05. Juli 2018, 21:00 Uhr

Höhlenforscher

»Manchmal ist die Angst wieder da«

Zwölf Jugendliche und ihr Betreuer sitzen in einer Höhle in Thailand fest. Höhlenforscher Dieter Kraus weiß, wie es ist, wenn man unter der Erde eingeschlossen ist – und das Wasser steigt.
05. Juli 2018, 21:00 Uhr
Geht durch dick und dünn: Höhlenforscher Dieter Kraus. (Foto: Ingo Dorsten)

Der Frankfurter Höhlenforscher Dieter Kraus hat eine ähnliche Situation wie die eingeschlossenen Kinder in Thailand schon selbst erlebt – im Breitscheider Höhlensystem. Er sagt: »Man muss dazu anmerken, dass Höhlenforschung nichts für Abenteuerlustige ist, die den letzten Kick suchen, sondern vor allem eine multidisziplinäre Wissenschaft, für die es allerdings den sportlichen Forscher benötigt.«

Herr Kraus, Sie waren schon einmal in einer ähnlichen Lage wie die Jugendlichen in Thailand. Wie kam es dazu?

Dieter Kraus: Der Zwischenfall ereignete sich am 30. Mai 1993 im Höhlensystem bei Breitscheid. Schon am Morgen war eine Gruppe aus vier Personen in die Höhle aufgebrochen, um Vermessungsarbeiten in fast 100 Metern Tiefe auszuführen. Aus terminlichen Gründen wollte ich mit einem Begleiter um die Mittagszeit zu den Kollegen stoßen.

Es galt nun abzuwägen zwischen dem Verzicht auf die Höhle oder aber dennoch einzusteigen, um die ahnungslosen Kollegen warnen zu können

Dieter Kraus

Warum spitzte sich die Situation dann dramatisch zu?

Kraus: Die Höhle wird zur Gänze von einem Bach durchflossen, zeichnet sich durch extreme Enge und tiefe, von Wasserfällen durchtoste Schachtstufen aus, in die man sich abseilen muss. Zum Zeitpunkt des Einstiegs zog draußen ein Gewitter auf. Jeder Höhlenforscher würde aus Vernunftgründen auf einen Einstieg in die Höhle unter solchen Bedingungen verzichten, aber die Kameraden waren bereits unten – und wussten nichts vom Wettergeschehen draußen.

Sie sind trotz der Gefahr dann doch eingestiegen?

Kraus: Es galt nun abzuwägen zwischen dem Verzicht auf die Höhle oder aber dennoch einzusteigen, um die ahnungslosen Kollegen warnen zu können. Nach reiflicher Überlegung entschieden wir uns für die zweite Variante und stiegen ein.

Und dann gerieten Sie in eine beinahe ausweglose Situation. Was war passiert?

Kraus: Nach einer Stunde Abstieg erreichten wir wohlbehalten die Kollegen in der Tiefe und berieten das Vorgehen, als wir plötzlich von Ferne ein zunächst leises Brummen vernahmen. Das Brummen wurde immer lauter und steigerte sich zu einem Dröhnen, als käme ein Panzer durch die Höhle gerast. Schlagartig wurde uns die Situation klar: Wassereinbruch! Gewaltige Wassermassen suchten sich ihren Weg durch die Enge der Höhle und überfluteten weite Teile. Der Weg nach draußen war versperrt, denn dazu hätten wir dem Wasser entgegen gehen müssen, was ein tödlicher Fehler gewesen wäre.

Wie konnten Sie sich retten?

Kraus: Einer von uns hatte den Geistesblitz: »Schnell in die Hohe Kammer!« Hierbei handelt es sich um einen abzweigenden, erhöht liegenden Höhlenteil, von dem wir hofften, dass er nicht vom Wasser erreicht wird. Die sechsköpfige Mannschaft rannte wie die Hasen. Als der Letzte in den Abzweig zur Hohen Kammer aufkletterte, schoss unter uns bereits das Wasser vorbei.

Was empfindet man in dieser Gefahr?

Kraus: Zwei Stunden mussten wir nun in der Angst leben, dass das Wasser weiter steigen würde und wir doch noch ertrinken. Aber dann zogen sich die Fluten ebenso schnell zurück, wie sie gekommen waren und wir konnten die Höhle aus eigener Kraft verlassen – der Gewitterregen war vorüber.

Sie steigen nach wie vor in Höhlen ein. Wie gehen Sie heute damit um?

Kraus: Natürlich ist die Angst wieder da. wenn man Geräusche hört, die nach Wasser klingen. Aber es ist letztendlich auch die große Erfahrung, dass man weiß, es kann nichts passieren. Aber es war damals wirklich ziemlich knapp. Die Chance, dass zu überleben, war nicht sehr groß.

Es gab schon einen gewissen Moment, in dem wir sehr große Angst hatten. Bei einigen Teilnehmern gab es auch echte Panik

Dieter Kraus

Empfanden Sie echte Todesangst?

Kraus: Es gab schon einen gewissen Moment, in dem wir sehr große Angst hatten. Bei einigen Teilnehmern gab es auch echte Panik. Innerhalb weniger Minuten hätte uns das Wasser verschlingen können. Aber nach und nach hat sich das wieder beruhigt, als das Wasser dann auch wieder abfloss.

Wie sehen Sie das aktuelle Drama in der thailändischen Höhle?

Kraus: Derartige Situationen sind schwer vergleichbar. Die Kinder dort sind Laien, ohne jede Erfahrung, die tropischen Wassermassen ungleich größer. Die Gruppe hatte Glück, dass sie sich in trockene Bereiche zurück ziehen konnte.

Der Besuch war sicher fahrlässig. Ohne wirklich erfahrene Begleiter sollte man eine Höhle nicht betreten

Dieter Kraus

Was ist für die Eingeschlossenen in einer solchen Situation das größte Problem?

Kraus: Die größten Gefahren sind sicher nicht Dunkelheit oder Nahrungsmangel, sondern eher sauberes Trinkwasser und die emotionale Belastung. Dass Taucher zu den Eingeschlossenen vordringen konnten, ist nicht selbstverständlich.

War der Eintritt in die Höhle unüberlegt?

Kraus: Der Besuch war sicher fahrlässig, ohne wirklich erfahrene Begleiter sollte man eine Höhle nicht betreten. Auch in Deutschland gab es diesbezüglich schon viele Unfälle. Eine Tauchrettung durch überflutete Höhlengänge ist riskant. Besser wäre es, einen Schacht von der Oberfläche zu den Eingeschlossenen zu bohren. Dies setzt jedoch das Vorhandensein einer exakten Höhlenkarte voraus, um den Bohrpunkt zu bestimmen.

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