14. November 2017, 21:55 Uhr

Mojtaba macht sein Ding

Mojtaba Akbari ist 19 Jahre alt, lebt in Grünberg und hat gerade eine Lehre bei der Firma Bender begonnen. Dennoch droht ihm die Abschiebung. Schon als er acht war, musste er in seiner Heimat in Afghanistan als Glasbläser arbeiten – unter extremsten Bedingungen. Seine Geschichte ist eine von vielen. Sie ist nicht repräsentativ, aber sie ist beispielhaft. Sie zeigt, dass Integration gelingen kann.
14. November 2017, 21:55 Uhr
Vor der Silhouette von Grünberg: Anne Römer, Mojtaba Akbari und Klaus Träger auf der Dachterrasse der Firma Bender. (Foto: bb)

Freitagmittag im neu gebauten Produktions- und Verwaltungsgebäude des Weltmarktführers im Bereich elektrische Sicherheit. Die Gebäude unterstreichen diesen Anspruch: Der Komplex aus Verwaltungs- und Produktionsbereichen hat etwas von Silicon Valley. Obwohl das Nordamerikageschäft boomt, ist Bender aber seinem Standort treu geblieben, hat in Grünberg gebaut und nicht in San Francisco.

Es ist Mittagsszeit. In der »KostBar« essen aber nur wenige Mitarbeiter. Viele nutzen die Möglichkeit, Stunden »rauszuarbeiten«, um freitags früher frei zu haben. Mojtaba Akbari kommt in Begleitung von Anne Römer, sie leitet die Abteilung Kommunikation bei Bender. Wie auch ihre drei Geschwister arbeitet sie in dem Unternehmen, das Großvater und Vater aufgebaut haben. Dabei ist auch Klaus Träger, er ist Mitarbeiter in der Arbeitsvorbereitung, Betriebsratsratsmitglied und auch so etwas wie ein Ziehvater für Mojtaba.

Der junge Mann erzählt von seiner langen Reise, die ihn letztlich nach Grünberg führte. In Afghanistan sei Kinderarbeit »normal«. Auch seine Geschwister mussten Geld verdienen. Mojtaba wurde in der afghanischen Provinz Panjschir geboren, die Familie zog bald weiter nach Kabul und schließlich nach Kuner. Dass er wenige Jahre später in Deutschland eine Ausbildung zum Elektroanlagenmonteur beginnen würde, davon träumte er da nicht mal. Das Leben war hart und gefährlich. Von den andauernden Konflikten im Land zermürbt, verließ die Familie schließlich die Heimat und suchte Zuflucht im Iran. Eltern und Geschwister blieben dort, Mojtaba zog weiter, kam als 17-Jähriger nach Deutschland. Mit der Familie hat er seitdem nur über WhatsApp Kontakt.

Erste Station in Deutschland war Passau, von dort aus kam er nach Wetzlar. Deutsch war ihm zu der Zeit komplett fremd, aber seit dem ersten Tag im Land arbeitete er hart daran, um die Sprache zu lernen und in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen. Das bestätigt auch Klaus Träger: »Ich traf ihn hier im Unternehmen, als er ein Schulpraktikum absolvierte. Da war er 18, ein Jahr hier im Land, und er sprach schon sehr gut Deutsch, war offen und interessiert.«

In Mojtabas Leben gab es einige Zufälle, er selbst würde es vielleicht schicksalshafte Fügungen nennen, die ihn letztlich nach Grünberg führten. Eine wichtige Rolle spielt dabei Behrooz Sharifi, der in einem Grünberger Stadtteil wohnt. Er kümmert sich dort um Flüchtlinge. »Wir verstanden uns sofort richtig gut, und er wurde schließlich mein Pflegevater«, sagt Mojtaba. In Grünberg besuchte der junge Afghane die Theo-Koch-Schule und arbeitete weiter an seinen Sprachkenntnissen. Neben Deutsch lernte er dann auch verstärkt Englisch. »Ich wollte unbedingt einen Schulabschluss und wusste, dass ich dafür schnell gut Deutsch können muss. Ich habe mir Sätze auf große Plakate geschrieben und in meinem Zimmer aufgehängt, auch an der Decke. Zum Deutsch lernen kam ich ja sonst kaum noch, weil ich nachmittags viele Stunden für meinen Hauptschulabschluss lernen musste.«

