17. März 2019, 21:00 Uhr

Inzucht

Rotwild in Gefahr

Experten schlagen Alarm: »Es ist bereits fünf nach zwölf«. Gemeint sind die Lebensbedingungen des Rotwilds in Hessen. Sie führen zu Inzucht.
17. März 2019, 21:00 Uhr
Große Straßen isolieren Rotwild-Gruppen. Die Folge: weniger genetische Vielfalt und Inzucht. (Foto: dpa)

Das Rotwild in Hessen ist wegen genetischer Verarmung und Inzucht massiv in Gefahr. Die genetische Vielfalt der größten heimischen Säugetierart sei seit langer Zeit deutlich zurückgegangen, berichteten der Landesjagdverband Hessen und Wildbiologe Gerald Reiner von der Universität Gießen am Samstag in Alsfeld. Die Rothirsche als »Könige der Wälder« seien weniger widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse und Krankheiten geworden.

Da sich die Tiere oft nur noch innerhalb einer Teilpopulation paaren können, komme es zu Inzuchtproblemen. Es seien bereits Missbildungen dokumentiert.

 

Schuld sind vor allem große Straßen

Aktuell seien die Populationen durch Barrieren wie Autobahnen, Bundesstraßen und Siedlungen in vollständig isolierte, inselartige Vorkommen aufgeteilt, berichtete Reiner. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises für Wildbiologie an der Universität Gießen. Seinen Worten zufolge ist es »bereits fünf nach zwölf« – und damit höchste Zeit, Maßnahmen zur Verbesserung der genetischen Vielfalt und der Biodiversität insgesamt zu ergreifen.

Bei dem Forschungsprojekt wurden alle 20 hessischen Rotwildgebiete untersucht; vom Reinhardswald bis zum Odenwald und vom Rothaargebirge bis zum Spessart. In einem Zeitraum von über zwei Jahren sammelten hessische Jäger Geweihstangen sowie Blut- und Gewebeproben. Die 1300 Proben wurden im Klinikum für Veterinärmedizin der Uni Gießen von einem Forscherteam um Professor Reiner untersucht. Dabei kam unter anderem heraus: »Die Inzuchtgrade nehmen mit steigender Isolation und sinkender Zahl an Individuen innerhalb der Populationen exponentiell zu und zeigen bereits drastische Auswirkungen auf Gesundheit und Tierwohl«, so Reiner.

Zustande kommt die Bedrohung für das Rotwild vor allem durch große Verkehrswege, die unüberwindbare Hindernisse für die Tiere sind. »Die Hauptbarrierewirkung geht von den Autobahnen A5, A7, A44, A45 und A49 aus sowie vom Rhein-Main-Gebiet«, erklärte Reiner. Die Autobahnen zerschneiden Hessen förmlich in Populationsgebiete, zwischen denen die Tiere nicht wechseln können.

Die Ergebnisse sind laut Landesjagdverband und Forschern erschreckend: Einige Rotwildgebiete, wie Wattenberg-Weidelsburg und der Krofdorfer Forst seien weitgehend isoliert, der Knüll westlich der A7, der Odenwald und der Reinhardswald seien in Bezug auf die übrigen hessischen Rotwildgebiete vollständig isoliert.

 

Zehn weitere Brücken nötig

Die Forscher fordern zu raschem Handeln auf. »Der Schlüssel liegt in der Vernetzung von Gebieten mit guten Lebensräumen und vernünftigen Wilddichten«, erklärte Reiner. Es gehe um den langfristigen Erhalt unserer größten noch existierenden Säugetierart.

Chancen zur Vernetzung biete der Bau weiterer Grünbrücken, erklärte der Landesjagdverband. Aktuell gibt es in Hessen nur davon, wie der Verband kritisierte. Zwei weitere seien zwar derzeit an der A49 in Allendorf (Landkreis Waldeck-Frankenberg) und an der A44 bei Waldkappel (Werra-Meißner-Kreis) in Bau. »Das reicht aber noch lange nicht. Wir brauchen zehn weitere«, sagte Verbandssprecher Markus Stifter. Der Verband fordert unter anderem Grünbrücken an der A45 bei Haiger und an der A5 zwischen Gießen und dem Hattenbacher Dreieck.

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