Hessen

Ökologischer Antrieb für den ÖPNV

Mainz/Wiesbaden/Frankfurt - Wasserstoff-Fahrzeuge können viel weiter fahren als batteriegetriebene E-Autos. Nach Einschätzung von Fachleuten sind sie besonders für den Bus- und Schwerlastverkehr geeignet. Im Rhein-Main-Gebiet sollen auch bald mit H2 betriebene Busse rollen - so die chemische Formel für Wasserstoff. Doch es fehlen geeignete Fahrzeuge. Bei den Zügen dauert es laut Planung noch fast drei Jahre.
04. Februar 2020, 22:27 Uhr
DPA
Im Energiepark Mainz ist der verdichtete Wasserstoff in Tanks gelagert. Mittels Windenergie wird in der Elektrolyse Wasserstoff produziert.	FOTO: FPA
Im Energiepark Mainz ist der verdichtete Wasserstoff in Tanks gelagert. Mittels Windenergie wird in der Elektrolyse Wasserstoff produziert. FOTO: FPA

Mainz/Wiesbaden/Frankfurt - Wasserstoff-Fahrzeuge können viel weiter fahren als batteriegetriebene E-Autos. Nach Einschätzung von Fachleuten sind sie besonders für den Bus- und Schwerlastverkehr geeignet. Im Rhein-Main-Gebiet sollen auch bald mit H2 betriebene Busse rollen - so die chemische Formel für Wasserstoff. Doch es fehlen geeignete Fahrzeuge. Bei den Zügen dauert es laut Planung noch fast drei Jahre.

Im Energiepark Mainz wird in einem Vorzeigeprojekt der Energiewende bereits tonnenweise grüner Wasserstoff produziert. In der Produktion im Industriepark Höchst entsteht ganz nebenbei in der chemischen Industrie ein Vielfaches an Wasserstoff - allerdings kein grüner.

In Mainz wird in drei Elektrolyseanlagen Wasser - mithilfe von vier Windkrafträdern - in Sauerstoff und brennbaren Wasserstoff gespalten. »Der enthält die Energie von Strom«, sagt der Leiter des Innovationsmanagements der Mainzer Stadtwerke, Jonas Aichinger. Gemeinsam mit dem Unternehmen Linde betreiben die Stadtwerke die Anlage. Abnehmer des Wasserstoffs sollen Fahrzeuge, Industrie und Haushalte sein.

Eigentlich sollten schon bald elf (bereits 2016 bestellte) Brennstoffzellbusse mit dem Wasserstoff durch Mainz, Wiesbaden und Frankfurt fahren. Doch aus den Plänen wird erst mal nichts: Ein eigentlich zuverlässiges Unternehmen aus Süddeutschland habe die in Polen bestellten Busse nicht liefern können, heißt es in Mainz und Wiesbaden.

Die beiden Landeshauptstädte schreiben jetzt gemeinsam europaweit neu aus, wie der Sprecher des Wiesbadener Verkehrsunternehmens ESWE, Christian Giesen, sagt. In Frankfurt sollen nach Darstellung der Nahverkehrsgesellschaft traffiQ Ende 2021 die ersten Wasserstoffbusse fahren. Dafür müssten aber noch diverse Hürden genommen werden. In Belgien werden Busse für Wasserstoff hergestellt - und eben auch in Polen, wie Energietechnikfachmann Gregor Hoogers vom Umweltcampus Birkenfeld sagt. »In Deutschland sind derzeit keine zu kriegen.« Die geplante Wasserstofftankstelle für Busse in Wiesbaden soll trotzdem am 27. Februar an den Start gehen. Rheinland-Pfalz und Hessen haben deren Bau mit je etwa einer Million Euro finanziert, wie es bei der Hessenagentur heißt. Beliefert wird die Tankstelle aus dem Energiepark Mainz.

Nebenprodukt der Chemieindustrie

»Wir glauben an die Technik und die Zukunft«, betont Giesen aus Wiesbaden, trotz des Rückschlags bei den bestellten Bussen. Mit Leih- und Testbussen der Firma Winzenhöler aus Groß-Zimmern in Südhessen sollen erste Erfahrungen gesammelt werden. »Wir möchten ESWE mindestens ein Fahrzeug zur Verfügung stellen«, sagt der Chef des Unternehmens, Christian Winzenhöler. Sein Fuhrpark habe insgesamt acht Wasserstoff-busse: fünf davon sind im Industriepark Höchst unterwegs und einer als Erster im öffentlichen Nahverkehr in Hessen seit Mai 2019 rund um Darmstadt.

Rund 50 Millionen Kubikmeter Wasserstoff entstehen im Industriepark jedes Jahr als Nebenprodukt in der chemischen Industrie, wie Michael Müller von Infraserv Höchst sagt. Das Gros davon nutzten die rund 90 Unternehmen für ihre Produktion, zudem würden die Tankstelle vor den Toren des Werksgeländes und externe Industriekunden damit beliefert. Ein kleiner Teil komme auch dem Heizkraftwerk auf dem Gelände zugute.

Bis zu 200 Tonnen grüner Wasserstoff sollen im Mainzer Energiepark pro Jahr produziert werden, wie Aichinger sagt. Derzeit seien es etwa 180 Tonnen. 200 Tonnen reichten aus, um etwa 40 Linienbusse zu betreiben.

Ein Bus mit einer E-Batterie schaffe bis zu 150 Kilometer am Tag, mit Wasserstoff komme er etwa doppelt so weit, rechnet Aichinger vor. Ähnliches gilt für Pkw: Ein E-Auto könne bis zu 300 Kilometer fahren, ohne zu Tanken. Beim Wasserstoff seien es bis zu 700 Kilometer.

Im Zugverkehr wird Wasserstoff ebenfalls eine Rolle spielen. In Hessen will der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) vom Winterfahrplan 2022 an 27 solcher Züge einsetzen. dpa

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/Hessen-OEkologischer-Antrieb-fuer-den-OEPNV;art189,664179

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