16. Februar 2017, 10:02 Uhr

Lebendige Erinnerungskultur

Am Wochenende wurde die Ausstellung »Holocaust im Comic« in der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank eröffnet. Ein Gespräch mit Kurator Jakob Hoffmann über die Darstellbarkeit eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte.
16. Februar 2017, 10:02 Uhr

»Wie lange dauert die Fahrt?«, steht in einer Sprechblase über einem roten Zugwaggon, der an einer saftigen Wiese vorbeisaust. »Keine Ahnung« und »Nicht drängeln!« erwidern andre Sprechblasen. Auf der nächsten Zeichnung stehen Männer, Frauen und Kinder eng beisammen. Ihre Kleidung ist bunt, ihre Wangen rot, aber ihre Gesichter sorgenvoll. Bei weiterer Lektüre der Bilderserie stellt sich heraus: ihr Weg führt nach Auschwitz. Bunt, düster oder gar grotesk – die Zeichnungen der Ausstellung »Holocaust im Comic« in der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank illustrieren seit letztem Wochenende das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte auf ganz unterschiedliche Weise. Das Haus in Frankfurt zeigt Comics aus den 1930er Jahren bis heute, unter anderem von Art Spiegelman, Moritz Stetter und Walter Moers. Den Grundstock bietet die Wanderausstellung von Ralph Palandt (München), die seit 2002 tourt und 2016 aktualisiert wurde. Zehn ganz verschiedene Künstler stehen im Zentrum der Frankfurter Ausstellung, die Kurator Jakob Hoffmann für die Bildungsstätte Anne Frank ausgewählt, akzentuiert und mit Originalen, Skizzen und Vorzeichnungen ergänzt hat. Unterstützt wird er dabei unter anderem von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und der Bundeszentrale für politische Bildung. Comic und Graphic Novel erleben einen Boom. Das Genre etabliert sich zunehmend als akzeptierte Kunstform, tut dies jedoch nicht, ohne Fragen aufzuwerfen. Kurator Hoffmann traut den Zeichnungen in puncto Erinnerungskultur einiges zu. Und möchte Besucher – insbesondere Jugendliche – ermutigen, sie zu lesen. In unserem Interview spricht er über seine Ansichten und Erfahrungen.

Am Sonntag wurde die Ausstellung »Holocaust im Comic« in der Bildungsstätte Anne Frank eröffnet. Björn Höcke hat das Holocaust-Mahnmal in Berlin vor kurzem als »Denkmal der Schande«, bezeichnet, welches das deutsche »Volk« sich ins »Herz seiner Hauptstadt gepflanzt« habe. Sieht sich die Ausstellung nun besonders in der Pflicht?

Jakob Hoffmann: Die Aussagen von Höcke sind aus seinem Mund nicht überraschend. Die Ausstellung sieht sich zunächst einmal den Zielen der Bildungsstätte verpflichtet. Und dazu gehört die Frage, wie man eine Erinnerungskultur entwickelt, gerade bei Jüngeren, die nicht ritualisiert ist, die lebendig ist. Das bedeutet, sich immer wieder auf’s Neue mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

Sind Sie hauptberuflich als Kurator tätig? Welche Ausstellungen betreuen Sie ansonsten?

Hoffmann: Hauptberuflich arbeite ich in einem Jugendverband, bei den evangelischen Pfadfindern. In Frankfurt mache ich, so weit das die Zeit ermöglicht, Veranstaltungen mit Comickünstler*innen. Ab und an kuratiere ich eine Ausstellung.

Wie sind Sie darauf gekommen sich mit Comics zum Holocaust zu beschäftigen?

Hoffmann: Der Kern der Ausstellung »Holocaust im Comic« ist eine Wanderausstellung aus dem Jahr 2002. Schon damals gab es eine enorme Vielfalt an Comics, die den Holocaust in unterschiedlicher Weise zum Thema haben. Wir haben versucht diese Ausstellung zu akzentuieren und auch zu aktualisieren – das machen wir in Frankfurt hauptsächlich durch das Begleitprogramm. Seit 2002 hat sich Vieles getan.

Welche Rolle spielt geschichtliches Wissen bei den Comics? Wie viel Imagination des Illustrators darf bei ernsten, historisch weitgehend erschlossenen Themen mit einfließen?