Den hat er geschafft – mit einem Notendurchschnitt von 1,8. Darauf ist er stolz, aber er will mehr. »Er könnte sicher Mittlere Reife machen«, sagt Anne Römer. »Aber dafür muss er fünf Jahre Englischunterricht nachweisen.« Das Unternehmen Bender will ihm helfen, gemeinsam sucht man dort nach einer Lösung, dass es doch schneller geht. Aber erst mal steht die Lehre im Zentrum. Träger erzählt: »Alle Verantwortlichen bei Bender schätzen die Arbeit Mojtabas. Wir sehen da richtig viel Potenzial bei ihm, wollen ihn fördern.« Gleichwohl ist man darauf bedacht, dass er gegenüber den anderen Auszubildenden und allen anderen Kollegen nicht bevorzugt wird. Das ist ein Teil der Firmenphilosophie: Man kümmert sich um jeden Mitarbeiter, bietet bestmögliche Arbeitsbedingungen. Das unterstreicht auch Träger, der »nebenbei« Betriebsratsmitglied ist. Über Mojtaba sagt er: »Schon im Praktikum war er sozial gut vernetzt, wurde akzeptiert. Und er beherrschte die ihm zugewiesene Arbeit, saß im Prüffeld. Er ist immer freundlich, offen, sucht Kontakt. Der Ausbildungsleiter hat gesagt: ›Wenn er einen Schulabschluss hat, kann er eine Lehrstelle haben.‹« Den hat er im Sommer mit Bravour geschafft – und Bender hat Wort gehalten: Mojtaba ist Azubi im ersten Lehrjahr.

Ausbildungsplatz, eigene kleine Wohnung – doch richtig gut ist es nicht. Der 19-Jährige genießt nur subsidiären Schutz, das bedeutet: Es droht Abschiebung. Einmal bekam er schon Post, sollte seine Koffer packen. Pflegevater Sharifi hat dann eine Eingabe gemacht. Das Ergebnis: Der junge Mann kann vorerst bleiben.

Römer möchte, dass man genau hinschaut und differenziert. Dass es Ausnahmen für die Flüchtlinge geben sollte, bei denen es gut läuft, sie anders behandelt als die, die unsere Willkommenskultur missbrauchen. Sie sagt: »Mojtaba hat alles getan, um sich zu integrieren, liegt niemand auf der Tasche.« Träger ergänzt: »Er spielt beim TSV Grünberg Fußball, schießt ein Tor nach dem anderen.«

Für Römer ist es auch ein Arbeitsmarktproblem: »Nicht nur wir suchen händeringend Nachwuchs. Mojtaba könnte bei uns Karriere machen.« Doch das zählt eventuell nichts. Das Verfahren ist in der Schwebe. Ausgang offen. Der junge Mann kann jetzt immerhin den Landkreis Gießen verlassen. Alle Azubis dürfen eine Woche im Werk in Siersleben arbeiten und für sechs Wochen zur Tochterfirma Bender Inc. in den USA. Mojtaba darf das nicht, er muss in Hessen bleiben. Römer: »Sein Status als Flüchtling führt dazu, dass er nicht die Entwicklungsmöglichkeiten hat wie alle anderen Auszubildenden.« Träger ergänzt: »Der Junge ist pünktlich und fleißig, in vielen Dingen ein Vorbild. Immer gut drauf.« Mojtaba ist überaus freundlich, höflich, drückt sich gewählt aus. Er ist noch einen anderen großen Schritt gegangen: Mojtaba hat sich taufen lassen, ist Christ geworden. Er macht sein Ding. »Und das macht er richtig gut«, sagt Anne Römer.

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