Hessen

Kanzlerkandidat Steinbrück in Gießen

Gießen (kw/ta). »Wie viel teurer wird denn der Kindergarten, wenn Sie ihn nachmittags länger nutzen?« »Haben sich mal Handwerksbetriebe gemeldet, weil sie Wettbewerbsverzerrung fürchten?« Peer Steinbrück hielt keine großen Reden, als er am Dienstag beim Zentrum für Arbeit und Umwelt Gießen (ZAUG) zu Gast war.
02. Mai 2013, 16:23 Uhr
olipeer9_010513.jpg

Der SPD-Kanzlerkandidat wollte vor allem zuhören. Auch seinen kurzfristig anberaumten Auftritt am Abend auf dem Kirchenplatz bei der Jubiläumsparty zum 150-jährigen Bestehen der Partei nutzte der Politiker, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen.

Anderthalb Stunden nahm sich Steinbrück am Nachmittag Zeit, um das ZAUG kennen zu lernen. Auf drei Gesprächsrunden mit Maßnahmeteilnehmern und -anleitern folgte eine letzte mit Geschäftsführerin Monika Neumaier sowie weiteren Vertretern der kommunalen Beschäftigungsgesellschaft und der Politik. Sie alle gaben ihm die Botschaft mit: Selbst wenn die Wirtschaft »brummt«, schaffen etliche Menschen mit unterschiedlichen Schwierigkeiten den Sprung in den Arbeitsmarkt nicht ohne weiteres. Sie brauchen Einrichtungen, die ihnen pädagogisch begleitete außerbetriebliche Ausbildung, Qualifikation und Beschäftigung bieten.

Es sei »völlig beknackt«, dass »die ganze Gesellschaft zu Akademikern werden soll«: So pointiert, mitunter witzig, vor allem aber zugänglich präsentierte sich der Kanzlerkandidat im Gespräch mit einigen dieser Menschen. Etwa mit dem Endzwanziger, der bekannte, »in den entscheidenden Jahren vielleicht den falschen Weg gegangen zu sein«, und dankbar ist, beim ZAUG nach dem »Aufwachen« eine Chance auf eine Lehre als Maler und Lackierer zu haben. Mit der dreifachen Mutter, die nicht nur in Minijobs arbeiten will, der es aber an ausreichender Kinderbetreuung fehlt. Oder mit Mitarbeitern, die erklärten, was es auf sich hat mit dem »Last-Minute-Ausbildungscamp«, dem kindgerechten Mittagstisch oder der Kampagne zur Alphabetisierung im Beruf.

Früher sei das ZAUG etwa viermal so groß gewesen, beklagte Neumaier. Unter schwarz-gelben Regierungen in Berlin und Wiesbaden »wurden uns die Fingernägel gestutzt«. Zusammen mit Landrätin Anita Schneider und Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, die die Gesellschafter Stadt und Kreis vertraten, sowie dem ZAUG-Mitbegründer Rüdiger Veit gab sie dem Spitzenpolitiker Wünsche mit auf den Weg: Es müsse Geld geben für die Ausbildung und auch für die Beschäftigung Benachteiligter – und was damit geschehen soll, wollen die Akteure vor Ort entscheiden. Sollte die SPD am 22. September die Bundestagswahl gewinnen, so »wollen wir einiges verändern«, versprach Steinbrück schließlich und nannte unter anderem die Stichworte Mindestlohn, Leiharbeit und Kinderbetreuung. Sein Abschiedsgeschenk nahm er mit spitzen Fingern entgegen: Eine Schreibtischlampe mit Mini-Aquarium, in dem einige Produkte der aus dem ZAUG ausgelagerten Blutegelzucht schwammen. »Um einige Leute in Berlin zur Ader zu lassen«, sagten die Gastgeber, bevor sie die Tierchen wieder an sich nahmen.

200 Gäste bei Parteifeier

Die wären bei der nächsten Station wohl auch fehl am Platz gewesen: Auf dem Kirchenplatz feierten die SPD-Anhänger unter sich. Angesichts des Nieselregens zog es der »Überraschungsgast« dort vor, die kleine Bühne auf dem Kirchenplatz anzusteuern und von dort ein paar Worte an die 200 Genossen und einzelne Nichtmitglieder zu richten. »Die SPD ist die einzige Partei, die mit Stolz ihren Namen tragen kann und ihn nicht ändern musste, weil sie Unrecht auf sich geladen hat«, merkte der Kanzlerkandidat zum Anlass der Feier an. Sozialdemokratische Werte hätten immer noch Gültigkeit und müssten nur auf heutige Verhältnisse übertragen werden. Denn »die Gesellschaft zusammenhalten, das ist unsere historische Aufgabe«. Der hessische Landes- und Fraktionsvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel griff in seinem Grußwort das aktuelle Thema auf und plädierte gegen jegliche Straffreiheit für Steuersünder. »Peer Steinbrück soll Kanzler werden, weil das Land dann demokratischer und gerechter wird«, betonte der Licher unter Beifall. Nachdem ein SPD-Projektchor mehrere Lieder der Arbeiter- und Freiheitsbewegung präsentiert hatte, übernahm eine Band die musikalische Begleitung des Abends. Partystimmung mochte sich allerdings trotzdem nicht einstellen. Bei abendlicher Kühle genossen die Besucher im Stehen Bier und Bratwurst – und so lichteten sich die Reihen schon deutlich vor dem auf 22 Uhr anberaumten Feierabend.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/Hessen-Kanzlerkandidat-Steinbrueck-in-Giessen;art189,80894

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung