23. Februar 2017, 19:00 Uhr

Rassismusvorwurf

Koloniales Narrenspiel

Ein Fuldaer Karnevalsverein erntet Kritik für seine koloniale Darstellung. Beim Rosenmontagsumzug steht er nun unter Polizeischutz.
23. Februar 2017, 19:00 Uhr
Fröhliches Kamellewerfen gehört beim Rosenmontagsumzug zum närrischen Treiben. In Fulda ist diesmal auch die Polizei massiv vertreten, die Aggressionen gegen den Karnevalsverein Südend befürchtet. (Foto: dpa)

Ein Rosenmontagsumzug unter Polizeischutz? Ja, in Fulda. Doch nicht wegen eines möglichen Terroranschlags. Die Polizei befürchtet eher Aggressionen gegen den Karnevalsverein Südend. Denn der kleidet sich gerne in Uniformen, die eindeutig kolonialistischen Einschlag haben, und lässt dazu schwarz geschminkte Narren als Afrikaner auftreten.

Drei Mitarbeiter des Fachbereichs Sozialwissenschaften der Hochschule Fulda haben (als Privatpersonen) den Verein in breit gestreuten E-Mails heftig attackiert: »Dadurch wird Völkermord, Unterdrückung und Entrechtung verharmlost und gutgeheißen.« Die kolonialen Uniformen und das Blackfacing, bei dem Weißen ein schwarzes Gesicht gemalt wird, seien »herabwürdigend, menschenverachtend und rassistisch«.

Die Tropenuniform bleibt

Südend-Vorsitzender Andreas Beck versteht die Welt nicht mehr angesichts solcher Anschuldigungen. »Die Vorwürfe sind eine Frechheit. Auf Facebook werden wir sogar als kleine Massenmörder beschimpft«, zitiert ihn die »Fuldaer Zeitung«. Allerdings erfahren die Südender auch Zustimmung und Unterstützung: »Na, zum Glück dürfen unsere Sternsinger noch von Haus zu Haus gehen. Da ist auch ein Farbiger dabei«, schreibt zum Beispiel Melanie Bolz auf der Facebook-Seite der erst kürzlich gegründeten Initiative »Fulda Postkolonial«.

Der 1938 gegründete Karnevalsverein hat auf die Vorwürfe reagiert und verzichtet auf die Darstellung schwarzer Menschen. Die Tropenuniform bleibt, dass sei seit der Gründung das Markenzeichen der Südender, sagt Beck.

Entwarnung bedeutet das aber noch nicht, denn die Polizei hat nach eigenen Angaben konkrete Hinweise auf eine Gefährdung des Vereins beim Rosenmontagsumzug. 200 Beamte in Uniform und Zivil sollen dafür sorgen, dass es nicht zu Blockaden oder Farbbeutelwürfen kommt.

Der Verein müsse sich überlegen, was er da auf die Straße bringt, meint Jörn Ahrens, Professor für Kultursoziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Durch seine Uniform stelle er sich schon in eine bestimmte Tradition, die Abwertung von Menschen durch koloniale Unterwerfung betrieben habe. Diese Tradition und die Performance sei sehr problematisch. Weniger aber das Blackfacing. Dieses war ursprünglich eine amerikanische Comedy-Tradition gewesen, die in die Kritik geraten war. Ahrens stellt fest: »Wo Verkleidung Prinzip ist, ist das nicht mehr Blackfacing.« Im Karneval verkleideten sich Menschen nun mal. Der Minimalkonsens sei, dass man Dinge machen könne, die man sonst nicht mache. Allerdings macht er eine Einschränkung im aktuellen Fall: »Problematisch wird es, wenn das in den Kontext einer kolonialen Schutztruppe gestellt wird.«

Es gebe eine Tendenz, immer mehr zu reglementieren und zu normieren, so Ahrens weiter. Diese Praxis gehe allerdings an der Sache vorbei und sei dieser nicht dienlich: »Das führt nur zur Konfrontation. Einen Rosenmontagsumzug unter Polizeischutz stellen zu müssen, ist aberwitzig.«

Ein weiteres Beispiel für den schwierigen Umgang mit Begriffen sei das Wort Zigeunerschnitzel. Angehörige des betreffenden Volkes hätten oft keine Probleme mit dem Begriff, während die Bezeichnung Sinti und Roma eine von Wissenschaftlern erfundene sei, die nicht diskriminierend sein sollte. Es mache aber einen Unterschied, ob man von einem Zigeunerschnitzel oder einer Zigeunerwirtschaft spreche. Letzteres sei eindeutig diskriminierend, weil es einer Ethnie bestimmte negative Verhaltensweisen zuordne.

 

Verbale Zangenbewegung

 

Ahrens sieht eher eine Sprachangst als eine Sprachsensibilität, die zu »hysterischen Reaktionen« führe, wie auch der Fall in Limburg mit der Beschwerde einer Veganerin über das Glockenspiel »Fuchs du hast die Gans gestohlen« zeige. Nicht die Kritik der Frau sei das Problem, sondern die Reaktion der Stadt, das Kinderlied nicht mehr zu spielen. Gefährlich sei in den aktuellen Diskussionen eine verbale Zangenbewegung: einerseits von Vertretern der politischen Korrektheit, andererseits von rechtslastigen Populisten, die sich ebenfalls einem Austausch von Argumenten verweigerten. »Da muss man sich Sorgen machen – bei dem relativen Erfolg beider Seiten«, meint Ahrens.

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