13. März 2017, 20:23 Uhr

»Hausbau rückwärts«

13. März 2017, 20:23 Uhr

Mülheim-Kärlich/Biblis (dpa). Mit Vollmaske, Sauerstoffversorgung, gelben Helmen, orangefarbenen Overalls, Trennschleifern und unter grellem Licht zerlegen zwei Männer riesige Metallrohre. Im Inneren des abgeschalteten Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich bei Koblenz arbeiten sie in einem Zelt, aus dem die Luft abgesaugt wird, um die Ausbreitung radioaktiven Staubs zu vermeiden.

Wer ein AKW abreißen will, braucht Geduld. Schon seit 2004 läuft der Rückbau des Meilers Mülheim-Kärlich – und er könnte sich noch zehn Jahre hinziehen. Ziel ist die grüne Wiese. Die Bundesregierung hat nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 den Atomausstieg beschlossen – 2022 sollen die letzten deutschen Kernkraftwerke vom Netz gehen. Auch ihr Abriss dürfte laut dem Mülheim-Kärlicher AKW-Chef Thomas Volmar 15 bis 20 Jahre dauern.

Der Essener Energiegigant RWE hat in Mülheim-Kärlich Erfahrungen gesammelt, die ihm zunächst auch beim Abriss seines stillgelegten südhessischen AKW Biblis zugutekommen können. Noch in diesem Monat will Hessens Umweltministerium Priska Hinz (Grüne) dafür die Genehmigung erteilen.

Von außen ist bei einem AKW-Abriss viele Jahre nichts zu sehen: Die Arbeiten laufen vorerst innen, die markanten Kühltürme bleiben zunächst stehen, so auch bis heute der von Mülheim-Kärlich. Nach und nach zerlegen innen Arbeiter in Schutzkleidung einzelne Bestandteile, leeren Räume – und hängen immer wieder Lampen provisorisch neu auf. »Das ist ein Hausbau rückwärts«, erklärt RWE-Sprecher Jan-Peter Cirkel im einzigen rheinland-pfälzischen Kernkraftwerk, dessen Wanduhren um 13 Uhr stehengeblieben sind. 162 Meter ragt der weithin sichtbare Kühlturm von Mülheim-Kärlich in den Himmel, höher als der Kölner Dom. AKW-Chef Volmar sagt: »In diesem Frühjahr beginnen wir mit dem Abbau. Der Kühlturm wird spiralförmig von oben abgeknabbert.« Bis 2018 werde das dauern. »Alles wird gemessen, nichts bleibt unkontrolliert«, versichert Volmar. »Wir haben dauerhaft mindestens immer einen TÜV-Mitarbeiter auf der Anlage.«

Das Kraftwerk Biblis, Hessens einziges Atomkraftwerk, geriet einst immer wieder mit Pannen in die Schlagzeilen, etwa 1987 mit dem kurzzeitigen Entweichen radioaktiven Dampfs. Heute gibt es auch hier im Block A keine abgebrannten Brennstäbe mehr. Block B soll 2018 kernstofffrei sein. Die abgebrannten Brennstäbe werden in Castor-Behältern auf dem Kraftwerksgelände in einem Zwischenlager untergebracht. Nach einem Endlager-Standort für den hoch radioaktiven Atommüll wird in Deutschland noch gesucht. Eigentlich hätte das Atomkraftwerk Biblis je nach Auslastung bis etwa 2020 laufen können. Nach Fukushima gingen die beiden Biblis-Blöcke 2011 mit sechs weiteren deutschen AKW-Blöcken zunächst für drei Monate vom Netz. Bis dahin galt das Kraftwerk als der älteste kommerziell genutzte Atomreaktor Deutschlands. Die Blöcke A und B stammen aus den Jahren 1974 und 1976.

Die Gemeinde Biblis hat das Aus für ihr Kraftwerk deutlich zu spüren bekommen. Zuvor wurden jedes Jahr Millionen Euro in ihre Kasse gespült. »Bei vielem in der Gemeinde steht der Spargedanke im Vordergrund«, sagt nun der Vorsitzende des Wirtschafts- und Verkehrsvereins Biblis, Bruno Neumann. Das AKW Biblis bot einst rund 1000 Arbeitsplätze. Viele Beschäftigte kamen von Fremdfirmen und suchten Übernachtungen. »Da gab es Unternehmen, die hatten das ganze Jahr Zimmer gebucht«, erinnert sich Neumann.

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