Hoffmann: Das ist eine gute und komplizierte Frage. Die ausgestellten Autor*innen gehen damit sehr unterschiedlich um. Spiegelmans »Maus« arbeitet aufgrund der Aussagen von Betroffenen, von Zeitzeugen, es ist Spiegelmans Vater, der da »Geschichte kotzt«. Walter Moers spielt mit gegenwärtigen Klischees, arbeitet grotesk, seine Cartoons machen Hitler zum Popphänomen – auch ein Thema, das wir mit einer eigenen Veranstaltung thematisieren werden. Wie viel Vorwissen bei den Leser*innen notwendig ist, ist auch unterschiedlich. Zudem will ja auch Comiclesen gelernt sein. Deswegen zeigen wir auch, wie ein Comic entsteht. Zudem bieten wir eine Lehrer*innenfortbildung an.

Spielt Humor in den vertretenen Darstellungen eine Rolle? Denken Sie, dass bei einem Thema wie dem Holocaust Humor erlaubt ist?

Hoffmann: Wir wissen nicht erst seit Charlie Hebdo, wie elementar die Freiheit der Satire für die Freiheit einer Gesellschaft ist. Das bedeutet, dass sie auf keinen Fall vor den ernstesten Themen Halt machen dürfte. Wir untersuchen in der Veranstaltung mit Leo Fischer (Ex-Titanic) und der Autorin Adriana Altaras aber genau die Frage: Worüber wird denn da wirklich gelacht?

Wie plastisch darf die Darstellung von Gewalt und Leid im Comic sein? Was kann der Comic zeigen, was das Fernsehen und der Film nicht zeigen können?

Hoffmann: Das ist eine Frage, die wir den Besucher*innen selbst stellen. Jede*r ist angehalten, mit ein paar Leitfragen durch die Schau zu gehen – dazu haben wir ein Heftchen gedruckt – und dort seine eigene Position zu finden. Letztlich geht es bei Comics um Lektüre – und die ist ein intimer, individueller Vorgang. Comics setzen dabei weniger auf Überwältigung wie auf Auseinandersetzung. Die Bilder werden vom Leser*in in Bewegung versetzt.

Sind Sie bzw. die Bildungsstätte für die Comic-Ausstellung kritisiert oder angefeindet worden?

Hoffmann: Nein. Das Interesse ist sehr groß.

Ist der Comic für die politische und geschichtliche Schulbildung geeignet oder fehlt dem Medium die nötige Seriosität?

Hoffmann: Das hängt vollkommen von dem jeweiligen Comic ab. Das Potenzial von Comics für die Bildungsarbeit wird gerade erst entdeckt. In Frankreich ist man da schon ein bisschen weiter, da ist jede Schulbibliothek besser sortiert, was Comics anbelangt, als bei uns die meisten Stadtbüchereien. Man darf bei der Bildungsarbeit allerdings nicht den Fehler machen, den Comics ihren popkulturellen Charme auszutreiben. Comics sind immer auch die Heftchen, die man verschlingt – während die Eltern den Kopf schütteln.

Die Ausstellung »Holocaust im Comic« in der Anne Frank Bildungsstätte zeigt noch bis zum 19. März 2017 die Werke von zehn Künstlern. Dazu gibt es ein umfassendes Begleitprogramm sowie ein methodischen Begleitheft für Jugendlichen und ein interaktives Comicdisplay. Im Rahmen des Begleitprogramms diskutieren Leo Fischer (Satiriker, ehemaliger Titanic-Chefredakteur) und Adriana Altares (Schauspielerin, Regisseurin, Autorin) am 9. Februar 2017 über »Hihi, Hitler. Nazis und der Holocaust in der Populärkultur«. Darüber hinaus sind Auftritte von Comic-Künstlern wie der jungen US-Cartoonistin Sarah Glidden geplant. Sie hat über Israel gearbeitet und jüngst das viel beachtete Buch »Im Schatten des Krieges« – einen Comic über den Krieg in Syrien - veröffentlicht.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Anne Frank
  • Art Spiegelman
  • Bildungsarbeit
  • Björn Höcke
  • Bundeszentrale für politische Bildung
  • Cartoon
  • Evangelische Kirche
  • Holocaust
  • Kapitel
  • Walter Moers
  • Zeichnungen
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen