21. Februar 2020, 22:03 Uhr

»Solche Taten sind nicht zu verhindern«

21. Februar 2020, 22:03 Uhr
Kurth

- Die Politologin Dr. Alexandra Kurth von der Justus-Liebig-Universität Gießen hat sich mit dem sogenannten Manifest des Attentäters von Hanau beschäftigt. Im Gespräch ordnet sie den Anschlag ein.

Frau Kurth, wie war Ihre erste Reaktion, als Sie das Manifest gelesen haben?

Ich hatte aufgrund der Medienberichterstattung ein wirres, wütendes Pamphlet erwartet und war überrascht, dass es sich um ein ziemlich klar strukturiertes, umfangreiches Manuskript mit Zeichnungen handelt. Der Text folgt einer inneren Logik und soll die Notwendigkeit der Tat aufzeigen.

Welche Motive des Täters für die Tat erkennen Sie?

Der Text basiert auf einer letztlich antisemitisch konnotierten Verschwörungsfantasie. Denn der Schreiber ist der Auffassung, dass er selbst und insbesondere seine Gedanken seit seiner Geburt von einer Organisation, »die auf Basis eines Geheimdienstes operiert« und »offiziell namentlich aber nicht in Erscheinung tritt«, überwacht wird. Aus seiner Sicht gibt es für die Menschheit nur eine relevante Mission, nämlich zu verstehen, wie das Universum entstanden ist und welchen Sinn es hat. Das sieht er als Aufgabe von Jahrtausenden, die aber nur gelingen könne, wenn Milliarden Menschen, die er als minderwertig begreift, vernichtet werden. Zu den zu Vernichtenden zählt er die Menschen in einer Reihe von Staaten auf, darunter Israel, Irak, Iran, Türkei, Indien, Pakistan, Vietnam, Philippinen und viele mehr. Außerdem muss aus seiner Perspektive auch die Hälfte der deutschen Bevölkerung vernichtet werden. In dem Text finden sich eine ganze Reihe von rassistischen Passagen, weshalb ich davon überzeugt bin, dass die Tat rassistisch motiviert war.

Gerade die AfD spricht im Zusammenhang mit der Tat von »Wahnsinn« und verneint eine politische Motivlage des Täters.

Nimmt man die Perspektive der AfD ein, ist das eine nachvollziehbare Strategie. Wenn man die politischen Bezüge ignoriert und die Wahnvorstellungen, die in dem Text vorhanden sind, in den Vordergrund stellt, muss nicht gefragt werden, was die eigene Verantwortung für das solche Taten begünstigende derzeitige gesellschaftliche Klima ist.

Wie ordnen Sie den Terrorangriff in Hanau im Zusammenhang mit vergangenen Taten wie dem Mord an Walter Lübcke in Hessen ein?

Es gibt nicht den einen Attentätertypus, sondern mehrere. Das stellt nicht nur für die Sicherheitsbehörden eine große Herausforderung dar, sondern für die gesamte demokratische Gesellschaft.

Einzelgänger, männlich, unauffällig, beziehungslos, frustriert - wie können Taten solcher einsamer Wölfe verhindert werden?

Solche Taten können nicht vollständig verhindert werden. Vermutlich selbst dann nicht, wenn wir uns entscheiden würden, sämtliche Freiheiten aufzugeben und den demokratischen Rechtsstaat in einen autoritären Überwachungsstaat zu transferieren. Ungeachtet dessen muss der Staat seine Anstrengungen in allen Bereichen weiter verbessern. Wir brauchen mehr Forschung, mehr Prävention, mehr politische Bildung und eine bessere Sicherheitsarchitektur. Dazu gehört auch, dass der legale Waffenbesitz besser überwacht wird und die Schützenvereine als Teil der Zivilgesellschaft stärker in die Verantwortung genommen werden.

Knapp 500 Menschen sind am Donnerstag in Gießen zur Mahnwache zusammengekommen. Gleichzeitig gibt es höhnische Kommentare über das Gedenken in den sozialen Medien. Was sagt das über unsere heutige Gesellschaft aus?

Es ist beeindruckend, wie viele Menschen gestern in Gießen und anderswo ihr Entsetzen und ihre Anteilnahme zum Ausdruck gebracht haben. Ich würde mir wünschen, dass die Schnittmenge zwischen denen, die bei rechtsextremen Anschlägen und denen, die bei islamistischen Anschlägen Anteil nehmen, größer wäre. Ich weiß aber, dass das angesichts der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen und Interessenlagen eine naive Vorstellung ist. Appelle und politische Aktionen haben immer eine Wirkung, wenn auch nie zu hundert Prozent die beabsichtigte. Das ist eine Zumutung, die die Demokratie uns allen abverlangt. khn

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