08. Mai 2020, 21:33 Uhr

Gute Zahlen vor dem dicken Ende?

08. Mai 2020, 21:33 Uhr

Frankfurt/Kassel/Darmstadt - Trotz der wirtschaftlichen tiefen Bremsspuren durch die Corona-Krise ist eine Insolvenzwelle in Hessen im April offenbar ausgeblieben. Die Zahl der Insolvenzanträge bewegt sich sogar in die entgegengesetzte Richtung, wie erste Zahlen von Amtsgerichten zeigen: Sie sinkt drastisch. Doch ein Hinweis auf eine positive wirtschaftliche Entwicklung ist das nicht. Laut Gerichten und Behörden gibt es andere Ursachen - und das dicke Ende könnte noch kommen.

Einzelhandel, Dienstleister, Industrie - viele Branchen haben in den vergangenen Wochen vor einer Insolvenzwelle in Deutschland gewarnt. Selbst die Zahl der Privatpleiten werde steigen, erklärte Ende März das Informationsunternehmen Crifbürgel. Bis man hessenweit beurteilen kann, ob die Prognosen eintreffen, wird es dauern. Das Statistische Landesamt in Wiesbaden wird im Juni die Insolvenzzahlen für das erste Quartal veröffentlichen. An den Amtsgerichten in Hessen liegen dagegen bereits jetzt erste Zahlen für April vor - und die sind eine Überraschung: Es gebe keine Insolvenzwelle, eher das Gegenteil, sagte Roland Glöckner, Sprecher des Amtsgerichts Frankfurt. Dort hat sich die Zahl der Insolvenzanträge quasi halbiert.

Andere Entwicklung zu Jahresbeginn

63 Unternehmer- und Fir-meninsolvenzen wurden im April beantragt, 21 Verbraucherinsolvenzen. Das macht insgesamt 84 Anträge - und damit deutlich weniger als im April 2019 mit 177 Anträgen. Dabei deutete sich zu Beginn dieses Jahres eine ganz andere Entwicklung an. In den ersten beiden Monaten seien sehr viele Anträge eingegangen.

Doch die Corona-Krise habe der Statistik eine »Delle« verpasst. Laut Glöckner ist auffällig, dass sich Finanzämter und Krankenkassen zurückhalten. Diese können als Gläubiger bei Steuer- oder Beitragsausständen Insolvenzanträge für Schuldner stellen. Doch wegen der Corona-Krise beschlossene Schritte veränderten die Lage. Wie sich die Insolvenzanträge langfristig entwickelten, sei unklar. »Sobald diese Staumauer weg ist, muss man sehen«, sagte Glöckner.

Auch beim Amtsgericht Darmstadt gingen deutlich weniger Anträge auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens ein: 48 kamen im April, vor einem Jahr waren es 130 gewesen. Das Amtsgericht verweist zur Einordnung der Zahlen ebenfalls auf die Corona-Krise und das Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Covid-19-Pandemie. Dabei hatte die Bundesregierung die Pflicht zur Stellung eines Insolvenzantrags ausgesetzt - sofern die Zahlungsunfähigkeit Folge der Corona-Pandemie ist und Hoffnung für das Unternehmen besteht. Das soll verhindern, dass Firmen Insolvenz anmelden müssen, wenn Hilfen nicht rechtzeitig ankommen. Laut der Oberfinanzdirektion in Frankfurt wurde gleichzeitig auch das Insolvenzantragsrecht der Finanzämter eingeschränkt.

Mehr Anträge im Herbst erwartet

»Aufgrund dieses Gesetzes könnte es dazu kommen, dass derzeit weniger Insolvenzanträge eingehen als üblich und mit diesen erst im Herbst 2020 zu rechnen ist«, erklärte Erik Geisler, Vizepräsident des Amtsgerichts Darmstadt. Denn die Insolvenzpflicht ist nur bis 30. September ausgesetzt.

Auch ein Sprecher des Amtsgerichts Kassel bestätigt die Entwicklung: Das Amtsgericht erhielt im April 2019 noch 63 Insolvenzanträge und Anträge auf Privatinsolvenz - in diesem Jahr waren es nur 18. Deutlich ist auch zu erkennen, wie die Zahl der Anträge in diesem Jahr von Februar (60) auf März (44) sinkt und im April schließlich einbricht. In Wiesbaden sind die Insolvenzzahlen von Februar bis April ebenfalls im Vergleich zum Vorjahr nicht gestiegen. »Ganz im Gegenteil sind die Zahlen gesunken, da offensichtlich auch Termine bei der Schuldnerberatung nur zögerlich zustande kommen«, erklärte eine Sprecherin, ohne konkrete Zahlen zu nennen.

Die Oberfinanzdirektion des Landes Hessen glaubt, das die Entwicklung in den nächsten Monaten anhält. Es sei vorerst nicht mit einem signifikanten Anstieg von Insolvenzeröffnungen zu rechnen. »Tatsächlich ist zunächst vielmehr ein Rückgang der entsprechenden Fallzahlen zu erwarten«, erklärte eine Sprecherin.

Warum die Krankenkassen sich mit Insolvenzanträgen zurückhalten, ist unklar. »Über die Gründe könnten wir nur spekulieren, weshalb wir uns dazu nicht äußern«, erklärte der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen. dpa

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