Hessen

Pendler auf dem Abstellgleis

Seit Sonntag herrscht wegen eines Stellwerk-Defekts Ausnahmezustand für Pendler in und um Friedberg. Ein Ende der Odysseen mit Wartezeiten und Ersatzbussen ist nicht in Sicht.
06. Februar 2017, 18:59 Uhr
Christoph Agel
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»Ich glaube, soviel war am Bahnhof Nieder-Wöllstadt schon lange nicht mehr los. Viele Reisende am Bahnsteig, alle gucken hektisch aufs Smartphone, vor dem Bahnhof mehrere Taxen sowie Reisebusse aus Frankfurt, die über Friedberg und Bad Nauheim nach Butzbach fahren, wobei es aber keine genauen Abfahrtszeiten gibt. Der Busfahrer wartet offenbar auf einen weiteren Zug, damit der Bus voll ist.« Neben diesen Worten eines Bad Nauheimers gibt es viele Schilderungen des Pendler-Leids. Zwischen Butzbach und Nieder-Wöllstadt sowie zwischen Friedberg und Nidderau hakt es seit Sonntagnachmittag mächtig im Schienenverkehr. Züge fielen am Sonntag und am Montag reihenweise aus, Ersatzbusse nahmen Pendler auf, Menschen kamen zu spät zur Arbeit oder zur Uni – oder sie verzichteten nach dem Blick auf die App gleich auf den Gang zum Bahnhof.

Am Montagmittag prognostizierte eine Sprecherin der Deutschen Bahn noch, dass die Störung voraussichtlich bis Mittwochmittag andauern werde. Am späten Nachmittag dann die Korrektur: »Eine Aussage zum Störungsende kann zur Zeit nicht gegeben werden.«

Eine technische Störung sei für die Einschränkungen verantwortlich, von denen seit Sonntagnachmittag zahlreiche Pendler betroffen sind, sagt die Bahn-Sprecherin. »Zur Ursache können wir noch nichts sagen. Wir versuchen erstmal, die ganze Sache möglichst rasch zum Laufen zu bekommen.« Jede Störung sei andersgeartet, abhängig beispielsweise von Örtlichkeiten und Zugfolge. »Wir brauchen auch immer ein bisschen Anlauf.« Eventuell müssten Ersatzteile beschafft werden. »Es ist schon eine größere Sache.«

Was die Informationen an den Bahnhöfen betrifft, so hielten sich zu den Hauptreisezeiten sogenannte Reiselenker als Ansprechpartner auf Bahnsteigen in Friedberg und Bad Nauheim auf. Auch am Sonntag sei dies der Fall gewesen. Am späten Montagnachmittag dann die Info, dass zusätzliche Reiselenker in Gießen, Butzbach und Friedberg im Einsatz seien. »Das kann man im Vorfeld auch nicht planen«, sagt die Bahn-Sprecherin hinsichtlich der technischen Störung.

Sie empfahl allen, die auf den betroffenen Strecken den Zug nehmen möchten, sich vor Fahrtantritt über ihre Verbindung zu informieren – unter den Telefonnummern 0 69/26 51 93 82 oder 0 18 06/99 66 33, via DB-Navigator-App oder über die Bahn-Website.

 

Gute Geschäfte für Taxifahrer

 

Folgende Verbindungen sind von der Störung betroffen: Die IC-Linie 26 zwischen Frankfurt und Kassel-Wilhelmshöhe hält nicht in Gießen, wird stattdessen über Fulda umgeleitet. Um die Ausfälle der Regionalbahn-Linie 49 zu kompensieren, kommen zwischen Nidderau und Friedberg auf der Strecke Gießen-Friedberg-Hanau Busse zum Einsatz. Der Regional-Express zwischen Frankfurt und Kassel fährt stündlich zwischen Frankfurt und Gießen mit Halt an allen Bahnhöfen zwischen Nieder-Wöllstadt und Gießen. Laut Pressestelle fährt der Mittelhessen-Express zwischen Butzbach und Treysa sowie zwischen Gießen und Dillenburg. Die Regionalbahn Gießen-Friedberg-Hanau verkehrt nur zwischen Nidderau und Hanau. Zwischen Nidderau und Friedberg werden die Züge durch Busse ersetzt.

Bülent Atilan vom gleichnamigen Taxi-Unternehmen aus Friedberg kann den Widrigkeiten Positives abgewinnen: »Es ist eindeutig ein warmer Regen – für uns ist es ein gutes Geschäft. Es könnte immer so sein.« Normalerweise stünden Taxis und warteten auf Gäste, jetzt sei es umgekehrt.

