06. März 2019, 09:15 Uhr

Gewalt gegen Kinder

U-Vorsorgeuntersuchungen: Wenn der Arzt Alarm schlägt

Kaum hat ein Baby seinen ersten Atemzug getan, steht eine Vorsorgeuntersuchung an. Neun weitere sind Pflicht. Dabei geht es auch darum, mögliche Spuren von Gewalt und Vernachlässigung zu erkennen.
06. März 2019, 09:15 Uhr
(Foto: Maurizio Gambarini (dpa))

Warum laufen die anderen Kinder im gleichen Alter schon, meines aber nicht? Spricht mein Kind schon genauso gut wie Gleichaltrige? Solche Fragen beschäftigen viele Eltern. Die Antwort darauf erhalten sie bei den Vorsorgeuntersuchungen beim (Kinder-)Arzt. Die geistige und körperliche Entwicklung steht dort im Vordergrund. Um Defizite auszuschließen oder zu erkennen, müssen Eltern mit ihren Kindern regelmäßig zum Arzt. Seit 2008 sind diese Untersuchungen (U4 bis U9) in Hessen Pflicht. Das Kindervorsorgezentrum in Frankfurt kontrolliert, ob die Termine eingehalten werden.

Bei den Vorsorgeuntersuchungen hat der Arzt Gelegenheit, das Kind genau anzusehen, er kann Anzeichen von Vernachlässigung und Gewalt erkennen und einschreiten. Das Hessische Kindervorsorgezentrum am Universitätsklinikum Frankfurt gibt an, allein 2017 hessenweit in fast 13 300 Fällen das Jugendamt eingeschaltet zu haben. Dirk Wingender, Pressesprecher des Landkreises Gießen, relativiert diese Zahlen allerdings: »Bei uns gehen jährlich etwa 400 Mitteilungen über nicht erfolgte Vorsorgeuntersuchungen ein. Bei mehr als der Hälfte dieser Fälle handelt es sich jedoch um ›Fehlalarme‹, da die ärztliche Bescheinigung nicht oder verspätet an das Vorsorgezentrum weitergeleitet wurde.« In maximal zehn Fällen müsse man das Familiengericht einschalten.

 

Besuch vom Jugendamt

Bis das tatsächlich passiert, versucht das Jugendamt zunächst auf anderen Wegen, die Situation zu klären. Bekommt es die Nachricht, dass ein Kind nicht bei der Vorsorgeuntersuchung war, schreibt es die Eltern mit der Aufforderung an, die Untersuchung nachzuweisen. Geschieht das nicht, werden sie erinnert und bekommen Besuch vom Jugendamt, erklärt Wingender. Erst wenn diese Bemühungen nicht erfolgreich sind, wird das Familiengericht hinzugezogen, das eine Anhörung der Eltern vornimmt.

Doch wie sollten Kinderärzte reagieren, wenn sie eine verdächtige Beobachtung machen? »Das hängt von der jeweiligen Situation ab«, sagt Dr. Barbara Mühlfeld. Sie ist Kinder- und Jugendärztin sowie Pressesprecherin im Landesverband Hessen des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. In Extremfällen, wenn Gefahr für Leib und Leben des Kindes bestehe, könne es nötig sein, sofort die Polizei zu verständigen, sodass das Kind noch aus der Praxis abgeholt werden kann. In anderen Situationen könne es angezeigt sein, das Kind beispielsweise in eine Klinik mit Kinderschutzgruppe einzuweisen. Sind die Eltern gesprächsbereit, könne man mit ihnen über Hilfsangebote sprechen. Andernfalls müsse der Arzt das Jugendamt benachrichtigen, sagt Mühlfeld.

 

Wichtiger Baustein im Gesamtkonzept

»Ist er sich unsicher, was naturgemäß häufig vorkommt, oder hat er ein ungutes Bauchgefühl ohne konkreten Befund, sollte er sich unbedingt eine Beratung suchen – entweder im Kollegenkreis oder bei der ›insoweit erfahrenen Fachkraft‹, einem Experten für den Kinderschutz, den jede Kommune beziehungsweise jeder Kreis vorhält.« Glücklicherweise komme es nicht sehr oft vor, dass Ärzte Anlass zu der Vermutung haben, dass ein Kind misshandelt werde. »Wir hatten bei uns einen Monat, in dem wir drei ernste Hinweise auf Gefährdung des Kindeswohles durch Misshandlung hatten, und dann wieder fast zwei Jahre lang keinen Fall«, berichtet Mühlfeld.

Die Termine für die Untersuchungen liegen anfangs noch nah beieinander. Bei der U1 werden direkt nach der Geburt die wichtigsten Funktionen überprüft und die ersten Krankheiten ausgeschlossen. Bis zum zehnten Lebenstag muss das Kind die U2 hinter sich gebracht haben, bis zum ersten Geburtstag folgen noch vier weitere Untersuchungen. Dabei beginnt die Untersuchungspflicht aus logistischen Gründen erst mit der U4. Dann geht es im Jahresrhythmus weiter, bis um den fünften Geburtstag herum auch die U9 vorgenommen wurde. Auch danach werden Vorsorgeuntersuchungen angeboten, sie sind jedoch nicht verpflichtend.

Sind die Abstände anfangs gering, werden sie später recht groß. Zu groß, um Misshandlungen rechtzeitig zu erkennen? Die Kinder- und Jugendärztin erklärt: »Die regelmäßigen Vorsorgen bei uns Pädiatern sind ein kleiner, aber wichtiger Baustein im Gesamtkonzept des Kinderschutzes. Schwere Fälle von Vernachlässigung über lange Zeit – wie Unterernährung, schlechte oder keine medizinisch notwendige Versorgung, schwerwiegende Gedeihstörungen, ausgeprägte psychische oder psychosoziale Auffälligkeiten – können erkannt werden, wenn Vorsorgen verpflichtend sind. Frische Misshandlungsspuren sehen wir seltener, da die Eltern eine Vorstellung des Kindes in einer solchen Situation möglichst vermeiden.« Ansonsten seien aber auch Kitas und Schulen gefragt. Lehrer und Erzieher kennen die Kinder, ihnen fallen Veränderungen schneller auf. Zudem genießen sie meist das Vertrauen der Jungen und Mädchen, was Gespräche erleichtert.

 

Nachfragen bei Verdacht

Eltern, die sich Sorgen machen, wenn ihr Kind sich kurz vor dem Untersuchungstermin verletzt hat, beruhigt Mühlfeld: »Blaue Flecken im Kindesalter sind unser täglich Brot und gehören zum gesunden Kinderleben dazu. Jedoch kann man aufgrund verschiedener Merkmale recht gut unterscheiden, welche Art von Hämatomen von den üblichen Unfällen des normalen Heranwachsens herrühren und wo zumindest der Verdacht einer Misshandlung gegeben ist. Hier fragen wir dann schon einmal nach, wie der Fleck zustande kam.«

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