwarten, sagte JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee dieser Zeitung. Die Entscheidung für eine gründliche Aufarbeitung sei jedoch richtig gewesen. Die Universität habe durch die bis jetzt untersuchten Fälle »dazugelernt«, sagte Mukherjee.

Der Fachbereich hat nach Angaben von Prodekan Schnettler bereits weitere Konsequenzen gezogen. Demnach ist eine neue Promotionsordnung in Vorbereitung, die die Rechte und Pflichten des Doktoranden und ihrer Betreuer klarer regelt. Zusätzlich müssten diese mit dem Fachbereich künftig eine schriftliche Promotionsvereinbarung abschließen, sagte Schnettler. Darin wird beispielsweise das Votum der Ethikkommission mit Angabe des Aktenzeichens abgefragt, wenn in einer Arbeit Daten aus Patientenuntersuchungen ausgewertet werden sollen. Bislang war dies nicht der Fall. Außerdem will der Fachbereich eine Spezialsoftware kaufen, um Plagiate und Manipulationsversuche leichter aufdecken zu können.



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