19. April 2018, 22:05 Uhr

Staatsanwalt will Mord nachweisen

Am heutigen Freitag beginnt am Gießener Landgericht der mit Spannung erwartete Prozess gegen Rick J. Ihm wird vorgeworfen, im Jahr 1999 die damals achtjährige Johanna Bohnacker in ihrem Heimatdorf in der Wetterau entführt, sie sexuell missbraucht und dann getötet zu haben. Im August soll das Urteil fallen.
19. April 2018, 22:05 Uhr
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Aus der Redaktion
Das von der Polizei 1999 veröffentlichte Foto zeigt Johanna Bohnacker. Heute beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder – fast 20 Jahre nach der Tat. (Foto: dpa)

Mit einem Großaufgebot an Vertretern von Presse, Fernsehen und Rundfunk rechnet Alexander Schmitt-Kästner, stellvertretender Pressesprecher am Landgericht Gießen, heute um 10 Uhr. Denn dann wird in Saal 207 des Gebäudes an der Ostanlage 15 der Mordprozess gegen Rick J. (42) eröffnet. Am 2. September 1999 soll er die damals achtjährige Johanna Bohnacker in Ranstadt-Bobenhausen entführt, anschließend brutal sexuell missbraucht und ermordet haben. Johannas Leiche wurde am 1. April 2000 in einem Waldstück bei Alsfeld gefunden.

Fast 18 Jahre lang stand die Polizei vor einem Rätsel, bis ihr Kommissar Zufall auf die Sprünge half. Denn Rick J. wurde erneut in der Wetterau aktenkundig. In einem Maisfeld bei Nidda verging er sich sexuell an einer 14-Jährigen. Laut Staatsanwaltschaft geschah dies zwar einvernehmlich. Doch verstieß er damit gegen geltendes Gesetz.

Die Polizei aus Büdingen war damals nicht ausgerückt, um Rick J. vor Ort festzunehmen. Zwei Anwohner hatten ihn hingegen in seinem Tun gestoppt und festgehalten, außerdem dessen Personalien und eine Videoaufnahme von den Vorgängen an sich genommen und diese später auf die Dienststelle gebracht. Gegen die Büdinger Dienstgruppenleiterin läuft noch immer ein polizeiinternes Ermittlungsverfahren. Das wird laut Jörg Reinemer, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, wohl auch noch bis nach Abschluss des Prozesses so sein.

Der mutmaßliche Täter ist in einem Dorf in der südlichen Wetterau aufgewachsen, wird von Freunden aus Kindheits- und Jugendtagen als hochintelligent, aber meist zurückgezogen beschrieben. Er hatte das Mädchen im August 2016 mit Klebeband gefesselt. Dies rief bei einigen altgedienten Kollegen der Kriminalpolizei Friedberg Erinnerungen an den Fall Johanna wach. Denn ein gleichartiges Klebeband wurde auch bei diesem Mädchen verwendet. Als »Spur 11« gesichert, war darauf auch ein Fragment eines Fingerabdrucks gesichert.

Mit 17 erstmals aktenkundig

Das reichte bis zu diesem Zeitpunkt nicht aus, um eine Übereinstimmung zu erzielen, obwohl Rick J. mehrfach Fingerabdrücke abgeben musste. So einmal, als er wegen Drogendelikten von Oktober 2003 bis September 2004 im Gefängnis saß. Und noch einmal, als die Polizei erneut früheren Zeugenaussagen im Fall Johanna nachging und im Jahr 2006 als er als einer von rund 600 Besitzern eines VW Jetta aus dem Hochtaunuskreis zu einer Reihenuntersuchung erscheinen musste.

Doch erst als sich die Ermittlungen gezielt auf Rick J. konzentrierten, wurden die inzwischen neuen Techniken des Bundeskriminalamtes hinzugezogen. Die Experten schließlich stellten genügend Übereinstimmungen fest. Eine wiedergegründete Sonderkommission »Johanna« observierte Rick J., durchsuchte dessen Wohnung in Friedrichsdorf/Hochtaunuskreis. Und stellte rund 15 Terabyte an Daten sicher, darunter Fotos und Videos mit kinderpornografischen Inhalten.

»Einen Schwerpunkt der Arbeit bildete der Kontakt des Angeklagten zu Mädchen über soziale Portale im Internet, aber auch Aufnahmen von Mädchen auf ihrem Schulweg oder auf Spielplätzen«, schildert Roland Fritsch, Leiter der Sonderkommission gegenüber dieser Zeitung. Und das seit den frühen 90er Jahren, als Rick J., damals noch 17 Jahre alt, erstmals aktenkundig wurde, weil er Mädchen nachgestellt hatte.

Am 20. September 1993 hatte er auf seinem Heimweg in Ober-Erlenbach bei Bad Homburg ein achtjähriges Mädchen gesehen und war ihm gefolgt. Oberstaatsanwältin Nadja Niesen von der Staatsanwaltschaft Frankfurt erläutert: »Er umfasste das Kind von hinten mit dem Arm und hielt es fest. Als das Mädchen um Hilfe rief und sich zu befreien versuchte, kam es zu einem Gerangel. Der Angeklagte hielt ihr den Mund zu und dabei fielen beide zu Boden.« Das Mädchen verletzte sich leicht. Wegen Nötigung und Körperverletzung wurde Rick J. nach Jugendrecht richterlich verwarnt. Hinzukamen die Fortsetzung einer bereits begonnenen therapeutischen Behandlung und 50 Stunden gemeinnützige Arbeit.

Die therapeutische Behandlung war laut Staatsanwaltschaft nötig, weil der Täter unter einer »anfallartigen und führ ihn nur schwer kontrollierbare Aktualisierung von Trennungsangst« litt. Deswegen sei das Gericht von »ganz erheblich verminderter Schuldfähigkeit« ausgegangen.

1995 hat sich ein ähnlicher Vorfall in einem Schwimmbad ereignet. Auch am 4. August 2011 war Rick J. in Friedrichsdorf-Köppern auffällig geworden. Damals klammerte sich der inzwischen 35-jährige Mann an einem siebenjährigen Kind fest, erst der Vater und ein Nachbar konnten es aus der Umklammerung befreien.

Der Angeklagte hat die Entführung von Johanna eingeräumt, auch die sexuellen Absichten hat er gestanden. Allerdings bezeichnet er den Tod des Mädchens als Unfall. Es liegt nun an Staatsanwalt Thomas Hauburger, ihm den Mord nachzuweisen. Mühen haben die Ermittler nicht gescheut, so haben sie mit hohem Aufwand eine Video-Rekons-truktion des Tattages erstellt. 110 Zeugen hat die Polizei befragt, 71 werden vor Gericht aussagen.



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