08. August 2012, 19:03 Uhr

Häftlinge machen Trainerscheine im Gefängnis

Butzbach (dpa). Oben auf der Gefängnismauer liegen etliche Fußbälle, die sich im Stacheldraht verfangen haben. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Butzbach treten die Häftlinge gern gegen die Pille, wenn auch nicht immer in die richtige Richtung. Doch die Fußballbegeisterung ist groß.
08. August 2012, 19:03 Uhr
Insassen der Justizvollzugsanstalt in Butzbach bekommen von Fußballtrainer-Ausbilder Steffen Winter (hinten) taktische Grundlagen des Fußballspiels vermittelt. (Foto: dpa)

Nun hat sich die JVA an ein neues, in Hessen einmaliges Projekt gewagt: Ausgewählte Insassen können im Knast einen Trainerschein machen, um damit später, draußen in der Freiheit, Fußballmannschaften zu trainieren.

Guido Rabanus ist der Initiator des Projekts. Der Anstaltspsychologe ist ein großer, kräftiger Mann mit kahlem Schädel und einem Tattoo auf dem Arm. Er sagt: »Fußball ist ein Tor zur Welt.« Und der Sport könne helfen, soziale Kompetenzen zu schulen. Das vom Hessischen Fußball-Verband (HFV) unterstützte Projekt eröffne die Chance, dass sich die Häftlinge später in der Gesellschaft engagieren und besser integrieren.

Wenn die Gefängnisinsassen rund 100 Lerneinheiten je 45 Minuten und die Abschlussprüfung erfolgreich absolviert haben, müssen sie nach ihrer Entlassung nur noch einen kleinen Teil draufsatteln – dann haben sie die Trainerlizenz Breitenfußball in der Tasche. Es ist die erste Stufe der Ausbildungshierarchie. Begonnen hat der Lehrgang im Mai, in wenigen Wochen stehen die Prüfungen an.

Egal, ob sie bestehen – schon jetzt haben die Häftlinge dem Psychologen zufolge vom Fußballtraining hinter Gittern profitiert. »Sie können Ehrgeiz entwickeln, auch Achtsamkeit für den eigenen Körper und für den Gegner. Durchhaltewillen ist gefragt, und der ein oder andere muss auch lernen, mit eigenen Schwächen umzugehen.« Als Trainer wären die Insassen prädestiniert, später in sozialen Brennpunkten zum Beispiel mit Jugendlichen zu arbeiten, glaubt Rabanus. »Die treffen sicher den richtigen Ton.«

»Anstoß für ein neues Leben«

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) begrüßt solche Initiativen und engagiert sich auch selbst für die Resozialisierung. Die DFB-Stiftung Sepp Herberger fördert etwa das Projekt »Anstoß für ein neues Leben«, das unter den Justizministern der Bundesländer immer mehr Anhänger finde. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Berlin und Rheinland-Pfalz werde die Idee bereits erfolgreich umgesetzt – in Hessen noch nicht. Mehr als 150 Jugendstrafgefangene zwischen 16 und 24 Jahren sind mit dabei.

Beim Trainerlehrgang in Butzbach darf nicht jeder Insasse mitmachen. Mörder und Sexualstraftäter sind ausgeschlossen. Unter den 14 Teilnehmern sind verurteilte Gewalttäter, Bankräuber oder Erpresser. Einer von ihnen ist Steven (Name geändert). Der bullige, dunkelhäutige 50-Jährige sitzt bereits seit zweieinhalb Jahren wegen schwerer räuberischer Erpressung ein. »Ich habe einen Fehler gemacht, aber auch ich habe die Chance, ihn wiedergutzumachen«, sagt er mit Blick auf das Fußball-Projekt. »Ich könnte mir durchaus vorstellen, außerhalb der Haftanstalt als Trainer nebenbei tätig zu sein«, sagt er und lässt den Ball auf dem Fuß und dem Kopf tanzen.

Steven freut sich riesig, dass ihm in der tristen Welt hinter Gittern so eine Abwechslung und auch Perspektive geboten wird: »Man kann sich gar nicht vorstellen, was das für uns bedeutet.« Er hat zusammen mit seinen Mitstreitern bisher nur Positives erlebt, auch Überraschendes, wie er sagt. Eigentlich sei die Knast-Welt ja rau und zuweilen aggressiv. Aber mittlerweile gebe es keinen Streit mehr während des Spiels. »Wir harmonieren schon richtig miteinander, was für mich unwahrscheinlich beeindruckend ist.«

Auch sein Mitspieler Hassan (Name geändert) fühlt sich schon ein Stück weit durch den Knast-Fußball kuriert: Er habe gelernt, besser mit Leuten klarzukommen – »was früher eigentlich meine Schwäche war«. Der 27-Jährige ist zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden, weil er bei einer Meinungsverschiedenheit im Vollrausch mit einer Eisenstange auf Kontrahenten eingedroschen hat.

Steffen Winter (29) betreut die Häftlinge. Der Verbandssportlehrer bildet Fußballtrainer aus – normalerweise an der Sportschule Grünberg, nun auch im Gefängnis. »Anfangs war das schon sehr ungewohnt.« Bis er auf dem Sportplatz angekommen ist, muss er sechs verriegelte Türen und Tore passieren. »Aber letztlich sind es normale Menschen, die es auch wert sind, ausgebildet zu werden.« Er hofft, dass sich »genug Vereine finden lassen, in denen sich die Häftlinge resozialisieren können dürfen, wenn ihre Strafe verbüßt ist«.

Vom Umgang her hätten sich die Häftlinge enorm entwickelt, erzählt Winter. »Wenn wir an die ersten Einheiten denken, da waren pro Abschlussspiel 20 Fouls in zehn Minuten, mittlerweile sind wir bei zwei bis drei angekommen.«

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