31. Oktober 2018, 21:15 Uhr

Bohnacker-Prozess

Gutachter: Rick J. voll schuldfähig

Rick J. ist angeklagt ist, im September 1999 die achtjährige Johanna Bohnacker entführt, vergewaltigt und ermordet zu haben. Für den Gutachter steht fest: Rick J. ist voll schuldfähig.
31. Oktober 2018, 21:15 Uhr
Von Hedwig Rohde
Polizeibeamte bauen ein großes Plakat auf, mit dem zu Hinweisen im Mordfall der kleinen Johanna Bohnacker aufgerufen wird (Archiv). Das Mädchen wurde schon sieben quälende Monate vermisst, als Spaziergänger am 1. April 2000 ihre Leiche im Wald bei Alsfeld entdeckten. (Foto: Polizei)

Ausführlich trug Dr. Rolf Speier, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina, vor, welche Persönlichkeit Rick J. ihm in den intensiven Gesprächen offenbart hatte. Er habe vor allem den Angeklagten reden lassen, erläuterte der Psychiater, ihm auch Themenauswahl und Gesprächsführung weitgehend überlassen. Damit sei er dem »gewissen Dominanzstreben« des 42-Jährigen entgegengekommen, ergänzte der Gutachter später. Seine Erklärungen habe Rick J. offen und extrovertiert abgegeben, in einer lockeren, sexualisierenden Sprache, ohne Hemmungen, und sich jeweils perfektionistisch auf die einzelnen Gespräche vorbereitet.

 

Erste sexualisierte Notizen im Alter von 10


Detailliert schilderte Speier die Entwicklung des Angeklagten, der sich bereits im Alter von zehn Jahren sexualisierte Notizen machte. Mit 17 zerrte er eine Achtjährige vom Rad und wurde von Weiterem nur durch das Einschreiten von Passanten abgehalten. Als 19-jähriger unterhielt er eine Beziehung zu einer damals elfjährigen Sonderschülerin, hatte später Sex mit einem älteren Mann, daraufhin eine Vielzahl von Beziehungen zu oft sehr jungen, hin und wieder aber auch gleichaltrigen Frauen. Dabei verfolgte er teilweise sadomasochistische Praktiken. Zweimal war Rick J. als Jugendlicher und junger Erwachsener stationär in die Psychiatrische Klinik Köppern aufgenommen worden, einmal für einen Tag, einmal für zehn Tage. Seine sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche seien damals – nachträglich gesehen fälschlicherweise – unterschiedlich, jedoch niemals als sexuell motiviert erklärt worden (»Da waren die Psychiater auf dem Holzweg«).

 

Mangel an Empathie


Speier bescheinigte Rick J. eine »pädophil-hebephile Nebenströmung«, eine Ausrichtung seines Sexualtriebs auf Kinder sowie auf Jugendliche in der Pubertät, die aber normales sexuelles Verhalten nicht ausschließe und deshalb auch nicht handlungsbestimmend für ihn sei. Auch am Tattag hätte er, so Dr. Speier, die Fahrt in die Wetterau, die Suche nach einem Mädchen und Johannas Entführung nicht zwingend vornehmen müssen, sondern seine durch Drogen bewusst initiierte Erregung anders ausleben können.
Für sich jeweils allein genommen, ließen sich Rick J.s ausgeprägte sexuelle Abnormitäten (in der Fachsprache Paraphilien genannt) wie beispielsweise Neigungen zu sadomasochistischen Praktiken oder zu Fetischismus erklären. »Wenn Sie aber das Gesamtmuster sehen, erschlägt es Sie, auch wenn Sie für einzelne Punkte Rationalisierungen vorbringen können«, sagte Speier. Als Versuch der Rationalisierung wertete er auch Kritik des Angeklagten an bestimmten Zeugenaussagen, deren Wahrheitsgehalt er anzweifelte. Rick J. sei überdurchschnittlich intelligent, verfüge über ein hervorragendes fotografisches Gedächtnis, was seine Erinnerungslücken wenig wahrscheinlich erscheinen lassen; sein Charakter weise Aspekte von Narzismus, Dissozialität, Egozentrismus und Empathiemangel auf. Wirkliche Reue über Johannas Schicksal habe er nicht bekundet.

 

Nicht drogenabhängig


Im Gegensatz zu Rick J., der hinsichtlich des Tatablaufs angab, sich infolge seines Drogenkonsums an verschiedene Punkte nicht mehr erinnern zu können, vertrat Speier vor Gericht die Auffassung, dass der Angeklagte weder drogenabhängig noch am Tattag durch Drogen in seinen Handlungen und Wahrnehmungen beeinträchtigt gewesen sei. Seinen durchaus ausgeprägten Konsum von Chrystal Meth, Speed, LSD und einem mescalinähnlichen Halluzinogen sowie Haschisch habe Rick J. jederzeit steuern und bei Bedarf auch drosseln können, auch seien nach seiner Festnahme keine Entzugserscheinungen festgestellt worden. Der Drogenkonsum entspreche vielmehr seinem hedonistischen, auf Genuss ausgerichteten Lebensstil: »Rick J. ist nicht der getriebene Abhängige, der sich überlegt, wo er den nächsten Trip herbekommt, das wurde vielmehr zelebriert, das wurde genossen… Hedonistisch-dissoziale Menschen, das sehen wir immer wieder, können über lange Zeit Drogen konsumieren, ohne abhängig zu werden«, betonte Speier.

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