29. November 2018, 22:23 Uhr

Unberechenbar und impulsiv

29. November 2018, 22:23 Uhr
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Von DPA
436 Kinder sind im vergangenen Jahr in Hessen mit dem Rad verunglückt. (Foto: dpa)

Bei der Planung des Verkehrs in hessischen Städten wird aus Expertensicht zu wenig auf Kinder Rücksicht genommen. »Es gibt echte strukturelle Prob-leme«, sagte der Verkehrswissenschaftler Jens Leven aus Wuppertal, der ein Konzept gegen Elterntaxis entwickelt hat. Die Planung orientiere sich noch zu sehr am Autoverkehr und an der Sicht von Erwachsenen. Während nach Statistiken die Verkehrstoten insgesamt über die Jahrzehnte weniger geworden seien, gebe es bei verletzten Fußgängern kaum Fortschritte. Kinder seien darunter noch mal ein Sonderfall: »Kinderunfälle gezielt zu reduzieren ist schwierig.« Er habe in seiner Arbeit bisher auf jedem Schulweg Mängel für die Sicherheit von Kindern gefunden.

Denn die Kleinen sind für Verkehrsplaner eigentlich eine Katastrophe: Unberechenbar, impulsiv, von Gefühlen gesteuert und mit langen Reaktionszeiten, wie die Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Hessen, Barbara Mühlfeld, erläuterte. »Kinder haben im Straßenverkehr noch kaum vorausschauende Fähigkeiten.« Beispielsweise verstünden sie nicht, dass ein Lastwagen einen bestimmten Weg zum Bremsen braucht und nicht sofort stoppt, wenn sie auf die Straße laufen. Zudem sei die Perspektive von weiter unten eine ganz andere, der tote Winkel sei beispielsweise größer. »Kinder brauchen viel, viel länger, um sich zu orientieren, diese langen Zeiten rechnen wir in der Verkehrsplanung überhaupt nicht ein«, kritisierte Leven. Beide Experten fordern, künftig in der Verkehrspolitik mehr die besonderen Bedürfnisse von Kindern im Blick zu haben. Breitere Fußgänger- und Radwege, längere Grünphasen bei den Ampeln, Tempo 30 in Innenstädten und Schrittgeschwindigkeit vor Schulen, zählt die Kinderärztin beispielhaft als Forderungen auf. Auch unübersichtliche Parksituationen seien für die Verkehrsanfänger eine Gefahr. Gleichzeitig müssten Kinder kontinuierlich über längere Zeit geschult werden, ein Tag Verkehrserziehung zum Schulbeginn reiche nicht. Die Reaktionsfähigkeit müsse beispielsweise intensiv trainiert werden, sagte die Kinderärztin. Grundsätzlich aber gelte: »Erwachsene Verkehrsteilnehmer müssten in viel größerem Maße als bisher Rücksicht nehmen.«



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