30. September 2020, 19:16 Uhr

Im Fall Wilke bis heute Fragen offen

30. September 2020, 19:16 Uhr
Noch immer im Blick: Der Fleischskandal bei der Firma Wilke aus Twistetal. ARCHIVFOTO: DPA

Twistetal/Kassel/Wiesbaden - Ein Jahr nach Schließung der nordhessischen Firma Wilke geht die Aufarbeitung des Fleischskandals weiter. Ermittler untersuchen immer noch, wie viele der Opfer durch Keiminfektionen nachweislich geschädigt wurden. »In 35 von 37 Fällen besteht nach aktuellem Stand der Ermittlung weiterhin der Verdacht, dass die Patienten auch nicht unerhebliche Krankheitssymptome entwickelt haben, die auf eine Listerieninfektion zurückzuführen sind«, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel.

Am 2. Oktober 2019 war der Lebensmittelskandal rund um die Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH & Co. KG in Twistetal (Kreis Wal-deck-Frankenberg) bekannt geworden. In Wilke-Wurst waren Listerien nachgewiesen worden. Die Keime können bei geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. Gesundheitsbehörden meldeten 37 Krankheitsfälle, die mit Wilke-Produkten in Verbindung gebracht wurden, darunter drei Todesfälle.

Ermittelt wird gegen Geschäftsführer, stellvertretende Geschäftsführerin und Produktionsleiter wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung, des Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futtergesetzbuch sowie des gewerbsmäßigen Betruges. Doch was ist nachweisbar? Dieser Frage gehen Staatsanwälte, Kripo-Beamte, ein Experte für Wirtschaftsstraftaten, medizinische Sachverständige und eine Firma nach, die sichergestellte Daten auswertet.

Knifflig ist die Frage bei den Todesfällen: So sind laut Staatsanwaltschaft mittlerweile 27 Patienten gestorben. Ob die Keime aus der Wilke-Wurst Ursache waren, ist unklar. Alle hätten unter erheblichen Grunderkrankungen gelitten, es handele sich »überwiegend um schwerstkranke Personen«, sagte der Sprecher. Ein beweisbarer Zusammenhang zwischen der Infektion und dem Todeseintritt habe sich bisher bei keinem dieser Fälle bestätigt.

Physisch ist von der Firma Wilke durch die Insolvenz nicht viel geblieben. Das Firmeneigentum wurde zu Geld gemacht. Für das Firmengelände in dem 1500-Einwohner-Dorf Twistetal-Berndorf ist laut Gemeinde keine neue Nutzung in Sicht.

Auch politisch wirkt Wilke nach. Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) hatte weitreichende Konsequenzen angekündigt und verwies vergangene Woche auf das neue Konzept der Regierungspräsidien für gemeinsame Kontrollen mit den Lebensmittelbehörden vor Ort. Die Auswahl der Betriebe sei nun vom dort herrschenden Risiko abhängig. Kontrollen würden unangekündigt durchgeführt. Unter anderem sei seit August die Stelle eines »Sichters« besetzt, der alle Posteingänge der Fachaufsicht im Umweltministerium überwacht. Wichtige Meldungen sollen so schneller entdeckt werden. Die Task- Force Lebensmittelsicherheit und die Regierungspräsidien seien mit acht neuen Stellen ausgestattet worden. Eine große Rolle im Fall Wilke spielte die Verbraucherorganisation Foodwatch, die weiter Druck auf das Land ausübt. »Die hessische Landesregierung hat keine wirksamen Konsequenzen gezogen und ist ein Jahr danach genauso schlecht für einen Ernstfall präpariert wie im Oktober 2019«, sagt Geschäftsführer Martin Rücker. Statt die Kontrollen auf Landkreisebene zu organisieren, müsse es auf Landesebene eine politisch unabhängige Anstalt für Lebensmittelüberwachung geben. dpa

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