Stefan Dreilich wollte am Montag um 9.52 Uhr von Bad Nauheim mit dem Zug nach Frankfurt fahren. Es habe die Durchsage gegeben, dass Busse von Bad Nauheim nach Friedberg fahren, doch habe kein Bus bereit gestanden, schildert er die Lage. »Das ist die reinste Verarschung gewesen.« Pendler hätten draußen vor dem Bahnhof gestanden, als doch plötzlich ein Zug gefahren sei. Er selbst habe es durch Zufall mitbekommen – keine Anzeige an der Tafel, keine Durchsage. »Der Zug war ziemlich voll und sehr dreckig«, sagt der Bad Nauheimer. »Um 23.34 Uhr fährt der Zug zurück, und ich hoffe, dass ich gut heimkomme.«

Kaja Schweitzer sitzt im Bus von Friedberg nach Butzbach, als sie ihre Erlebnis beschreibt. Die Studentin war um 8.23 Uhr von Groß-Umstadt gestartet und wollte weiter von Friedberg nach Gießen gelangen. Im Zug von Hanau nach Nidderau sei durchgesagt worden, dass die Fahrgäste von Friedberg aus weiter mit dem Zug fahren sollten. Es sei viel los gewesen am Friedberger Bahnhof, sagt Schweitzer.

Juliana Rixen arbeitet als Aushilfe im Frankfurter Senckenbergmuseum. Sie hat sich mittels Bahn-App erkundigt und dort von den Ausfällen gelesen. Also verzichtete sie auf den umständlichen Tripp in die Rhein-Main-Metropole. »Für mich lohnt sich das nicht«, sagt Rixen. Da brauche sie für die Fahrt länger, als sie im Büro sei. »Ich gucke immer morgens in der App, weil es schon öfter Stellwerkstörungen gegeben hat«. Dr. Eva Diehl hatte bereits am Sonntag um 21.21 Uhr ihr Zugausfall-Erlebnis. Gerade saß sie auf der Couch und schaute sich den Weimar-Tatort an, als sie eine Nachricht von einem guten Freund erhielt. Er hatte sich das Derby zwischen der Eintracht und Darmstadt 98 angeschaut, wollte zurück nach Gießen. »Wir stehen in Frankfurt, und alle Züge fallen aus – bis morgen Mittag. Nach einer Stunde anstehen haben wir einen Taxi-Gutschein bis nach Butzbach bekommen«, lautete der Hilferuf.

Diehl fuhr los, holte den Freund und seine Kumpels ab. Im Nachhinein betrachtet, hätten die Fußballfans wahrscheinlich in Butzbach in den Zug einsteigen können. Die Folgen des technischen Defekts seien für den Freund aber unabsehbar gewesen, sagt Diehl: »Da stand alles gerammelt voll mit Taxis. Es standen total viele Leute vor dem Bahnhof.«

Kevin Kuck wollte am Montag um 9.25 Uhr von Butzbach nach Gießen fahren und später von Gießen nach Frankfurt. Am Telefon klingt er recht desillusioniert: »Da geht ja heute gar nichts mehr«. Kuck hat sich dazu entschieden, zu Hause zu bleiben. Es gebe auch Ausfälle zwischen Butzbach und Gießen. »Bis man dann angekommen ist, kann man es auch lassen.« Joachim Schuchardt kam am Sonntag mit dem Bus aus Berlin am Frankfurter Hauptbahnhof an. Der Ossenheimer wollte um 15.22 Uhr in den Zug steigen. »Da hieß es lapidar, der Zug fällt aus. Da war Ausnahmezustand am Bahnhof. Die Züge kamen von überall her mit Eintracht-Fans.« Die Bahnmitarbeiter hätten ihm leid getan, sagt Schuchardt. Vor dem Info-Schalter habe sich eine Schlange gezogen – »bis aufs Gleis raus. Das habe ich noch nie gesehen«. Schuchardt fuhr nach Wöllstadt, wo ihn seine Frau abholte.

Linus Doufrain wollte am Montag um 8.45 Uhr von Friedberg nach Gießen fahren. Der Zug fiel aus, so dass der Jugendliche auf den Bus umstieg, um nach Butzbach zu gelangen. Der Bus sei dann allerdings erst nach Nieder-Wöllstadt und dann, ohne einen erneuten Stopp in Friedberg, über Bad Nauheim nach Butzbach gefahren. »Die gesamte Pendelbus-Fahrt dauerte eine Dreiviertelstunde. Der Zug in Butzbach und der Bus in Gießen waren dann meine letzten Stationen – Ankunft 10.30 Uhr.«

Am Montagnachmittag blickt Nicola Peters-Geiger schon auf zwei besondere Bahn-Tage zurück. Die Bad Nauheimerin ist bereits am Sonntag unter angespannten Umständen mit dem Zug unterwegs gewesen. Am Montagmorgen wollte sie dann nach Frankfurt zur Arbeit. Sie nutzte den Schienenersatzverkehr nach Nieder-Wöllstadt, stieg dann in die S6 um, fuhr bis Sachsenhausen. »Ich habe über zwei Stunden gebraucht.« Peters-Geiger kritisiert, der Bus sei nicht deutlich als Ersatzverkehr gekennzeichnet gewesen. An Kommunikation habe es ebenfalls gemangelt, auch am Sonntag schon. »Ich weiß noch nicht, wie ich heute Abend nach Hause komme.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/Hessen-Pendler-auf-dem-Abstellgleis;art189,206857

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