11. Mai 2020, 19:53 Uhr

Stufenfreiheit oder Höhenwirrwarr?

11. Mai 2020, 19:53 Uhr
Barrierefreier Zugang im Bahnhof von Bürstadt nach einem Umbau: Die überwiegende Zahl der Bahnhöfe in Hessen mit mehr als 1000 Reisenden pro Tag ist mit Rampen oder Fahrstühlen erreichbar, erklärt das hessische Verkehrsministerium. Der Fahrgastverband Pro Bahn übt dennoch scharfe Kritik. FOTO: DPA

Wiesbaden - Die überwiegende Zahl der Bahnhöfe in Hessen mit mehr als 1000 Reisenden pro Tag ist mit Rampen oder Fahrstühlen erreichbar. Von diesen 185 Verkehrsstationen, die von der Deutschen Bahn betriebenen werden, seien 125 Stationen mit 266 Bahnsteigen stufenfrei, schrieb Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion in Wiesbaden.

Der Fahrgastverband ProBahn Hessen widerspricht Al-Wazir: »Viel mehr Fehlinterpretation geht nicht mehr, als dieses Höhenwirrwarr der Bahnsteige entlang gleicher Bahnstrecken fortwährend schönzureden.«

Von den verbleibenden 60 nicht barrierefrei erreichbaren Stationen befinden sich nach Angaben des Ministers 50 bereits in Planungs- oder baulichen Umsetzungsprozessen, um eine Stufenfreiheit zu erreichen. Weitere neun Stationen seien für die Aufnahme in ein Bundesprogramm zur beschleunigten Herstellung der Barrierefreiheit kleiner Schienenverkehrsstationen vom Land angemeldet worden. Für die verbleibende Station Frankfurt-Lokalbahnhof werde derzeit eine Anmeldung zum Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz geprüft.

Kleine Stationen besonders betroffen

Die Situation schätzt der Fahrgastverband Pro Bahn anders ein: Seit Anfang der 2000er Jahre werde »mit der Verschleierungstaktik gearbeitet, dass alle Höhenunterschiede bis 21 Zentimeter zwischen Bahnsteigkante und Triebfahrzeug als barrierefrei bezeichnet werden«. Dies sei »ein Affront und eine Herabwürdigung, ein gesellschaftlicher Sündenfall gegenüber den mobiliätseingeschränkten Menschen«.

Gerade in Hessen seien auf vielen Strecken Nahverkehrstriebwagen mit 55 Zentimetern Einstieghöhe über Schienenoberkante unterwegs, die Höhe der ausgebauten Bahnsteige betrage inzwischen oft 76 Zentimeter über Schienenoberkante. Dies könne unter realistischen Bedingungen nicht als barrierefreier Einstieg bezeichnet werden, erklärt der Landesvorsitzende Thomas Kraft. Hessen nehme da eine »traurige Sonderrolle« ein, weil in den beiden Verkehrsverbünden RMV und NVV aus Sparsamkeitsgründen seit den 1990er Jahren die niedrigeren 55-cm-Nahverkehrstriebwagen von Alstom, Stadler und Bombardier beschafft wurden, man aber nun höhere Bahnsteige baue.

Besonders schlimm treffe es die zahlreichen Stationen unter 1000 Einstiegen pro Tag, die zahlreich in Nord-, Ost- und Mittelhessen vorhanden seien. Rund 85 Prozent dieser Stationen finden in den geplanten Ausbauten überhaupt keine Berücksichtigung, die weiterhin nur eine Einstiegshöhe von 26 oder 38 Zentimetern haben«, kritisiert Pro Bahn.

»Die überproportionale Investitionsbeschränkung auf den Raum in und um Frankfurt führt dazu, dass ganze Streckenabschnitte auch im Jahr 2060 noch so aussehen werden wie im Jahr 1910.«

Das Land Hessen liege in dem Ranking der Barrierefreiheit von Bahnstationen im Vergleich unter allen Bundesländern aktuell auf Platz 14 und habe sich in den letzten zehn Jahren nur vom vorletzten auf den drittletzten Platz verbessert. Fakt sei, so Pro Bahn, dass das hessische Verkehrsministerium seit vielen Jahren »durch mediale Täuschungsmanöver verschleiere, wie schlecht die Situation wirklich ist«. Die Bahnhöfe und Stationen in Hessen sind in der Regel Eigentum der DB Station & Service AG, einer Tochterfirma der Deutschen Bahn. Insgesamt gibt es 499 Schienenverkehrsstationen in Hessen. Die DB Station & Service AG betreibt den Angaben zufolge davon 416. Die übrigen kleinen Bahnhöfe werden von der hessischen Landesbahn und der Kurhessenbahn betrieben.

Für kleine Bahnhöfe und Stationen unter 1000 Ein- und Aussteiger pro Tag gibt es für die Umrüstung und Erneuerung nach einer EU-Verordnung mögliche Ausnahmen bei der Barrierefreiheit: Demnach sind dann keine Aufzüge oder Rampen vorzusehen, wenn in einem Umkreis von 50 Kilometern an einem anderen Bahnhof an derselben Strecke ein stufenfreier Weg vorhanden ist. In diesen Fällen müssen die Planungen zunächst lediglich die Möglichkeit beinhalten, Aufzüge oder Rampen zu einem späteren Zeitpunkt nachzurüsten, erklärte der Minister. dpa/eb

Schlagworte in diesem Artikel

  • Alstom
  • Bahnhöfe
  • Bombardier
  • Deutsche Bahn AG
  • Pro Bahn
  • Tarek Al-Wazir
  • Thomas Kraft
  • DPA
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.