09. Juli 2018, 09:00 Uhr

"Gynt" in Therapie

Twittern im Reich der Trolle

»Man begegnet sich immer zweimal im Leben« – sagt ein Sprichwort. Auch Robert Schuster und Christian Nickel treffen bei den Bad Hersfelder Festspielen zum zweiten Mal auf »Peer Gynt«.
09. Juli 2018, 09:00 Uhr
Ihr Schiff gerät in Schieflage (v. l.): Schiffskoch (André M. Hennicke), Kapitän (Claude-Oliver Rudolph), Peer Gynt (Christian Nickel) und Bootsmann (Pierre Sanoussi-Bliss). (Foto: Bad Hersfelder Festspiele/K. Lefebvre)

Diesmal fällt ihr Zugriff auf das Stück von Henrik Ibsen radikaler, moderner aus als vor 21 Jahren am Schauspiel Frankfurt.Wichtigster Kunstgriff: Regisseur Robert Schuster erzählt die Geschichte des Draufgängers Peer Gynt nicht chronologisch. Er startet seine fantasievolle Inszenierung, als Gynt mit etwa 50 auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist – und sich mit den falschen Freunden umgibt. In Rückblenden berichtet er vom jungen Peer, der mit fabelhaften Lügen seine Mutter Aase immer wieder um den Finger wickelt, der als Heranwachsender keine Schlägerei scheut und den Männern im Dorf die Bräute ausspannt – bis es ihm zu eng wird in seiner Heimat und er hinauszieht in die Welt. Doch um die Puzzle-Elemente richtig einzuordnen, sollte man das Nationalepos der Norweger schon ein wenig kennen.

Tolldreist und aktuell

Willkommen im Blu Beach Club! Hierher, an die Küste Nordafrikas, hat es den midlifecrisis-geschüttelten Peer Gynt verschlagen. Hier lässt er sich zusammen mit seinen Kumpanen von gelenkigen Trainerinnen wieder fit machen, unterzieht sich bei Frau Dr. Begriffenfeld einer Therapie, bei der Nina Petri praktischerweise auch gleich in die Rolle der Mutter Aase schlüpft, um Gynt in einer Art Familienaufstellung wieder auf Kurs zu bringen. Zwei afghanische Flüchtlinge werden an Land gespült. Eine von ihnen ist Solveig, Gynts große Liebe, für die er einst daheim ein Haus baute, um dann als Ruheloser zu fliehen.

Es ist nicht die einzige Aktualisierung, die der Regisseur geschickt in seine modernisierte Version des historischen Stoffes aus dem Jahre 1867 einflicht. Wenn Peer Gynt tolldreist ins Reich der Trolle eindringt, dann hängen diese mit Kabeln am Netz und werden per Computer gesteuert. Und wenn er im Irrenhaus gar größenwahnsinnig zur Kaiserwahl antritt, dann scheut er weder aufgeblasene Talkshows noch das Twittern à la Trump.

Auch stille Momente

Aber es gibt sie auch, die stillen, eindringlichen Momente in dieser straffen, zweieinhalbstündigen Aufführung. Hier liegt die große Stärke der berührenden Produktion: Wenn Christian Nickel, der den Abend gewohnt souverän als Weltenbummler und Abenteurer trägt, ein letztes Mal auf seine sterbende Mutter Aase trifft. Wenn Anouschka Renzi in wechselnden Erscheinungen ihn immer wieder hinterfragt, wer er denn eigentlich ist, was er wirklich will und was er erreicht hat in seinem unsteten Leben. Und wenn er am Ende, müde und matt, als alter Mann in seine Heimat zurückkehrt und in den liebevollen Armen Solveigs (sanftmütig: Leena Alam) stirbt – dann bleibt für einen Moment die Zeit in der imposanten Stiftsruine stehen.

Schon einmal haben Schuster und Nickel zusammen »Peer Gynt« erarbeitet: 1997 am Schauspiel Frankfurt. Auch damals schon mit erstaunlich kleinem Ensemble und etlichen Körperpuppen. Geblieben ist einzig die Figur des kleinen Peers, gestaltet von Suse Wächter, lebendig geführt von Gloria Iberl-Thieme. Ein kesser Bursche, dem der alte Peer seine verpfuschte Lebensbeichte ablegen muss und dessen Hartnäckigkeit er nicht entrinnen kann.

»Solveigs Lied« neu komponiert

Wer in der Bad Hersfelder Eröffnungsinszenierung auf die berühmte Musik von Edvard Grieg wartet, wird enttäuscht. Auch »Solveigs Lied«, von Leena Alam zärtlich auf Englisch intoniert, hat Jörg Gollasch komplett neu komponiert. Der Rest erweist sich als stimmungsvolle Bühnenuntermalung, bei der auch wieder Videos raffiniert zum Einsatz kommen. Optischer Höhepunkt: Das schwankende Schiff, auf dem Gynt wieder gen Norwegen schippert und das schließlich mit seinen Mannen, die unter Wasser heftig um ihr Leben strampeln, untergeht.

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