18. November 2019, 20:46 Uhr

Trauma bewältigen

18. November 2019, 20:46 Uhr

Heppenheim/Gießen (dpa/lhe). Viele Opfer sexueller Gewalt erleiden durch die brutalen Taten ein Trauma. Nach dem Prinzip der »medizinischen Soforthilfe nach Vergewaltigung« beteiligen sich 22 Kliniken in Hessen mittlerweile an der Hilfe für Opfer von Sexualdelikten, wie das hessische Sozialministerium auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. »Bei der Versorgung nach diesem Modell geht es darum, eine gewaltsensible medizinische und psychosoziale Versorgung sowie rechtsmedizinische Spurensicherung nachhaltig in erreichbarer Nähe der Betroffenen zu etablieren«, sagte Ministeriumssprecherin Alice Engel.

Vergewaltigung sei ein Thema, über das selten offen gesprochen wird. Oft wüssten Frauen nicht, wo sie Hilfe bekommen können, wenn sie Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden sind, teilte der Landkreis Bergstraße mit. Er hat vor einem Jahr in Zusammenarbeit mit der Gewaltambulanz der Uniklinik Heidelberg und dem Kreiskrankenhaus Bergstraße das Projekt »Schnelle Hilfe nach Vergewaltigung« ins Leben gerufen. Betroffenen Frauen und Männern wird dabei die Möglichkeit geboten, sich zu jeder Tages- und Nachtzeit im Krankenhaus untersuchen zu lassen. Dabei können unter anderem auch für eine strafrechtliche Verfolgung wichtige Spuren gesichert werden.

»Wir sind sehr froh, dass wir vergewaltigten Frauen und Männern dank dieser Kooperation die wichtige Option offen halten können, gegen ihre Peiniger gerichtlich vorzugehen«, sagte die zuständige Gesundheitsdezernentin Diana Stolz (CDU) am Montag. »So können sie beginnen, die Vorgänge zu verarbeiten und dann bewusst eine Entscheidung treffen - pro oder contra Strafanzeige.« Opfer vertrauten sich oft niemandem an. Hilfe werde daher gar nicht oder zu spät in Anspruch genommen.

Beratung auch für Kinder

Das Sozialministerium unterstützt nach eigenen Angaben seit Jahren finanziell und fachlich den zunächst in Frankfurt eingeführten Ansatz der »medizinischen Soforthilfe nach Vergewaltigung«. Dieser Ansatz solle schrittweise landesweit eingeführt werden. Neben den beteiligten Kliniken gebe es landesweit mittlerweile 13 Frauennotrufe und 45 Beratungsstellen für Frauen, die einen sexuellen Übergriff erlebt haben, erleben oder dies befürchten. Die Beratungsstellen helfen auch Kindern, die Opfer von Sexualdelikten wurden. Eine umfassende Erhebung, wie viele Opfer Hilfe gesucht haben, wird nach Angaben des Sozialministeriums derzeit vorbereitet. Alleine in Frankfurt seien beim Frauennotruf im vergangenen Jahr fast 200 Anfragen eingegangen. 2017 seien es dort noch 167 gewesen.

»Folgen einer Vergewaltigung können posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen oder auch Angststörungen sein«, sagte die Leiterin der psychosomatischen Ambulanz des Uniklinikums Gießen und Marburg, Secil Akinci. »Schuld und Scham sind ein großes Thema«, sagte die Medizinerin besonders mit Blick auf Kinder als Opfer. Dies erschwere eine Anzeige. »Wichtig ist ein schneller professioneller Kontakt.« Die Dunkelziffer sei hoch.

Der Kriminalstatistik zufolge gab es deutschlandweit 2018 mehr als 9000 registrierte Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und besonders schwerer sexueller Übergriffe.

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