02. Mai 2017, 22:34 Uhr

Junge Leute als Spiegel der Gesellschaft

02. Mai 2017, 22:34 Uhr
Sammlungsleiterin Birgit Richard mit einem T-Shirt von der Love Parade 1994. (Foto: dpa)

Die Reise in die Welt von Plateauschuhen, Punk-Lederjacken oder Tamagotchis führt durch eine Stahltür. Dahinter, im Erdgeschoss eines unscheinbaren Gebäudes der Frankfurter Goethe-Universität, findet sich das Jugendkulturarchiv des Instituts für Kunstpädagogik. Ob Klamotten aus der Love-Parade-Zeit, Knautschlack-Schuhe im Retro-Style, Totenkopf-Telefone, Handyhüllen in Skateboard-Optik oder eine Figur von Lara Croft aus der Video- und Computerspiel-Serie »Tomb Raider« – fast 2000 Objekte umfasst das Archiv. Es soll helfen, Alltagskultur und damit auch größere soziale Zusammenhänge zu ergründen.

Der Ursprung des Archivs liegt an der Universität Essen, wo die Leiterin Birgit Richard promovierte. Die Sammlung ist vor allem auf Spenden angewiesen, einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt sie nicht. Und doch ist ein beeindruckender Mix zusammengekommen: Erstes Stück war eine G-Shock-Uhr von Casio. Es finden sich spitze, schwarze Schnallenschuhe, typisch für die Gothic-Szene der 80er – Pikes genannt. Für Richard zeigt sich: Fast alles kommt wieder – seien es große Sonnenbrillen oder Schuhe in Neonfarben. »Die waren komplett weg, heute sind sie wieder da.« Warum sind Jugendkulturen für die Wissenschaft interessant? »Sie sind Seismografen der gesellschaftlichen Entwicklung«, sagt Klaus Farin.

Vom Punk zum Grufti und zurück

Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema, ist Vorsitzender der aus dem Berliner Archiv der Jugendkulturen hervorgegangenen Stiftung »Respekt!«. Zwar seien nur knapp 20 Prozent einer Jugend-Generation wirklich aktiv in einer Jugendkultur. Sie beeinflussten aber rund 70 Prozent ihrer Altersgenossen. Viele Jugendkulturen bestehen Farin zufolge schon seit Jahrzehnten. Punk und Hip-Hop beispielsweise seien in den 1970ern, Techno in den 1980er Jahren entstanden. Verbindende Elemente für Anhänger einer Kultur seien in den allermeisten Fällen Musik, Mode und eine eigene Sprache.

Die Grenzen zwischen Jugendkulturen sind für Farin heute durchlässiger als früher. Es sei viel üblicher, von einer zur anderen zu wechseln, was einst ein Verrat gewesen wäre. »Das geht vom Punk zum Grufti und zurück – oder vom Neonazi zum Linksautonomen«, sagt der Experte. Diese Durchlässigkeit sieht auch Richard, die am Frankfurter Institut für Neue Medien zuständig ist. Gabriele Rohmann, Leiterin des Berliner Archivs der Jugendkulturen, sagt: »Die Jugendlichen haben heute kein so starkes Abgrenzungsbedürfnis mehr gegenüber ihren Eltern. « Das erkläre, warum heutzutage verschiedene Stile ohne große Aussage dahinter miteinander kombiniert würden. »Hipster sind zum Beispiel eine Kombination aus bestehenden Jugendkulturen ohne eine Aussage dahinter.« Und was gibt es Neues? »YouTuber sind die Boy- und Girl-Groups von heute«, sagt Rohmann. »Da gibt es ein Teenie-Gekreische wie früher bei der Band New Kids on the Block.«

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