Hessen

Johanna Bohnacker ist erstickt

Ein Mann aus dem Taunus trifft 1999 in der Wetterau auf ein acht Jahre altes Mädchen. Kurz darauf ist das Mädchen tot. Ein Unfall, sagt der Mann heute. Mord, sagt die Staatsanwaltschaft.
21. April 2018, 11:04 Uhr
Laura Kaufmann
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Warum musste Johanna Bohnacker sterben? Für Staatsanwalt Thomas Hauburger steht fest: Weil Rick J. seine pädophilen Neigungen an dem Mädchen ausleben wollte, weil er den Missbrauch vertuschen wollte. 19 Jahre ist es her, dass Johanna in Ranstadt-Bobenhausen, einem kleinen Ort in der Wetterau, auf J. traf. Jetzt wird ihm der Prozess gemacht.

Der Friedrichsdorfer ist gedrungen. Er hat einen dicken Bauch, kurze Arme und Beine. Die welligen Haare trägt der 42-Jährige zu einem Pferdeschwanz gebunden. Auf seiner Nase sitzt eine Brille mit dünnem Rand. Sein dunkelrotes Hemd ist akkurat gebügelt. Er lässt das Blitzlichtgewitter der Fotografen zum Auftakt des Verfahrens am Gießener Landgericht über sich ergehen.

J. sei sehr kooperativ und reflektiert, sagt Strafverteidiger Thomas Ohm der Presse.

 

Schweigen zum Prozessauftakt

 

Davon kann sich das Schwurgericht am Freitag nicht überzeugen: Zum Prozessauftakt schweigt J. wie erwartet. Als Staatsanwalt Thomas Hauburger die Anklageschrift verliest, blickt J. vor sich auf den Tisch. Ebenso wie Gabriele Bohnacker, Johannas Mutter, die nur wenige Meter entfernt sitzt.

Ihre Tochter sei ein fröhliches, jähzorniges Mädchen mit rauchiger Stimme gewesen, hatte sie einst erzählt. Mit dicken blonden Haaren, blauen Augen mit dunklen Ringen darunter und knubbeliger Nase. Johanna wäre heute 27 Jahre alt.

 

Mädchen mit Chloroform betäubt

 

In ihren letzten Minuten musste das Mädchen laut Staatsanwalt Hauburger Furchtbares erleben. Er geht davon aus, dass J. sie am späten Nachmittag des 2. September 1999 auf einem Radweg in Bobenhausen gesehen und entschieden hat, sie in seine Gewalt zu bringen. J. sei mit seinem VW Jetta auf den Radweg gefahren, habe sie überwältigt, mit Chloroform betäubt und in den Kofferraum seines Autos gelegt. Nach einem Stopp an einer Tankstelle fuhr J. laut Hauburger an einen abgelegenen Ort, holte Johanna aus dem Kofferraum und legte sie auf den Boden. »Spätestens jetzt verklebte er Johannas Mund und Augen mit insgesamt vier Streifen eines silbernen Panzerbands.« Er habe sie ausgezogen und missbraucht. Er habe ihren Kopf dabei oder kurz darauf 29-mal mit Paketklebeband umwickelt. Johanna sei erstickt. Ihre Leiche hatte J. im Wald bei Alsfeld versteckt, wo Spaziergänger sie Monate später fanden. Hauburger geht von einer vorsätzlichen Tötung aus.

 

+++ Die Hintergründe zum Fall

 

J. hat das in der Vergangenheit bestritten. Ebenso den sexuellen Missbrauch. Er spricht von einem Unfall. »Das ist eine Körperverletzung mit Todesfolge, das ist einfach schiefgelaufen«, sagt Verteidiger Uwe Krechel nach dem Prozessauftakt. Und ergänzt: »Die Staatsanwaltschaft hat nichts, nur ein paar Knochenfragmente.« Krechel stellt zudem die Schuldfähigkeit seines Mandanten infrage. Er erzählt von ein bis zwei »ominösen Delikten«. So habe sein Mandant »barfuß und mit Speed abgefüllt« einem Vater vor nicht allzu langer Zeit auf offener Straße seine kleine Tochter entrissen.

 

 

Die Staatsanwaltschaft hat nichts, nur ein paar Knochenfragmente

Verteidiger Uwe Krechel

 

Krechels Kollege Ohm, der J. seit Jahren kennt, ihn bereits mehrfach vor Gericht verteidigt hat, berichtet vom massiven Drogenkonsum des Angeklagten. »Der hat nicht nur den ganzen Tag gekifft.« J. habe zu schweren Drogen gegriffen. Zu Pilzen, zu LSD. Das Chloroform, mit dem er Johanna betäubt habe, sei von J. zur Drogenherstellung verwendet worden. Ohm schildert, J. habe nach der Tat zwar noch erfolgreich eine Prüfung abgelegt, sein Biochemie-Studium dann jedoch geschmissen. Gelebt habe J., der in Bad Nauheim geboren wurde, von einer großen Erbschaft.

 

Prozess wird fortgesetzt, Angeklagter will umfangreich aussagen

 

Während des Prozessauftakts sind all diese Details noch kein Thema. Verteidiger Krechel gibt jedoch eine Erklärung ab. J. trage die moralische und juristische Verantwortung an unbeschreiblichem Leid. Er sei sich darüber in vollem Umfang bewusst. »Er kann sich hierfür nicht entschuldigen, er kann weder auf Vergebung noch auf Verständnis hoffen.« Seine Schuld wiege zu schwer. J. sei bereit, sich seiner Verantwortung zu stellen, werde umfangreich aussagen. Allerdings erst in knapp drei Wochen, wenn der Prozess fortgesetzt wird.

 

 

Infobox

Vorwurf der Kinderpornografie

Rick J. ist nicht nur angeklagt, Johanna Bohnacker missbraucht und getötet zu haben, sondern auch wegen des Besitzes von Kinderpornografie. Bei einer Wohnungsdurchsuchung vor 13 Monaten wurden bei ihm laut Anklage massenweise Videos und Bilder gefunden. Darauf zu sehen: Jungen und Mädchen, die sexuelle Handlungen an sich und Erwachsenen vornehmen, sogar ein Kleinkind, das auf einer Wickelkommode missbraucht wird. Seine sexuelle Vorliebe war es auch, die den Friedrichsdorfer 18 Jahre nach Johannas Tod in den Fokus der Ermittler rückte: J. verging sich 2016 in einem Maisfeld bei Nidda an einer 14-Jährigen, fesselte sie dabei mit Klebeband. Den Ermittlern fielen Parallelen auf. (lk)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/hessen/Hessen-Johanna-Bohnacker-ist-erstickt;art189,420569

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