26. Februar 2017, 18:15 Uhr

Wünschewagen

Noch einmal zum Lieblingsort

Ob ans Meer oder ins Fußballstadion: Der Wünschewagen bringt Sterbende an ihre Sehnsuchtsorte. Nun gibt es auch für Patienten aus Hessen die Chance auf eine solche Reise.
26. Februar 2017, 18:15 Uhr
Der Wünschewagen. (Foto: dpa)
Sechs Jahre hat sie ihren kranken Sohn nicht in der Pflegeeinrichtung besuchen können. Zu beschwerlich war die Reisefür eine 86-Jährige, die selbst in einem Pflegeheim im südhessischen Bürstadt an der Bergstraße lebt. Doch mit dem Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) machte sich die schwerkranke Frau im vergangenen Dezember noch einmal auf ins oberpfälzische Wiesau. Es war ihre letzte Chance, den Sohn zu sehen. «Im Heim haben uns schon alle freudig erwartet, viele Bewohnerwussten von der Aktion», erinnert sich Dominique Schadwell.

Gemeinsammit dem Rettungssanitäter Christian Webb trug die Pflegerin die kranke Frau in den Wünschewagen, einen umgebauten Krankenwagen, und sorgte auf der 450 Kilometer langen Fahrt für das Wohlbefinden der Frau und ihrer Tochter. Die zweitägige Reise nach Wiesau und zurück war die Jungfernfahrt für den Wünschewagen des ASB in Hessen.
 
Fotostrecke: Der "Wünschewagen" ist in Hessen unterwegs
Künftig soll er noch vielen sterbenden oder schwerkranken Menschen, die für eine Fahrt im Zug oder Auto zu schwach sind, einen letzten sehnlichen Wunsch erfüllen. Egal, ob an die Nordsee, in die Berge, zu einer Hochzeit oder den Geburtsort.
 
Spendenkonto
Kontoinhaber: ASB Landesverband Hessen e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE55 5502 0500 0007 1330 55
BIC: BFSWDE33MNZ
Verwendungszweck: Wünschewagen

Nun wurde das Fahrzeug offiziell vorgestellt. Die Schirmherrschaft hat Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Einzige Voraussetzung für eine Fahrt im Wünschewagen: Der Patient braucht ein ärztliches Attest, das seine Transportfähigkeit bestätigt. Auch für Kinder gilt das Angebot. «Aktuell fahren wir ausschließlich Ziele in Deutschland an», sagt ASB-Sprecher Kai Oppenländer. Die Fahrt und auch etwaige Eintritts- oder Übernachtungskosten sind für den Fahrgast und eine Begleitperson kostenlos. Das Projekt finanziert sich aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen des ASB und mit Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiter. Der Spezialkrankenwagen hat rund 120 000 Euro gekostet. Bisher gibt es solche Wagen in acht Bundesländern.

Der erste fuhr vor drei Jahren im Ruhrgebiet, erbaut nach niederländischem Vorbild. Das Fahrzeug unterscheidet sich von normalen Krankenwagen durch eine Rundum-Verglasung, so dass der Fahrgast zu allen Seiten hinausschauen kann. Alle medizinischen Geräte an Bord sind in Schränken versteckt. «Wir haben sogar einen Kühlschrank, so dass auch mal ein Getränk serviert werden kann», sagt Oppenländer. Der Fahrgast liegt auf einer bequemen Trage und kann sich in eine mit Sternenbedruckte Decke kuscheln. «Die Wände haben wir mit blauen Sternen geschmückt und einen leuchtenden Sternenhimmel angebracht», erzählt Schadwell. «Unsere Patienten sollen sich hier wohlfühlen, es soll nicht so steril wirken wie in einem Krankenwagen», ergänzt Sanitäter Webb. Dementsprechend stehen auch mal Blumen in einer Vase neben der Trage. Trotzdem sei der Wagen für alle Notfälle gerüstet, «auch falls wir unterwgs einen Unfall sehen», erklärt Webb.
 
Das Vorbild
Das Vorbild für den hessischen Wünschewagen stammt aus den Niederlanden. Die Idee kam Krankenwagenfahrer KeesVeldboer vor zehn Jahren, als er einen Patienten von einem Krankenhaus in Schiedam in der niederländischen Provinz Südholland ins nahe gelegene Rotterdam brachte. Weil bis zur Behandlung noch etwas Zeit war, fuhren sie nach Vlaardingen an den Hafen. Wie sich herausstellte, war der Sterbenskranke ein ehemaliger Seemann. Bewegt von der Freude des Mannes organisierte Veldboer für ihn eine letzte Rundfahrt durch den Rotterdamer Hafen. Doch bei diesem einen Wunsch sollte es nicht bleiben. «Am Anfang haben wir uns noch Krankenwagen ausgeliehen und alles nebenher organisiert, aber bald war klar, dass das nicht reicht», erzählt Ineke Veldboer. Das Paar gründete eine Stiftung, sammelte Spenden und kaufte den erstenumgebauten Krankenwagen. Mittlerweile fahren sechs solcher Wünschemobile durch die Niederlande. Mehr als 8600 Wünsche konnte die Stiftung bereitserfüllen. Das Konzept ist nicht nur in Deutschland gut angekommen,ähnliche Ambulanzen gibt es auch in Israel.

Derzeit engagieren sich 35 Ehrenamtliche für dieses Projekt. Laut Projektleiterin Melanie Kustra durchlaufen die Ehrenamtler eine Schulung. Mindestens einer der Begleiter des Wünschewagens hat eine medizinische Ausbildung. Wer sich oder seinem Angehörigen einen letzten Wunsch erfüllen will, kann über ein Formular auf der Wünschewagen-Website mit dem ASB in Kontakt treten oder anrufen. Dass nicht alle Wünsche erfüllt werden können, musste das Team auch bereits erleben. «Wir hätten einen Fahrgast aus Kassel zu einer Vorstellung von Mario Barth fahren sollen», berichtet Oppenländer. «Die Karten waren schon so gut wie organisiert, aber dann verschlechterte sich der Gesundheitszustand zu sehr.»

Die 86-Jährige und ihre Tochter seien jedenfalls sehr dankbar gewesen, diese Fahrt zu Sohn und Bruder noch machen zu können. Aber auch ein wenig traurig und wehmütig. Den Wunsch-Erfüllern ist die Jungfernfahrt in guter Erinnerung. «Unser Gast war total begeistertvon der Sternendecke, am liebsten hätte sie sie als Andenken noch mitgenommen», sagt Schadwell.

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