07. Dezember 2018, 09:00 Uhr

Streit und Depressionen

Kein frohes Fest

Weihnachten ist das Fest der Freude und der Familie. Nur nicht für alle. Streitereien, Gefühlseskalationen und Depressionen drücken nicht wenigen Menschen auf die Stimmung.
07. Dezember 2018, 09:00 Uhr

Weihnachten als Fest der Liebe betont die Gemeinsamkeit und Harmonie, sagt Jan Häusser, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Gießen. Man verbringe viel Zeit auf engem Raum mit Menschen, mit denen man im Leben wohl am häufigsten streitet – mit der Familie, mit Partnern und Freunden.

Klar, dass es dann auch schon einmal kracht. »Unterschwellige Konflikte wissen ja auch nicht, dass Weihnachten ist, und machen einfach Pause.«

 

Nicht zu perfektionistisch rangehen

Sein Rat: die Erwartungen, dass es unglaublich harmonisch zugehen muss, gar nicht erst zu hoch hängen: »Das Ganze nicht zu perfektionistisch und mit übertriebenen Erwartungen angehen.

Auch sollte man diese Erwartungen gegenseitig kommunizieren und gemeinsam besprechen, wie man sich die Feiertage vorstellt.«

Dieses Erwartungsmanagement ist laut Häusser ein essenzieller Punkt. Wenn sich alle dadurch unter Druck setzten, für die anderen ganz tolle Geschenke zu kaufen, könne man gemeinsam beschließen, sich nur wenig oder auch gar nichts zu schenken.

Und das gilt auch bei der Auswahl des Festmahls. Also: Vorher miteinander reden.

 

Für Streitlösung kein Patentrezept

Und wenn es doch zum Krach kommt? Da gebe es leider kein Patentrezept, sagt der Experte. Viel hänge dann vom Streitthema und der Mentalität der beteiligten Personen ab, eine individuelle Lösung zu finden.

Kein Weihnachtsfest ohne Familienbesuche. Doch auch das kann manchmal ganz schön kräftezehrend sein – besonders, wenn man das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung hat, sich aber dennoch in der Pflicht sieht.

»Weihnachten bietet oft auch die Möglichkeit, liebe Menschen, die man nicht oft sieht, zu treffen, wenn beispielsweise alle gleichzeitig im Heimatort sind. Das kann dann aber durchaus stressig sein«, erklärt Häusser.

Weihnachten ist das Fest, bei dem Gemeinsamkeit ganz zentral im Mittelpunkt steht. In der Psychologie gilt das Bedürfnis nach Anschluss und Zugehörigkeit als eines der grundlegenden menschlichen Motive

Prof. Jan Häusser

Forschungsergebnisse zeigten, dass Menschen, die sehr zentrale Positionen in Netzwerken einnehmen – die also zum Beispiel viele Menschen kennen, die wiederum viele andere kennen – höheren Stress und ungünstigeres Gesundheitsverhalten zeigen, als Personen, die eher eine periphere Position im Netzwerk haben. »Aber meist ist es ja positiver Stress.«

Gerade an Weihnachten wird vielen Alleinstehenden oder älteren Menschen ihre Einsamkeit so richtig bewusst, besonders, wenn die Erinnerungen an fröhliche Familienfeste der Vergangenheit wieder hochkommen.

»Weihnachten ist das Fest, bei dem Gemeinsamkeit ganz zentral im Mittelpunkt steht. In der Psychologie gilt das Bedürfnis nach Anschluss und Zugehörigkeit als eines der grundlegenden menschlichen Motive«, unterstreicht der Psychologe.

Wird dieses Motiv verletzt, kann dies erhebliche negative psychologische, aber auch körperliche Konsequenzen haben.

Häusser verweist auf eine Aussage des amerikanischen Soziologen Robert Putnam: Wenn man keiner Gruppe angehöre, sich aber einer solchen anschließe, reduziere man die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des nächsten Jahres zu sterben, um die Hälfte.

 

Keine höhere Selbstmordrate

»Einsamkeit ist demnach tödlicher, als zum Beispiel Rauchen«, meint Häusser und empfiehlt, sich mit anderen Menschen zusammenzutun, die ebenfalls unter dem Alleinsein leiden, beispielsweise bei öffentlichen Weihnachtsveranstaltungen.

Eine weitverbreitete These lässt sich jedenfalls wissenschaftlich nicht untermauern: dass die Selbstmordrate zu Weihnachten nach oben schnellt.

Zwar sei hier die Befundlage gemischt. Ein Überblicksartikel aus dem Jahr 2004, in dem mehrere Studien zu dem Thema verglichen wurden, komme aber zu dem Schluss, dass tendenziell das Gegenteil zutrifft, also dass die Suizidrate um Weihnachten eher sinkt.

 

Stress und üppiges Essen

»Dass wir das Gegenteil wahrnehmen, könnte daran liegen, dass Suizide um Weihnachten eher im Gedächtnis bleiben, weil sie besonders traurig und bestürzend sind.«

Es gibt aber relativ stabile Befunde, dass die Zahl von Herzinfarkten um Weihnachten zunimmt, weiß Häusser. Und dies auch am anderen Ende der Welt, in Neuseeland, wo es zu Weihnachten Hochsommer ist.

»Es liegt also nicht einfach am Winter und der damit verbundenen geringeren Bewegung und geschwächten Immunsysteme, sondern tatsächlich am Weihnachtsstress oder dem üppigen Essen. (Foto: fotolia/Antonioguillem)«

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