25. Oktober 2017, 22:56 Uhr

Mordfall Johanna Bohnacker: Akte nie geschlossen

Vor 18 Jahren verschwand die achtjährige Johanna Bohnacker aus Bobenhausen spurlos. Sieben Monate später fand ein Spaziergänger die Leiche des Mädchens in einem Wald bei Alsfeld. Ein Rückblick.
25. Oktober 2017, 22:56 Uhr
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Aus der Redaktion
Eine Rettungshundestaffel aus Gießen sucht am 3. September 1999 im Wald bei Ranstadt-Bobenhausen nach der vermissten Johanna. Mehr als 200 Beamte und Helfer durchkämmten Felder und Waldstücke nach der Achtjährigen. (Foto: dpa)

Vor 18 Jahren verschwand die achtjährige Johanna Bohnacker aus Bobenhausen spurlos. Sieben Monate später fand ein Spaziergänger die Leiche des Mädchens in einem Wald bei Alsfeld. Gestern nun gab es eine Festnahme in Friedrichsdorf. Ein 41-Jähriger soll laut Staatsanwaltschaft ein Teilgeständnis abgelegt haben. Das Gewaltverbrechen an der kleinen Johanna hat die Menschen über die Grenzen Hessens hinaus bewegt. Die Wetterauer Zeitung blickte 2014 auf die Tat zurück. Auszüge aus dem damaligen Bericht:

Eine schmale Straße führt in den Ranstädter Ortsteil Bobenhausen, gelegen in einer waldigen, lieblichen Landschaft. In dem 500-Seelen-Ort ist kaum ein Mensch auf der Straße, nur ab und zu rollt ein Auto hindurch. Wohnhäuser, ein leichtes Lüftchen weht, ein Windspiel klingt, die Gärten sind gepflegt. Schwer vorstellbar, dass sich in diesem Idyll ... eine Tragödie ereignet hat.

 

Lange keine heiße Spur

 

Johanna verschwand an einem Donnerstag. Sie hatte zuerst eine Freundin besucht, war am späten Nachmittag noch mit dem Mountainbike zum Sportplatz geradelt, wo Kinder spielten. Das Areal liegt ein Stück vorm Ort. Still ist es dort, keine Menschenseele weit und breit. Am Spätnachmittag des 2. September 1999 war das anders: Am frühen Abend stand ein Fußballspiel an. Als Johanna nicht zum Abendessen nach Hause kam, suchten Vater und Schwester nach ihr. Erfolglos. Die Eltern verständigten die Polizei, Johanna wurde mit großem Aufwand gesucht. Nur ihr Fahrrad wurde gefunden.

Sieben Monate später machte ein Spaziergänger im Wald an der A5 bei Alsfeld-Lingelbach eine schreckliche Entdeckung: Er stieß auf eine skelettierte Leiche. Wie sich herausstellte, war es Johanna. Stücke eines Paketklebebands fanden sich bei dem Leichnam, offenbar war das Mädchen damit gefesselt worden. Darauf ein Finger- oder Handabdruck, der Grundlage für eine Reihenuntersuchung wurde. Hunderte Männer aus drei Personenkreisen mussten ihre Abdrücke abgeben, unter anderem hessenweit knapp 600 Eigner eines VW Jetta. Ein brauner oder rotbrauner Jetta mit Kennzeichen »HG« war um den Zeitpunkt von Johannas Verschwinden nahe des Sportplatzes beobachtet worden, schien verdächtig. Freigänger von Haftanstalten wurden auf Alibis überprüft, auch Personen, die wegen Sittlichkeitsdelikten bekannt waren. Ohne Ergebnis.

Die Familie Bohnacker lebt schon lange nicht mehr in Bobenhausen. Ein Senior schaut vom Beet in seinem Garten hoch, stellt die Harke zur Seite. Er erzählt, damals auch beim Massentest gewesen zu sein. »Alle waren bereit, mitzumachen, damit die Sache ans Licht kommt.« Die Polizei habe sämtliche Einwohner befragt, in die Mülltonnen geschaut. Untereinander verdächtigt hätten sich die Bobenhäuser nicht, sie gingen von einem fremden Täter aus. »Es war schlimm«, blickt eine Bürgerin im Gespräch mit der WZ zurück. »Die Leute bekamen Angst um den eigenen Nachwuchs. Viele ließen die Kinder nicht mehr draußen spielen, brachten sie mit dem Auto zur Schule. Man war geschockt, dass in einem so kleinen Ort so etwas passieren kann.« Erst hätten die Menschen gehofft, dass Johanna unversehrt wieder auftaucht – dann, dass der Mörder gefasst wird.

Die Kripo vermutete, dass Johanna dem Entführer am Tag des Verschwindens ungefähr zwischen 17.20 Uhr und 18.30 Uhr begegnete. Eine Einwohnerin hatte allerdings ausgesagt, sie habe die Vermisste gegen 20 Uhr mit einer fremden Frau gesehen. Die beiden seien aus Richtung Sportplatz gekommen.

 

Verschiedene Szenarien

 

Eine Fallanalyse des LKA kam zu verschiedenen Tat- und Täterhypothesen. Für wahrscheinlich erachteten die Ermittler, dass der Mörder in irgendeiner Weise Ortsbezug hatte und Johanna ihn kannte. Even- tuell, so glauben sie, war mehr als ein Täter beteiligt, vielleicht war auch eine Frau involviert.

Heute will die Polizei auf einer Pressekonferenz über die Hintergründe der Tat aufklären. Dann wird vielleicht Licht ins Dunkle gebracht. Die Polizei hat den Fall nie zu den Akten gelegt. Nun kann sie ihn vielleicht abschließen.



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