16. April 2019, 07:28 Uhr

Gewalt gegen Schaffner

Schaffner: Angespuckt, beleidigt und getreten

Todesfälle oder schwere Unfälle auf den Gleisen sind für betroffene Lokführer äußerst belastend. Zunehmend wirken sich aber auch Pöbeleien und Drohungen negativ auf Schaffner und Lokführer aus.
16. April 2019, 07:28 Uhr
Es kann auch freundlich zugehen: Eine Kundenbetreuerin unterhält sich in der Odenwaldbahn mit einem Fahrgast. (Foto: dpa)

Wenn Kollegen bei Thomas Pfeifer oder Sybille Diehl anrufen, gibt es oft schlechte Nachrichten. Der Lokführer und die Kundenberaterin arbeiten beim südhessischen Bahnunternehmen VIAS und stehen im Krisenfall bereit.

Denn auch für das Bahnpersonal gibt es Gründe für Wut, Trauer und Verzweiflung. Etwa der Tod eines Menschen auf den Bahngleisen. Die psychischen Folgen für die Lokführer können dramatisch sein. Gleichwohl rückt seit Jahren noch ein anderes Thema in den Fokus der Krisenberater: Anfeindungen und Wutausbrüche von Fahrgästen nehmen zu.

»Wir beobachten eine steigende Anzahl von Übergriffen«, sagt Diehl. Die 49 Jahre alte Schaffnerin wurde selbst schon mehrfach beleidigt oder angebrüllt, als sie Reisende zum Vorzeigen der Fahrkarte aufforderte.

Mehr Konfliktfälle

»Verbale Attacken und derbe Beleidigungen sind Alltag«, sagt Diehl. Viele der 52 Kundenbetreuer würden unter solchen Attacken leiden. Ab und zu würden Schaffner sogar geschlagen. »Oft werden wir angespuckt«, sagt Diehl.

Mit diesem Problem ist die VIAS nicht alleine. Auch beim Rhein Main Verkehrsverbund (RMV) wird über die aggressiven Vorfälle gesprochen, wie eine Sprecherin sagt. »Deshalb ist die Arbeit der VIAS-Mitarbeiter auch so wichtig«, fügt sie hinzu.

Die Deutsche Bahn (DB) registriert eine steigende Zahl solcher Konfliktfälle, wie ein Unternehmenssprecher in Frankfurt sagt. Zahlen wolle man indes nicht nennen.

Gesellschaftliches Problem

Für solche Fälle, aber auch für Probleme nach Unfällen und Suiziden, stehe bundesweit ein Team geschulter Psychologen für Mitarbeiter bereit. »Wir erhalten regelmäßig Berichte von Beleidigungen und Attacken«, sagt auch Uwe Reitz, Sprecher der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Wie Rettungskräfte und Polizeibeamte, so würden auch Zugbegleiter die Wut der Menschen auf sich ziehen, wenn Dinge nicht funktionieren, wie sie sollten.

Aus Sicht von Reitz ist das ein gesellschaftliches Problem. »Viele Fahrgäste stehen beruflich und privat extrem unter Stress. Das sorgt womöglich dafür, dass die Hemmschwelle sinkt«, sagt er.

Passagiere morgens oft genervt

Platzmangel im Zugabteil könne leicht Pöbeleien hervorrufen. Bei Verspätungen würden auch Bierdosen gegen Fenster der Triebwagen geschleudert, Schaffner seien schon mit Kaffee überschüttet worden.

Das kennt auch das VIAS-Team. Gerade am Morgen seien Passagiere genervt. Etwa wenn sich die Bahn verspätet. Als Schaffner dürfe man die Angriffe nicht persönlich nehmen. »Es geht in solchen Fällen ja nicht um mich. Gemeint sein könnte ja jeder, der in diesem Augenblick die Fahrkarte kontrolliert«, sagt Sybille Diehl.

Aber auch sie weiß, Menschen leiden unter solchen Angriffen – ob diese persönlich gemeint sind oder nicht. Daher könnten längst nicht alle Kollegen gelassen bleiben.

Schock sitzt oft tief

Thomas Pfeifer ist Lokführer beim Bahnunternehmen VIAS und hat vor sieben Jahren das Krisenteam gegründet. Der Schock sitze nach Suiziden oder Unfällen tief, sagt Pfeifer. »So tief, dass selbst gut gemeinte Erinnerungskerzen an den Unglücksorten oder von Hinterbliebenen aufgestellte Kreuze Wut und Trauer verursachen können«, fügt er hinzu.

Dadurch nämlich, würden Lokführer unbeabsichtigt an tragische Unfälle oder Suizide erinnert. Dabei treffe die Kollegen keine Schuld. »Bei einer Geschwindigkeit von 140 Stundenkilometern kann der Bremsweg bis zu 800 Meter betragen«, sagt Pfeifer.

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