21. Februar 2020, 22:03 Uhr

Schock in muslimischer Gemeinschaft ist groß

21. Februar 2020, 22:03 Uhr

- Auf den ersten Blick wirkt alles wie immer in der Münchener Straße im Frankfurter Bahnhofsviertel, die wie kaum ein anderer Ort die multikulturelle Mischung der Stadt verkörpert: Frauen mit Kopftüchern und langen weiten Mänteln prüfen das Obst oder Gemüse in den Auslagen der Geschäfte. Männer lassen Gebetsperlen durch die Finger gleiten, während sie auf den Beginn des Freitagsgebets in einer der Moscheen in der Straße warten.

Manche trauen sich nicht aus dem Haus

Es herrscht geschäftiges Treiben in den Läden und Restaurants türkischer und marokkanischer, afghanischer oder pakistanischer Geschäftsleute - so etwas wie Normalität am Tag nach dem Schock über den Anschlag in Hanau.

Auch die Deutsch-Marokkanerin Ghislane Abouassam hat ihren Kinderwagen in einen Innenhof geschoben und ihre Einkäufe erledigt. »Ich mache mir nicht so viel Gedanken, dass auch hier etwas passieren könnte, sonst würde ich verrückt«, sagt die junge Frau, während sie ihre Einkäufe verstaut. »Aber meine Schwiegermutter traut sich heute nicht aus dem Haus - sie geht noch nicht mal in die Moschee.«

In der Community kursierten Whatsapp-Nachrichten, Gerüchte, dass es auch in anderen Städten der Rhein-Main-Region Anschläge gegen Muslime oder Menschen mit Migrationshintergrund geben könnte. Videos von den Tatorten in Hanau würden verbreitet.

»Ich war erst in der vergangenen Woche in Hanau bei einer Freundin«, erzählt Abouassam. Ihre ebenfalls in Hanau lebende Cousine sei am Donnerstag so verstört gewesen, dass sie nicht einmal in der Lage gewesen sei, zur Mahnwache für die Toten von Hanau zu gehen. »Sie hat es einfach nicht geschafft, das Haus zu verlassen.«

Abouassam will sich von diesen Ängsten nicht anstecken lassen, auch wenn sie selbst wiederholt angegriffen und beleidigt worden sei, seit sie vor vier Jahren begann, das Kopftuch zu tragen. »So etwas kann wirklich jeden treffen, überall«, sagt sie nachdenklich. Doch ihr Alltag solle nicht durch den Anschlag von Hanau verändert werden - das wäre eine Kapitulation vor Terror.

»Die Polizei müsste aufpassen, mehr Präsenz zeigen - gerade an einem Freitag, wenn viele Menschen zum Gebet kommen«, sagt der Geschäftsmann Alim Cosgun, der mit Bekannten an einem Stehtisch ins Gespräch vertieft ist. »Wir haben jetzt Angst, gemeinsam in die Moschee zu gehen«, ergänzt ein anderer Mann, der nicht namentlich genannt werden will. Er hoffe, dass die Ermittlungen gut voran kommen und alles aufgeklärt wird. »Ich hoffe, es wird nicht so wie beim NSU.«

Die rechtsextreme Terrorzelle hatte über viele Jahre unentdeckt Menschen mit ausländischen Wurzeln ermordet. Der Mann sagt, er sei 56 Jahre alt und lebe seit 40 Jahren in Deutschland. »Ich bin hier zu Hause, ich habe hier meine Familie gegründet - wie kann man mir sagen, ich sei ein Fremder?«

»Die Politik hat zu lange geschwiegen«, findet Cosgun. Er fühle sich traurig angesichts der Toten von Hanau. »Das sind schwere Tage.« Hat er jetzt Angst, wenn seine Kinder abends eine Shisha-Bar besuchen? Cosgun macht eine abwehrende Handbewegung: »Die müssen um neun zu Hause sein - Shisha-Bars gefallen mir nicht.«

Mulmiges Gefühl in Shisha-Bars

In einer Shisha-Bar in der Münchener Straße sind die Türen geschlossen - allerdings nicht aus Sicherheitsgründen, sondern angesichts der frühen Tageszeit. Ein 50 Jahre alter Supermarktmitarbeiter glaubt, dass zumindest für eine Weile der Besuch in einer Shisha-Bar mit einem mulmigen Gefühl verbunden sein wird. »So ein Ort, wo sich die Menschen abends treffen, der könnte auch von einem anderen Wahnsinnigen angegriffen werden. Aber in ein paar Monaten werden die Menschen diese Ängste wieder vergessen. Sonst kann man doch gar nicht weiterleben.« dpa

Schlagworte in diesem Artikel

  • Einkauf
  • Gemüse
  • Geschäfte
  • Moscheen
  • Multikulturalität
  • Obst
  • Polizei
  • Frankfurt
  • DPA
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.