19. März 2018, 21:00 Uhr

Polizei mit Smartphone

So kommt das Knöllchen jetzt per App

In wenigen Sekunden kann die Polizei ein Verfahren gegen Raser, Falschparker oder Handysünder einleiten: Dank einer App. Und sie ist nur der Anfang der Digitalisierung der Beamten.
19. März 2018, 21:00 Uhr
Ein paar Eingaben auf dem Smartphone und schon hat der Gießener Polizeibeamte Henry Grambauer eine Anzeige wegen Falschparkens oder einer abgelaufenen TÜV-Plakette geschrieben, bebildert und zur Bußgeldstelle nach Kassel geschickt. (Foto: Keßler)

»Das haben wir gleich«, sagt Henry Grambauer von der Direktion Verkehrssicherheit des Polizeipräsidiums Mittelhessen in Gießen. Er zückt sein Dienst-Smartphone, klickt die App »Owi21 to go« an und beginnt die Daten meines Wagens einzugeben: Kennzeichen, Marke, Farbe – und den Verstoß: Falschparken. Noch zwei Fotos dazu, fertig! Was heute nur eine Vorführung ist, ist bereits seit einigen Jahren Alltag auf hessischen Straßen – und nur der Anfang der Digitalisierung von Polizei und Ordnungsbehörden.

Polizeioberkomissar Henry Grambauer kann mit der App auch gleich mehrere Verstöße auf einm...

»Wenn ich mir überlege, dass wir früher jeden Verstoß händisch aufgenommen, mit einer separaten Kamera fotografiert, auf der Station abgetippt und dann nach Kassel zur Bußgeldstelle geschickt haben, wo die Datenblätter eingescannt wurden, sind das aufs Jahr gerechnet sehr viele Stunden, die wir sparen«, sagt Grambauer. »Gerade bei Großkontrollen geht es dank der Smartphones deutlich schneller.« Das System hat gleich mehrere Vorteile: Zum einen sind alle Daten und Fotos in einem Vorgang, sie können verschlüsselt direkt an die Bußgeldstelle übermittelt werden. Zum anderen können Grambauer und seine Kollegen sich jeden Vorgang noch einmal aufrufen. Das sei vor allem dann sinnvoll, wenn man mehrere Verstöße des gleichen Typs wie das unerlaubte Telefonieren mit dem Handy abzuarbeiten habe. Dann brauchen die Beamten lediglich Kennzeichen und Fotos und personenbezogene Daten auszutauschen und weiter geht’s.

 

Verfahren bis 55 Euro werden bereits vor Ort vollständig erledigt

»Die App bringt durch die Ersparnis von Zeit und Ressourcen mehr Polizisten auf die Straße und produziert Verkehrssicherheit«, sagt Grambauer. Ein weiterer Vorteil: Verfahren mit einem Bußgeld bis zu 55 Euro können vor Ort vom Erwischten unterschrieben und bar gezahlt werden. Sie sind dann bereits vollständig abgeschlossen. Alle anderen werden zur Bearbeitung an die zentrale Bußgeldstelle in Hessen, die beim Regierungspräsidium Kassel angesiedelt ist, geschickt und dort bearbeitet.

Die App bringt durch die Ersparnis von Zeit und Ressourcen mehr Polizisten auf die Straße und produziert Verkehrssicherheit

Polizeibeamter Henry Grambauer

Und auch dort ist man dank des neuen Systems schneller und effektiver. Während es früher mitunter eine Woche oder länger dauerte, bis der Sachbearbeiter ein Verfahren auf dem Tisch hatte, vergehen heute nur wenige Stunden. Ist der Brief an den Betroffenen rausgeschickt, kann der sich mittels Zugangsdaten online in das Verfahren einloggen, dazu Stellung nehmen, die Beweise einsehen oder Widerspruch einlegen – ganz ohne Papier. Auch die Bezahlung ist via Paypal und Kreditkarte möglich. Rund eine halbe Million der insgesamt 58 bis 62 Millionen Euro, die in Hessen pro Jahr durch Ordnungswidrigkeiten eingenommen werden, gehen bereits auf diesem Wege auf den Konten hessischer Kommunen ein.

 

Hessische App »Owi21« als Exportschlager in ganz Deutschland

Seit 2004 ist »Owi21« bei der Bußgeldstelle im Dienst, zwei Jahre später gab es alle Akten nur noch digital, und seit 2014 gibt es die App auch als Mobilversion auf den Diensthandys von Polizeibeamten in Mittelhessen. Bei Grambauer und seinen Kollegen gehört das Smartphone mittlerweile zur Standardausrüstung. Jedes Mal, wenn ein Team auf Streife geht, wird eins mitgenommen. Dort kann sich der Beamte mit seiner Personalnummer und einem Kennwort wie auf jedem anderen Arbeitsplatz in der Dienststelle einloggen und loslegen – egal, ob es um Parkverstöße, einen nicht angelegten Gurt, das unerlaubte Benutzen des Smartphones oder den abgelaufenen TÜV geht.

»Owi21« ist aber nicht nur in Hessen ein voller Erfolg: Bereits sieben Bundesländer verwenden das System, das das kommunale Gebietsrechenzentrum ekom21 in Gießen in Zusammenarbeit mit dem RP Kassel einst entwickelt hatte. Jedes Jahr werden so rund 21 Millionen Ordnungswidrigkeiten bearbeitet, ab Juli kommt auch Rheinland-Pfalz dazu. »Ich freue mich auf die Zukunft, denn durch solche Systeme wird unsere Arbeit leichter und wir haben mehr Zeit für andere Dinge«, sagt Grambauer – und löscht meine Anzeige wegen Falschparkens wieder.

Info

Drei Fragen an Polizeipressesprecher Jörg Reinemer

Wie bewerten Sie den Einsatz der App »Owi21 to go«?
Jörg Reinemer: Die Bearbeitung solcher Ordnungswidrigkeiten wird bei den Kollegen damit immer schneller. Das ist wichtig, denn gerade das Bearbeiten von solchen Dinge ist oft eine Zusatzaufgabe für sie und schafft daher Freiräume für andere Polizeiarbeit.

Wie wird die digitale Entwicklung bei der Polizei weitergehen?
Reinemer: Die Entwicklung in diesem Bereich ist sehr rasant. Es werden mit Sicherheit weitere Neuerungen, die uns den Polizeialltag erleichtern, kommen. Aufgrund diese schnellen Entwicklung ist es schwer vorherzusagen, wo wir beispielsweise in fünf Jahren stehen.

Was sind die Hintergründe dieser Entwicklung?
Reinemer: Da gibt es sehr viele Gründe. In nahezu allen Bereichen der Kriminalitätsbekämpfung aber auch der Prävention werden bereits digitale Mittel eingesetzt. Dieser Prozess wird in den nächsten Jahren mit Sicherheit so weiter gehen. Dabei müssen wir auch immer wieder prüfen, wo wir uns verbessern können.

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