Hessen

Mal eben schnell die Welt retten

. Das Jahr 1968 steht als Chiffre für vieles: Studentenproteste: Revolten, Bürgerbewegung, Antifaschismus und Anti-Kriegs-Demos, Start der Frauenemanzipation und des Feminismus, und, und, und. Je mehr und länger man darüber nachdenkt, umso vielfältiger die Assoziationen. Das Jahr 1968 markiert bis heute als Symbol eine politische, gesellschaftliche und kulturelle Zeitenwende. Mit einer Revue – also einem Musiktheaterstück – erinnert das Landestheater Marburg im 50. Jubiläumsjahr an die Umbrüche um 1968.
26. Februar 2018, 22:08 Uhr
Martin Schäfer
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Ein Symbol der 68er-Bewegung: Demonstration für »den Sieg der vietnamesischen Revolution« mit Artur Molin (hinten, l.) und Franziska Knetsch. (Foto: Jan Bosch)

. Das Jahr 1968 steht als Chiffre für vieles: Studentenproteste: Revolten, Bürgerbewegung, Antifaschismus und Anti-Kriegs-Demos, Start der Frauenemanzipation und des Feminismus, und, und, und. Je mehr und länger man darüber nachdenkt, umso vielfältiger die Assoziationen. Das Jahr 1968 markiert bis heute als Symbol eine politische, gesellschaftliche und kulturelle Zeitenwende. Mit einer Revue – also einem Musiktheaterstück – erinnert das Landestheater Marburg im 50. Jubiläumsjahr an die Umbrüche um 1968.

Die Uraufführung »50 Jahre 68 – Die Revue« von Intendant Matthias Faltz brachte so viele Menschen auf die Bühne der Stadthalle, wie wohl selten zuvor: Zwei Schauspielerinnen, vier Schauspieler, vier Bandspieler und über 50 Chorsänger zeichneten ein buntes, fulminantes Kaleidoskop. Mal funkelte ein Musiktitel aus jener Zeit, mal archetypischer WG-Emanzipations-Talk, dann sprach der Marburger Großphilosoph Wolfgang Abendroth ex cathedra. Zudem betteten die Visualisierungen auf dem Großbildschirm im Hintergrund das Geschehen in die teils auch globalen Zusammenhänge ein: der Vietnam-Krieg, Innenpolitisches aus den USA und Frankreich.

Der rote Faden der Revue – er korrespondiert schön mit dem Ausdruck »etwas Revue passieren lassen« – war die Chronologie der Ereignisse. Die Schauspieler arbeiteten sich facettenreich durch die Geschichte der 68er-Bewegung. Julian Trostorf amüsiert das Publikum mit Interna aus der Studenten-WG, setzte Ansichten über seine Bettdecke und die Spanplatte – als vom Flur abtrennende Zimmerwand – in den großen anarcho-marxistischen Rahmen. Das Private wurde politisch, und die Politik zog ein ins Private.

Die Uraufführung profitierte besonders von der starken gesanglichen und musikalischen Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler. Artur Molin, in der Rolle des Cordsakko tragenden Revoluzzers, und Stefan Piskorz, als noch Schlips tragender Studi, sangen großartig und spielten abwechselnd in der vierköpfigen Band das Keyboard. Der in verschiedenen Rollen etwa die Vaterfigur oder auch Abendroth verkörpernde Thomas Streibig intonierte zart auf der Gitarre »Im Jahr der Schweine« von Franz Joseph Degenhardt.

Immer wieder Szenenapplaus

Das Publikum unterbrach die starken Teilstücke immer wieder mit Szenenapplaus. Jede und jeder verbindet eben mit 1968 vielfältige emotionale Erinnerungen und Assoziationen – auch die Nachgeborenen. Grandios indes singen und spielen zudem Franziska Knetsch und Lisa-Marie Gerl, Letztere etwa als Janis Joplin. Der Marburger Revolutionschor, bestehend aus verschiedenen Marburger Chören, und die Band um Michael Lohmann spielen die großen Hits der 68er von Jimi Hendrix und Bob Dylan bis Degenhardt und Heintje. Das ist alles toll arrangiert.

Vielleicht ist im Jubiläumsjahr, bei all den vielen Veranstaltungen, gerade diese Revue die beste Gelegenheit, sich mit 1968 und dem was bleibt auseinanderzusetzen und neue, alte Anregungen zu bekommen. Die Dramaturgen Franz Burkhard und Katharina Fabel haben monatelang recherchiert und auch mit Zeitzeugen wie verschiedenen Abendroth-Schülern gesprochen. 1969 war die Zeit der Revoluzzer schon im Abklingen. Doch der Präzedenzfall ist geschaffen: Menschen mischen sich immer wieder ein, auch um die Welt zu retten. Das kapitalistische Wachstumssyndrom frisst sich weiter, doch schon 1972 verweist der Club of Rome auf »die Grenzen des Wachstums«. Die Menschheitsaufgabe, den einzigartigen Planeten zu schützen und lebenswert zu erhalten, steht an. Und die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Grund genug, sich weiter zu engagieren. Thomas Streibig: »Das Schlimmste heute ist die Gleichgültigkeit.« – Applaus. Martin Schäfer

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