28. Februar 2017, 09:00 Uhr

Rassismusvorwurf

Polizei und Tränen bei Fuldaer Umzug

Der »Südend-Neger« erntete auf dem traditionellen Fuldaer Rosenmontagszug vor allem eines – Sympathien. Tränen gab es am Ende doch noch.
28. Februar 2017, 09:00 Uhr
Wolfgang Schuster (mittig) und die Mitglieder des Karnevalvereins Südend Fulda laufen beim Rosenmontagsumzug in Fulda ohne schwarz angemaltes Gesicht als sogenannter »Südend-Neger« mit. (Foto: dpa)

Nach dem Fuldaer Rosenmontagszug mit glücklichem Ende fließen bei den heftig kritisierten Narren Tränen der Erleichterung. »Ich war total gerührt. So etwas habe ich noch nie erlebt«, sagt Wolfgang Schuster (72) mit schimmernden Augen. Der Rentner ist so etwas wie die Symbolfigur des ungewöhnlichen Streits in der hessischen Fastnacht. Die Rassismusvorwürfe wegen – je nach Standpunkt – fragwürdiger Verkleidungen sorgten überregional für Aufmerksamkeit.

Weil die Polizei eine erhöhte Gefährdungslage ausmachte, bekam der Karnevalsverein Südend Fulda sogar Geleitschutz von einigen Beamten. Aus Sorge vor Übergriffen. Nach dem feierlichen Fußmarsch der etwas angespannt wirkenden Narren durch die Innenstadt vermeldete die Polizei. »Es blieb ruhig und friedlich. Alle Vereinsmitglieder sind unbeschadet durchgekommen«, sagte ein Polizeisprecher.

Die Ordnungshüter hatten befürchtet, dass die rund 100 mitlaufenden Südend-Narren von Kritikern womöglich mit Farbbeuteln beworfen, angepöbelt oder angegriffen werden könnten. Doch stattdessen schlugen ihnen von Zaungästen unter den 70 000 Zuschauern an der Strecke große Sympathien entgegen. Im Mittelpunkt stand Wolfgang Schuster, dem fast Kultfigur ähnliche Verehrung entgegengebracht wurde. Denn in den Vorjahren verkleidete er sich immer als »Neger vom Südend«; mit einem Leopardenfell, einer Knochenkette, einem Knochen in der schwarzen Perücke und einem schwarz geschminkten Gesicht. Diesmal blieb sein Gesicht blass. Und auch die wilde Knochen-Maskerade ließ er weg – um den Konflikt nicht anzuheizen und als Zugeständnis für die Anstandspolizei.

Kritiker stießen sich an dem Blackfacing, wie es genannt wird, wenn Weißen schwarze Gesichter geschminkt werden, ebenso wie an den Kolonialuniformen des Karnevalsvereins. Sozialwissenschaftler der Hochschule Fulda bezeichneten die Darstellungsformen des Vereins als »herabwürdigende, menschenverachtende und rassistische Praktiken«. In einer vor Karneval breit gestreuten Mail kritisierten sie: Durch das Tragen der Kolonialuniformen und Parodieren von Schwarzen werde »Völkermord, Unterdrückung und Entrechtung verharmlost und gutgeheißen«.

Der Verein wies die Kritik als »völligen Quatsch« zurück. Und auch viele Zuschauer fanden sie offenbar unangemessen. Beim Umzug wurde dem kritisierten Klub der Rücken gestärkt. Vertreter zahlreicher Karnevalsvereine begleiteten das Südend als Zeichen der Solidarität. Und auch die viele Zuschauer gaben ihr persönliches Statement ab. Leute trugen Schilder mit Sprüchen wie »Ein Herz für Neger« und »Je suis Südend-Neger« oder schminkten sich demonstrativ schwarze Gesichter.

Historisches Bewusstsein gefordert

So manch ein Wissenschaftler findet diese Haltung wenig originell. »Der Verein sollte sich historisch bewusst werden, auf welche Tradition er sich bezieht«, sagt der Historiker Dirk van Laak von der Universität Leizpig. Der Verein wurde 1938 gegründet. Deutschland hatte in dieser Zeit keine Kolonien mehr, sehnte sich aber danach zurück. Van Laak plädiert für eine offene Diskussion.

Aufstände in den deutschen Kolonien wurden teilweise brutal niedergeschlagen. Man erhebe sich mit kolonial anmutenden Uniformen über die Opfer deutscher Kolonialherrschaft, sagt Winfried Speitkamp, Historiker der Universität Kassel. »Es gibt eine Grenze, wo man doch keine Witze mehr machen sollte.«

Der Vereinsvorsitzende vom Fuldaer Südend, Andreas Beck, sagte, dass die Mitglieder nach der Fastnacht beraten wollen, wie sie mit den Vorwürfen umgehen und welche Konsequenzen sie daraus ziehen wollen. Wolfgang Schuster würde sich am liebsten anmalen – wie früher. »Ohne Schminke fühle ich mich nackt. Ist ganz fremd für mich. Ich würde gern wieder mein gewohntes Outfit tragen – schön braun und mit Knochen am Kopf.«

Politiker unterstützten Karnevalisten

Unterstützung bekommen die Narren trotz Expertenkritik auch vom ein oder anderen Politiker. In Fulda entwickelte sich das Thema zum Stadtgespräch, ein wenig sogar zum Politikum. Der Fuldaer Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld (CDU) sagte zum Karnevals-Knatsch, die Wissenschaftler hätten »von der Fastnacht keine Ahnung«. Und auch der CDU-Landtagsabgeordnete Markus Meysner aus Osthessen sagte, der Verein solle bei seiner Tradition bleiben.

Auch der Kreisverband der Jungen Union in Fulda appellierte an den Verein, seine Tradition nicht aufzugeben. Der Vorsitzende Julian Vogt sagte, er bedauere es, dass das Südend den Kritikern nachgegeben habe. Allein von einer Verkleidung auf eine Verherrlichung oder eine Diffamierung zu schließen, verbiete sich grundsätzlich. Weder könne man davon ausgehen, dass als Ritter verkleidete die Gräueltaten und Kriege im Mittelalter guthießen, noch dass Soldatenkostüme für eine Verherrlichung von Krieg im Allgemeinen stünden.

Der Präsident des Bundes Deutscher Karneval, Klaus-Ludwig Fess, sagte: Wenn die Mitglieder des Vereins Südend an Rosenmontag durch die Straße ziehen, »feiern sie sicherlich nicht die Untaten aus imperialistischer und kolonialistischer Zeit«.

Am Ende feierten die Südend-Narren, dass sie ohne Zwischenfälle durch den Rosenmontagszug gekommen sind. Vereinsboss Beck krächzte heiser: »Ich bin erleichtert. Jetzt fällt der Stress. Der Ärger hat uns zu schaffen gemacht und auch die Unbekümmertheit genommen.«

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