06. April 2019, 17:00 Uhr

Führerscheinabbrecher

»Sie haben Ihr Ziel nicht erreicht«

Mancher Jugendliche schafft heute die Führerscheinprüfung nicht mehr oder bricht sogar ab. Über die Ursachen stochern Experten noch weitgehend im Dunkeln.
06. April 2019, 17:00 Uhr
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Von Rüdiger Geis
»Blinker setzen und da vorne rechts abbiegen«: Die Zahl der Jugendlichen, die durch die Fahrprüfung fallen, ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Über die Gründe dafür rätseln die Experten noch. Eine Studie soll Aufklärung bringen. (Foto: dpa)

Der Straßenverkehr stellt immer höhere Ansprüche, verlangt von Fahranfängern nicht nur enorme Aufmerksamkeit, sondern auch mehr Wissen. 1960, in der Hochzeit des Wirtschaftswunders, bewegten sich auf (West-)Deutschlands Straßen gut 4,5 Millionen Pkw. Zehn Jahre später waren es schon rund 13,9 Millionen.

1980 hatte sich die Zahl auf 23,2 Millionen erhöht, 1990 waren es 30,7 und im Jahr 2000 im wiedervereinigten Deutschland schon 42,8 Millionen Pkw. Für dieses Jahr nennt das Statistikportal Statista 47,1 Millionen Fahrzeuge.

Auf den Straßen wird es voller – nicht zuletzt deshalb, weil manche Fahrbahn zugeparkt ist. Viele Baustellen sorgen für weitere Engpässe. Die Anforderungen an die Prüflinge steigen. Für Experten ein Grund für die zunehmende Zahl von Fehlversuchen.

Tendenz auch in Hessen spürbar

»Immer mehr Fahrschüler rasseln durch die Führerscheinprüfung«, meldet das Goslar-Institut, eine Studiengesellschaft für verbrauchergerechtes Versichern.

Bundesweit seien es laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) im Jahr 2017 knapp 37 Prozent in der Theorie und 28 Prozent in der Praxis gewesen. Im Jahr davor hätten die Werte noch 34,8 und 26,6 Prozent betragen.

Diese Tendenz kann Frank Dreier bestätigen, »aber auf niedrigerem Niveau«. Der 50-Jährige übernahm im Jahr 2000 die 1970 gegründete Fahrschule seines Vaters in Bad Nauheim. Dreier ist zugleich Vorsitzender des hessischen Fahrlehrerverbandes, der rund 600 Mitglieder hat und gut 500 Fahrschulen vertritt.

Anforderungen steigen ständig

Von der »Nichtbestehenquote« sei Hessen allerdings immer noch das beste Bundesland. Das belegen auch die Zahlen des TÜV Hessen: 31,4 Prozent der Bewerber fielen durch die theoretische Prüfung, 23 durch die praktische.

Regional gebe es auch Unterschiede zwischen Großstädten und dem ländlichen Bereich, erläutert TÜV-Sprecher Uwe Herrmann. Gründe dafür seien in der Verkehrsdichte und in der Bewerberstruktur zu sehen.

»Die Anzahl der Fahrzeuge und damit die Anforderung an die Bewerber steigt mit jedem Jahr. Die Bewerberanzahl hat in den letzten Jahren entgegen der demografischen Entwicklung weiter zugenommen.«

Funktionierende Zusammenarbeit

»Wenn man die Statistiken betrachtet, folgt Hessen ganz genau den Bundestrends über die Jahre, aber auf wesentlich niedrigerem Niveau«, sagt Herrmann.

»Hier spielen die wirtschaftlichen Verhältnisse der hessischen Bürger mit Sicherheit eine Rolle, die sich in der guten Ausbildung widerspiegeln.« Zurückzuführen sei dies auch auf eine funktionierende Zusammenarbeit der Fahrschulen mit dem TÜV.

Ein Grund ist, dass der Führerschein heutzutage nicht mehr den Stellenwert hat, wie das mal vor einigen Jahren noch der Fall war

Frank Dreier, Fahrlehrer

Die Frage, warum Fahrschüler trotzdem zunehmend durchfallen, ist aus Dreiers Sicht nicht pauschal zu beantworten. Eine derzeit laufende Untersuchung im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen soll hier mehr Klarheit schaffen. »Ein Grund ist, dass der Führerschein heutzutage nicht mehr den Stellenwert hat, wie das mal vor einigen Jahren noch der Fall war«, sagt Dreier.

Ein Beeinflussungsfaktor könnte auch die parallele Prüfungsanforderung durch Abitur oder Ausbildung sein. »Allerdings hat man ja heute die Möglichkeit, den Führerschein bereits mit 17 zu machen. Also wäre da ja auch bei vielen die Vorverlagerung gegeben«, meint Dreier.

Zahl der Zocker nimmt zu

Laut Goslar-Institut bemängeln Fahrlehrer auch eine abnehmende Bereitschaft, sich ausreichend vorzubereiten: Die »Zahl der Zocker, die ohne groß zu pauken erst einmal auf gut Glück in die theoretische Prüfung gehen, um gegebenenfalls zu wiederholen«, habe zugenommen.

Dabei geht es ja nicht gerade um »Peanuts«. Gut 2000 Euro Kosten für einen Führerschein sind keine Seltenheit, sagt Dreier. Und nach oben seien keine Grenzen gesetzt. Rund 30 bis 40 Fahrstunden müsse man in einer Kleinstadt schon ansetzen, in einer Großstadt eher mehr.

Natürlich sei es auch ein Riesenunterschied, ob man sich in Frankfurt oder im Vogelsberg auf eine Fahrprüfung vorbereite. Die praktische Prüfzeit dauere heutzutage länger als früher, und auch die theoretischen Prüfanforderungen seien höher geworden. Letztlich habe der Erfolg auch etwas mit dem persönlichen Talent zu tun.

Wirkliche »Aussteiger« sind selten

Aus seiner Erfahrung weiß Dreier: Wirkliche »Aussteiger« sind selten. »Die meisten brechen nicht ab. Wer in die Fahrschule geht und das Projekt beginnt, der führt das auch in aller Regel zu Ende.« Auto und Motorrad sind nach Expertenmeinung für die Jüngeren allerdings nicht mehr die Statussymbole wie früher.

Das kann auch Dreier bestätigen: Es gebe immer häufiger die Erfahrung, dass Jugendliche weniger Spaß am Autofahren und Interesse an Autos hätten. Trotzdem: »Den Führerschein abzubrechen, heißt unnötig Geld zu verbrennen. Aber aus meiner Sicht ist das die Ausnahme«, meint Dreier.



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