04. Juli 2017, 09:00 Uhr

Überlebenshilfe

Neue Chance statt Drogentod

Mit Kontrollen allein bekommt die Polizei in Frankfurt das Drogenproblem nicht in den Griff. Jetzt will die Stadt ihre Politik umstellen, um den Suchtkranken besser helfen zu können.
04. Juli 2017, 09:00 Uhr
Ein Drogensüchtiger »kocht« einen Schuss Heroin. Dank des liberalen Ansatzes in Frankfurt kann er dies in einem dafür vorgesehenen sogenannten Druckraum tun. (Foto: dpa)

Die Frankfurter Polizei kontrolliert im berüchtigten Bahnhofsviertel jeden Tag mehr als 200 Verdächtige und nimmt etwa 20 fest. Von ihnen landen ungefähr zwei in Untersuchungshaft, wie Polizeipräsident Gerhard Bereswill sagt. Doch die Polizei allein kann die Drogenkriminalität und ihre Folgen nicht in den Griff kriegen. Außer Repression gehören zum renommierten »Frankfurter Weg in der Drogenpolitik« vor allem Überlebenshilfen und Therapien. »Das Drogenhilfesystem bewirkt, dass Menschen statt zu verrecken eine Chance bekommen, zu überleben, damit sie dann die nächsten Schritte gehen können«, sagt Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne).

Nun sollen in Frankfurt drei Monate lang jede Nacht zwei Sozialarbeiter helfen. Wenn die Druckräume und die Einrichtungen der Drogenhilfe von 23 bis 6 Uhr geschlossen sind, wird es zwar ruhiger in der Rauschgiftszene im Bahnhofsviertel. Doch etwa 20 bis 40 Drogenkranke – meist Crack-Konsumenten – fallen dann mit aggressivem und ruhelosem Verhalten auf. Davon fühlen sich viele belästigt. Bislang blieb das Problem weitgehend der Polizei überlassen, die aber vor allem die Dealer und ihre Hintermänner überführen soll.

Die Sozialarbeiter machen künftig nachts kleinere Hilfsangebote, vor allem aber sprechen sie mit den Suchtkranken, um herauszufinden, wie ihnen langfristig unter die Arme gegriffen werden kann. Die Fachleute gehen davon aus, dass dabei ganz Unterschiedliches herauskommt. Die Leiterin des Drogenreferats, Regina Ernst, nennt zwei Crack-Süchtige mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS als Beispiel. Als dies diagnostiziert worden sei, hätten sie ein Medikament (Ritalin) bekommen und aufgehört, Crack zu konsumieren. Dies seien jedoch sicherlich eher Ausnahmen.

In Frankfurt gibt es rund 5000 Drogenabhängige; etwa 200 bis 250 von ihnen sind täglich auf der Straße, wie Bereswill schätzt. In den vier Drogenkonsumräumen wurden im vergangenen Jahr etwa 4700 verschiedene Menschen gezählt: Mehr als die Hälfte konsumierte auch Crack. »Der Frankfurter Weg gibt uns Recht«, sagt Polizeipräsident Bereswill. Die Zahl der Drogentoten sei erheblich gesunken: Einst mehr als 150 pro Jahr waren es 2016 nur mehr 25; ein Rückgang um 31 im Vergleich zu 2015. In Hamburg, der anderen deutschen Crack-Hochburg, dagegen stieg die Zahl der Drogentoten im vergangenen Jahr deutlich – um 27 Prozent auf 75.

Einige Gewerbetreibende aus dem Bahnhofsviertel betonen jedoch, dass die Süchtigen in der Hansestadt weniger auffielen und fordern Ähnliches für Frankfurt. Die Situation in der Hansestadt sei vor allem »geografisch« zu begründen, sagt Ernst vom Drogenreferat. Das dortige »Drob Inn« – eine Beratungsstelle mit Konsumraum – in der Nähe des Hauptbahnhofs sei mit Gleisen und einem Platz baulich gut abgeschottet.

»Die Situation und die Rahmenbedingungen in beiden Städten sind ganz unterschiedlich«, betont Gesundheitsdezernent Majer. Zurück zu einer offenen Drogenszene wie in den 1980er Jahren in der Taunusanlage wolle Frankfurt nicht. »Es sind einzelne Menschen, für die wir eine Antwort finden müssen.«

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