20. Juni 2018, 21:00 Uhr

Apfelwein

Goldgelbes fürs Gerippte

Was für den Bayern Weißbier und Maß sind, das bedeuten dem Hessen Äbbelwoi und das Gerippte. Nach dem schlechten Erntejahr 2017 könnte die Streuobstwiese diesmal einiges mehr hergeben.
20. Juni 2018, 21:00 Uhr

Gerade waren die Apfelblüten aufgegangen, da ließ Väterchen Frost nicht nur die Natur erstarren: Im April 2017 kamen noch einmal heftige Minustemperaturen über die Bestände.

»Da ist vieles erfroren«, erinnert sich Tanja Müller-Diehl, Geschäfstführerin der Kelterei Müller in Ostheim. Die Apfelernte war von den späten Minustemperaturen besonders betroffen.

Vielerorts lag der Ertrag um die Hälfte niedriger (und sogar noch darunter) als in einem normalen Jahr, resümierte der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes für Erwerbsobstbau, Willi Muth, im Spätsommer vergangenen Jahres.

Keine Einbußen bei der Qualität

Unwetter verhagelten im Laufe des Sommers auch noch so manche Bestände. Das wirkte sich auch auf das typischste aller hessischen Getränke, den Apfelwein aus – quantitativ, denn die Qualität erlebte keine Einbußen.

Dieses Jahr scheint das Wetter den Obstbauern und den Kelterern hold zu sein. »Nach einem extrem schlechten Apfelerntejahr 2017 haben die Bäume ordentlich Kraft tanken können und der Blütenstand in diesem Jahr war stark. Wir hoffen auf ein sehr gutes Erntejahr 2018«, sagt Verena Weigel von der Marktschänke in Heuchelheim.

Lager sind fast leer

Die Gastwirtschaft stellt ihren eigenen Apfelwein her. Jährlich sind es zwischen 3000 und 6000 Liter Most, von dem der Hauptteil für den Hausschoppen verwendet wird. Ein Teil davon wiederum wird zu Äbbelsecco weiterverarbeitet.

Eine gute Ernte braucht es dieses Jahr, denn die Lager sind fast leer, sagt Müller-Geschäfstführerin Müller-Diehl. Ihr Unternehmen produziert im Jahr rund zwölf Millionen Füllungen verschiedener Flaschengrößen, überwiegend Apfelsaft, Apfelsaftmischgetränke und Apfelwein.

Sonne, Wind und Regen im Wechsel sind die besten Voraussetzungen für ein starkes Erntejahr

Verena Weigel, Gastronomin

Auch in der Ostheimer Kelterei, die ihren Rohstoff hauptsächlich aus hessischem Anbau bezieht (mindestens 4000 Tonnen jährlich), blickt man der Ernte im September optimistisch entgegen. »Die Apfelblüte war ohne Frost. Wenn es nicht zu trocken wird, ist eine gute Ernte zu erwarten«, sagt Geschäftsführerin Müller-Diehl.

»Sonne, Wind und Regen im Wechsel sind die besten Voraussetzungen für ein starkes Erntejahr. Starke Unwetter, Sturm und Hagel können eine gute Apfelernte gefährden«, meint Weigel.

Obst aus der Region

Sie bezieht ihr Obst aus der Umgebung Heuchelheims. Ende September/Anfang Oktober veranstaltet die Marktschänke zusätzlich noch an einigen Tagen eine Apfelannahme für die Bevölkerung. »Eine große Sortenvielfalt und gesunde Äpfel sind hier unser Geheimrezept.«

Und wie geht das Stöffche dann über die Zunge? Die meisten mögen es klassisch, sagt Weigel, also pur, süß oder sauer gespritzt. Aber: »Mehr und mehr experimentieren wir auch. So gibt es immer mal ein Extraangebot: Äbbel-Spritz, Äbbel-Pirinha. Pfirsich-Apfel. Im Sommer gerade für die Damen eine schöne Abwechslung.«

Cola im Apfelwein geht in der Frankfurter Region gar nicht, meint Müller-Diehl, »das ist eigentlich schon ein Frevel«. Klarer Apfelwein und -saft genießen in Hessen deutlich den Vorzug, gerade auch bei der Schorle.

Naturtrüb ist im Norden beliebt

In Norddeutschland dagegen sei naturtrüb sehr beliebt. In Großstädten wie Hamburg sei man auch experimentierfreudiger: Apfelwein mit Cranberry-Minze oder Basilikum-Ingwer komme da sehr gut an.

Und was passt Deftiges zum Apfelwein? Natürlich Handkäse in verschiedenen Varianten, Grüne Soße oder die Hessenpizza (mit Handkäse), die die Ostheimer Kelterei bei ihrem Süßerfest, einem Tag der offenen Tür, im September anbietet, sagt Müller-Diehl.

Und auch Rippchen mit Kraut, Apfelbratwurst mit hausgemachtem Apfelsenf, Bellschuh mit Zwiebelsoße oder Ahle Worscht mit Krustenbrot, ergänzt Weigel von der Heuchelheimer Marktschänke. Na dann, guten Appetit!

Info

Äbbelwoi, Stöffche, Cidre, Most

Apfelwein gilt als hessisches Nationalgetränk. Dabei geht er ursprünglich schon auf Griechen und Römer zurück. Auch in anderen Ländern gibt es Varianten, wie in Frankreich den Cidre oder in einigen Regionen der Schweiz und Österreichs, wo er Most heißt. An der Mosel, in der Eifel, im Hunsrück, an der Saar und in Luxemburg hat Apfelwein den Namen »Viez«. Der geht auf die römische Zeit zurück, kommt von vice (der zweite oder stellvertretende Wein oder Weinersatz), denn Apfelwein galt als Ersatz für echten Wein. Er hat einen Alkoholgehalt von fünf bis sieben Prozent und meist einen sauren, herben Geschmack. Das traditionell aus einem Bembel in ein geripptes Glas ausgeschenkte Getränk wurde in den Wirtschaftswunderjahren deutschlandweit besonders durch die TV-Sendung »Der blaue Bock« mit Heinz Schenk und Lia Wöhr bekannt. Die Hessische Apfelwein- und Obstwiesenroute, auch »Apfelweinweg«, ist ein Rad- und Wanderweg. Er ist unterteilt in sechs Regionalschleifen und führt vorbei an Streuobstwiesen, Apfelweinlokalen und Apfelweinkeltereien.

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