10. November 2015, 13:00 Uhr

Rettung in letzter Sekunde

Florstadt (lk). Das Auto brennt, die Flammen züngeln bereits am Ärmel des 18-Jährigen, der blutüberströmt und mit gebrochenen Beinen im Opel sitzt. Er ist eingeklemmt, schreit immer wieder: »Holt mich hier raus.« Vier Wetterauer helfen – und scheitern zunächst. Doch sie lassen nicht locker, ziehen den jungen Mann aus dem Auto.
10. November 2015, 13:00 Uhr
Der Fahrer des Opel Corsa wird beim Unfall in seinem Wagen eingeklemmt. Das Auto fängt Feuer. Ersthelfer ziehen den schwerverletzten jungen Mann ins Freie. (Foto: eij)

Lisa Fritzel und Sorin O. haben einen Wunsch: »Wir sind glücklich, wenn er wieder gesund wird.« Mit »er« meinen die beiden den 18-jährigen Nieder-Mockstädter, dem sie am Samstag das Leben gerettet haben. Der junge Mann war mit seinem Opel Corsa am Stammheimer Kreuz auf die Gegenfahrbahn geraten und in einen VW Passat gerast. Der Corsa fing sofort Feuer, der 18-Jährige wurde von seinen Lebensrettern in letzter Sekunde aus dem Auto gezogen.

»Wir waren auf dem Weg zum Fußballplatz«, sagt der 29-jährige Sorin O., der aus persönlichen Gründen nicht möchte, dass sein voller Name genannt wird. Seit Jahren kickt O. im Verein. Mit seiner Bekannten Lisa Fritzel und einem Team-Kollegen sitzt er am Samstag im Auto, kommt an der Unfallstelle vorbei. Was er dann erlebt, »wünsche ich niemandem«, sagt der 29-Jährige am Montag.

Das Trio stoppt, rennt zu den Unfallautos. O. sieht, dass das Paar im Passat ausgestiegen ist. Doch der Corsa brennt. Und es sitzt noch jemand darin. »Das Fenster auf der Fahrerseite stand offen.« Der Insasse sei blutüberströmt, seine Gliedmaßen seien verdreht gewesen, erinnert sich Lisa Fritzel. Die 26-jährige Stammheimerin berichtet: »Ich dachte erst, der Mann ist tot.« Doch dann habe er geschrien. »Es roch nach verbranntem Fleisch.« Dem Team-Kollegen von O. wird schlecht. Der Corsa brennt immer stärker. Fritzel: »Uns war klar, dass die Feuerwehr es nicht mehr rechtzeitig schaffen wird.« Eine weitere Frau kommt hinzu. »Sie hat versucht, das Feuer an der Motorhaube mit einer Decke zu löschen.« Erfolglos. O. will die Fahrertür öffnen, doch die ist verzogen. Weitere Autofahrer halten, Fritzel läuft auf sie zu, fragt, ob jemand einen Feuerlöscher hat. Keiner hat einen.

Auch Schreinermeister Jürgen Hausner passiert die Unfallstelle. Der 53-jährige Ortenberger steigt aus. Er hat einen Radschlüssel dabei, versucht die Fahrertür des Corsa aufzustemmen. Es klappt nicht. »Überall war Öl auf der Straße. Ich hatte Angst, dass das Auto in die Luft geht«, sagt Hausner.

Fritzel kommt eine Idee, sie will über die Rückbank ins Auto einsteigen und die Fahrertür von innen auftreten. Doch die Hitze schlägt ihr brutal ins Gesicht – zu brutal. Der Insasse schreit wieder und wieder: »Holt mich hier raus.« Sorin O. ist verzweifelt. »Ich habe mich total hilflos gefühlt«, berichtet er. Doch O. lässt nicht locker, greift wieder in den Wagen, löst den Sicherheitsgurt des 18-Jährigen. Mehrfach versucht er, den Nieder-Mockstädter durch das Fenster aus dem Auto zu ziehen. Doch die Kraft reicht nicht. »Seine Jacke hatte inzwischen Feuer gefangen«, erinnert sich O. Er habe den 18-Jährigen nicht zu stark bewegen wollen, aus Angst, dessen Wirbelsäule könne verletzt sein. »Doch als die Flammen immer stärker wurden, ging es nur noch darum, schnell zu handeln. « Gemeinsam mit Hausner packt der 29-Jährige nochmals zu. Erst in einem dritten Anlauf schaffen sie es, den 18-Jährigen ins Freie und vom Auto wegzuziehen. Kurz darauf lässt die Hitze die Scheiben bersten.

Während O. die Unfallstelle absichert, stellt Lisa Fritzel dem 18-Jährigen Fragen. »Damit er von den Schmerzen abgelenkt wird. Ich habe mir mehrfach seinen Namen buchstabieren lassen, habe ihn nach seinen Hobbys und sogar nach Allergien gefragt«, erinnert sich die Stammheimerin. Der 18-Jährige sei irgendwann richtig sauer geworden. Es sei schlimm gewesen, als er realisiert habe, dass seine linke Hand verbrannt sei. Auch O. hat sich die Hand bei seinem Einsatz etwas versengt. Doch das ist ihm egal, denn der Nieder-Mockstädter lebt. Polizeipressesprecher Erich Müller berichtet am Montag, der junge Mann liege zwar noch auf der Intensivstation, werde aber durchkommen. Und Müller lobt das Engagement der Lebensretter, die für einen Helferpreis vorgeschlagen werden sollen.

Warum die Ersthelfer so reagiert haben, wie sie reagiert haben? »Ich weiß es nicht. Vielleicht aus Verzweiflung. Wenn ich ihn hätte verbrennen sehen, wären mir die Bilder nie mehr aus dem Kopf gegangen«, sagt Sorin O. Fritzel begründet: »Naja, wenn wir nichts gemacht hätten, hätte wohl keiner etwas gemacht.« Handwerksmeister Hausner, der inzwischen erfahren hat, dass der junge Nieder-Mockstädter ein ehemaliger Klassenkamerad seines Sohnes ist, sagt: »Ich würde es immer wieder tun, wenn ich dadurch ein Leben retten kann.«

Die Ersthelferin, die versucht hat, das Feuer mit der Decke zu löschen, ist noch unbekannt. Die Polizei bittet die Frau, sich zu melden, Tel. 0 60 31/60 10.

Keine Explosionsgefahr: Ein brennendes Auto, dann eine gewaltige Explosion, umherfliegende Autoteile und Glassplitter – was im Actionfilm quasi zum Standard gehört, kommt in der Realität im Grunde nicht vor. »Es ist schon grob fahrlässig, was man im Fernsehen sieht. Autos explodieren nicht. Ganz einfach«, sagt ADAC-Technikexperte Hubert Paulus. Das gelte im übrigen auch für Gas-Autos. Gefährlich ist es dennoch, sich einem brennenden Fahrzeug zu nähern, denn der Rauch ist häufig hochgiftig. (bf)

18-Jähriger aus brennendem Auto gezogen

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