Hessen

Mut zur Praxis

Zum nächsten Hausarzt sind es zig Kilometer, zum nächsten Facharzt noch etliche mehr. Könnte eine auf verschiedene Standorte verteilte Gemeinschaftspraxis eine Lösung sein?
11. Juli 2018, 09:00 Uhr
Rüdiger Geis
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»Es war eine Neugründung für Fortgeschrittene«, beschreibt es Hans-Georg Morhenn, Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und allgemeine Chirurgie. Zusammen mit seinen Kollegen Jan Weghenkel, Dirk Schmieder und Dale Edward Smith betreibt er eine gemeinschaftliche Praxis in Pohlheims Neuer Mitte.

Doch im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinschaftspraxen, die an einem Standort Patienten versorgen, verteilen sich die vier Ärzte auf drei Standorte: Pohlheim, Laubach und Butzbach.

Kliniken zu anonym

»Wir wollten ursprünglich einen Sitz, aber auf einmal waren es drei«, sagt Morhenn. Der Grund dafür war letztlich die Tatsache, dass in Bad Nauheim und in Pohlheim-Garbenteich/Lich Arztpraxen von ausscheidenden Medizinern übernommen werden konnten.

Morhenn, Weghenkel und Schmieder kennen sich bereits aus gemeinsamen Weiterbildungszeiten in der Asklepios-Klinik in Lich und aus der Orthopädie in Bad Hersfeld.

»Wir wollten was eigenes machen«, beschreibt Morhenn die Motivation zur Gründung der gemeinsamen Praxis. Kliniken seien letztlich anonym, das Verhältnis zu Patienten eher unpersönlich. »Das hat uns keinen Spaß mehr gemacht.«

Schwerpunkt im operativen Bereich

Es klappt aber nur, wenn man sich untereinander auch versteht. Und: »Damals musste man für einen solchen Schritt mutig sein. Heute muss man noch mutiger sein.«

Auf medizinisch-orthopädischem Gebiet könne man sich nicht überall gleich gut auskennen, verdeutlicht Morhenn. Deshalb ist die ÜBAG fachspezifisch ausgerichtet. Der Schwerpunkt liegt im operativen Bereich.

Für kleinere Operationen gibt es in Pohlheim einen OP, größere Eingriffe werden in Lich vorgenommen. Aber natürlich sind auch konservative Methoden im Einsatz: zum Beispiel Medikamente, Spritzen, die Stoßwellentherapie oder Manualtherapie.

Ausschließlich konservativ behandelt Smith, Weghenkel operiert bevorzugt Schulter- und Kniegelenke arthroskopisch und übernimmt ambulante Eingriffe bei Weichteiltumoren und kleinere handchirurgischen Problemen.

Interkollegialer Austausch

Schmieder ist Hauptoperateur im Endoprothesenzentrum Lich mit Schwerpunkt Hüft- und Kniegelenksendoprothetik. Des Weiteren hat er sich auch auf die sogenannte Triggerpunkttherapie nach IMTT spezialisiert: die Beseitigung von Schmerzen und Funktionsstörungen bei Muskelverhärtungen zum Beispiel durch Akupunkturnadeln.

Morhenn übernimmt als zertifizierter Fußchirurg Vorfußkorrekturen und ist ebenfalls als Hauptoperateur im Endoprothesenzentrum Lich tätig.

Aber natürlich sei es nicht möglich, ausschließlich sein eigenes Spezialgebiet zu betreuen, sagt Schmieder. Letztlich ist jeder auch für alles zuständig.

Wir kennen den Patienten vor, während und nach der Behandlung

Hans-Georg Morhenn, Facharzt

Viele Patienten wollten ihren »eigenen« Ansprechpartner, also auch dann wenn es sich um ein Leiden handelt, dass bevorzugt ein anderer Kollege behandelt.

Der Vorteil für den Patienten: die Erreichbarkeit der Praxen, die in relativer Wohnortnähe zu finden sind und eine interne Vernetzung – also die Möglichkeit, sich bei bestimmten Problemfällen auf kurzem Wege »interkollegial auszutauschen«. Und: »Wir kennen den Patienten vor, während und nach der Behandlung«, erklärt Morhenn.

Das erfordert allerdings auch eine ausgefeilte Logistik, für die Praxismanagerin Heike Ridl zuständig ist. Die Terminvereinbarung erfolgt über eine zentrale Telefonnummer. Das ermöglicht auch, Patienten kurzfristig umzudisponieren, wenn der eine Kollege randvoll mit Terminen belegt ist und der andere noch Lücken hat.

Anspruchsvolle Organisation

Die Organisation sei sehr anspruchsvoll, meint Schmieder, da er und Morhenn ja an verschiedenen Orten Sprechstunden anbieten und auch noch in der Klinik operieren. »Das erfordert eine digitale Vernetzung der Praxisstandorte und eine stabile Internetverbindung«, erklärt Schmieder. Das funktioniere überwiegend gut.

»Die Nähe zum Patienten vor Ort ist uns Ansporn, es besonders gut zu machen. Und der Patient hat immer einen Ansprechpartner «, sagt Schmieder.

(Foto: picturebaer/Stefan Sieber)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/Hessen-Mut-zur-Praxis;art189,456841

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