24. November 2017, 17:18 Uhr

Menschen und andere Tiere

24. November 2017, 17:18 Uhr
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Aus der Redaktion

Für mich als Biologen geht es in dieser Serie um die Beziehungen zwischen Tierarten. Carl von Linne beschrieb 1758 den Menschen als Homo sapiens sapiens, eine Tierart unter vielen anderen.

Vor sieben Millionen Jahren getrennt von seinen heute noch lebenden nächsten Verwandten, den Schimpansen. Eine besondere Tierart, gewiss. Wir haben ein Bewusstsein, wir erkennen uns und unsere Artgenossen, wir haben die Entscheidung über unsere Taten. Im Guten, wie im Schlechten.

Wir sind die Wirbeltierart, die sich am effektivsten und am weitesten über diesen Planeten ausgebreitet hat. Außer uns hat das nur ein weiteres Wirbeltier geschafft: die Wanderrate. Dabei gibt es wohl so viele Menschen wie Ratten: acht Milliarden. Tendenz in beiden Fällen steigend.

Viele Tierarten haben wir Menschen als Konkurrenten oder Gefahrenpotenzial direkt ausgerottet. Durch unsere Lebensweise haben wir inzwischen auch noch das größte Artensterben in der über vier Milliarden Jahre alten Geschichte des Lebens auf diesem Planeten ausgelöst.

Daneben haben wir einige Tierarten aber als Nutz- und Heimtiere besonders ausgezeichnet und privilegiert. So leben inzwischen alleine in Deutschland über zwölf Millionen Katzen und neun Millionen Hunde. Die Zahl der Haushunde in Westeuropa wird auf über 40 Millionen geschätzt!

Konflikte sind programmiert. Die Haustiere kommen uns oft zu nahe, und es kommt zu Grenzverletzungen. Insbesondere für Menschen, die wenig oder nichts mit Tieren anfangen wollen und können.

Den Wildtieren kommen wir zu nahe und es kommt auch hier zu Grenzverletzungen. Ein durch Hessen wandernder Jungwolf will nichts mit Menschen zu tun haben. Er möchte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden und eine Familie gründen.

Bestimmten Menschengruppen kommen bei diesen Konflikten besondere Rollen zu. Jäger sehen sich in direkter Konkurrenz zu Beutegreifern und gleichzeitig als die Regulatoren der »guten« Pflanzenfresser. Wir werden also über den Umgang mit dem bei uns einwandernden Wolf reden müssen, aber auch über die Wildschweinplage. Naturschützer setzen sich für den Erhalt von Landschaften und Arten ein. Sie geraten darüber in Streit mit anderen Menschen, beispielsweise Bauern, die selbst die Deutungshoheit über die Nutzung von Landschaft behalten wollen. Wir müssen über diese Konflikte sprechen, da wir eine gesellschaftliche Diskussion über die Zukunft unserer natürlichen Umwelt dringend brauchen.

Tierschützer setzen sich für das Tierwohl ein. Dabei geht es um unser Verhältnis zu Nutztieren aber auch um die artgerechte Haltung von Heimtieren. Brauchen wir eine solche Instanz oder weiß jeder Katzen- und Hundebesitzer, wie man das Familienmitglied auf vier Pfoten als domestizierte Tierart zu behandeln hat? Oder will er oder sie gar nicht sehen, wenn die Lieblingskatze zum Schrecken der Singvögel im Umfeld wird oder ihr Hund seine Geschäfte vor den Grundstücken der Nachbarn verrichtet?

Schreiben, reden und streiten wir also in den kommenden Wochen über Unkenntnis, über biologische Tatsachen, über Ängste des modernen Homo sapiens sapiens und über die alltäglichen Konflikte, die aus einem (manchmal zu) engen Zusammenleben von Homo sapiens, domestizierten Tierarten und Wildtierarten resultieren.

Prof. Dr. Hans-Peter Ziemek

Hans-Peter Ziemek, 57, gelernter Biologe, arbeitet an der Justus-Liebig Universität Gießen und ist zuständig für die Ausbildung zukünftiger Biologielehrerinnen und -lehrer.



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