08. Januar 2019, 09:00 Uhr

"Unser täglich Brot"

Gegen die Verschnitzelung

Hinsetzen, sich Zeit nehmen, gemeinsam genießen. Die Feiertage haben dazu genügend Raum geboten. Aber solche Gelegenheiten sind selten geworden. Slow Food setzt gegen diesen Trend.
08. Januar 2019, 09:00 Uhr
Irmgard Becker und Christian Weingran möchten den bewussten Umgang mit Lebens- mitteln fördern. (Foto: gäd)

Als McDonald’s 1986 auf der Piazza di Spagna in Rom ein Fast-Food-Restaurant eröffnete, kam es zu Protesten und im Anschluss zur Gründung der Organisation Slow Food. Gründer ist der Journalist und Soziologe Carlo Petrini, der den Verein zur Erhaltung der Esskultur ins Leben rief.

Seit 1992 gibt es ihn auch in Deutschland mit mittlerweile 85 sogenannten Convivien, also regionalen Gruppen. Das Convivium in Mittelhessen hat als Zentren die Städte Marburg, Gießen und Wetzlar.

Gute Produkte aus der Region

»Aber die Grenzen sind nicht starr. Jeder ist willkommen«, sagt Christian Weingran, der mit Irmgard Becker und Barbara Steiger die Gruppe leitet.

Slow Food, also wörtlich übersetzt »langsames Essen«, das bedeutet im übertragenen Sinn, darauf zu achten, dass man gute Produkte verwendet, dass man nutzt, was in der Region angeboten wird, dass man Landwirtschaft und Landschaftsschutz zusammen-bringt und dass man den Menschen ins Gedächtnis ruft, dass billiger und schneller nicht immer auch besser sein muss.

Gegen die »Verschnitzelung«

»Essen, was du erhalten willst«, dieser Leitspruch führt zu einem weiteren Anliegen des Vereins: »Es gibt viele Lebensmittel, die aus der Mode gekommen sind, weil sie schwer anzubauen oder zu verarbeiten sind.

Sie sind aber oft typisch für die jeweilige Region«, erklärt Becker. Beispiele seien das »Bamberger Hörnla«, eine Kartoffelsorte aus Franken oder verschiedene Schweinerassen.

Zudem ist es eine Frage, welche Prioritäten ich setze. Die Deutschen geben nur rund zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus.

Irmgard Becker

Auch in Mittelhessen gebe es solche Lebensmittel oder Produkte. Beispiele seien der handgemachte Kochkäse aus Schröck oder die Käsereien in Hüttenberg.

Eines der prominentesten Beispiele sei sicherlich die Ahle Worscht, die mittlerweile so bekannt sei, dass sie nicht mehr gerettet werden müsse.

Man müsse halt essen, was man erhalten wolle. Und wenn man die Vielfalt erhalten wolle brauche es die regionalen handwerklichen Produzenten.

»Die Wertschätzung von Lebensmitteln in der Gesellschaft ist eher gering«, sagt Irmgard Becker. Sie kaufe überwiegend Biolebensmittel. Und auch ihr Mitstreiter Weingran achtet sehr auf die Qualität dessen, was auf den Tisch kommt.

Aber Bio muss man sich auch leisten können, das ist beiden bewusst. »Es hilft schon, wenn man ein wenig den Speiseplan umkrempelt. Weniger Fleisch, mehr Gemüse«, sagt Weingran.

Leitspruch: Gut, sauber und fair

Und Becker ergänzt: »Zudem ist es eine Frage, welche Prioritäten ich setze. Die Deutschen geben nur rund zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus.«

Die Slow-Food-Bewegung ist mit der Zeit politischer geworden – und vielfältiger was die Themen betrifft. »Gut, sauber und fair« ist der Leitspruch des Vereins, der sich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert.

Um die Philosophie des Vereins weiterzutragen, organisiert das Convivium Info-Veranstaltungen. Sechs Termine stehen für 2019 schon im Kalender. Ende Januar geht es beispielsweise zur Brücker Mühle, einer historischen Mühlenanlage an der Ohm.

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Öffentliche Info-Veranstaltungen

Bei solchen Terminen soll auch neben den Informationen über die Produkte und Produzenten der Genuss nicht zu kurz kommen. Die Veranstaltungen des Conviviums werden nicht nur für die rund 100 Mitglieder angeboten, sondern sind öffentlich.

Einmal im Monat kommt man zum Austausch zusammen, das Ganze nennt sich – frei nach dem Logo des Vereins – »Schneckentisch«. Wer sich für die Aktivitäten von Slow Food Mittelhessen interessiert, kann sich auf der Homepage des Vereins unter www.slowfood.de informieren. E-Mail-Kontakt unter mittelhessen@ slowfood.de .

Gute Alltagsküche

Der Genuss – er ist wichtiger Teil des Vereinslebens. Am dritten Advent traf man sich zum gemeinsamen Kochen. »Zusammensitzen, essen, kommunizieren, das ist wichtig«, sagt Weingran.

»Essen ist Kultur«, fügt er an. Und was genießen die »Slowfooder« aus Mittelhessen am liebsten? »Gute Alltagsküche. Bei mir gab es zuletzt Rouladen mit selbst gemachtem Rotkohl und Pürree«, sagt Weingran.

Für Becker kann es auch eine Kartoffelsuppe sein. »Hauptsache, die Zutaten sind gut«, erklärt sie. »Es gibt so viel Abwechslung auf dem Teller, wenn man es nur will. Die Verschnitzelung der Speisekarte muss nicht sein«, sagt sie und lacht.

Info

Convivien in der Region

(gäd/eb). Die Slow-Food-Bewegung zählt in Deutschland nach eigenen Angaben rund 14 000 Mitglieder in rund 85 Convivien (lokalen Gruppen). In der Region gibt es neben der Gruppe in Mittelhessen noch Convivien (dt. etwa Tafelrunden) für Frankfurt, Nord- und Rheinhessen, Fulda oder Taunus und Westerwald. Genaue Angaben, Termine und Kontaktdaten sind es auf der Homepage des Vereins unter www.slowfood.de zu finden. Dort gibt es auch weitere Informationen zu den Zielen, den politischen Aktivitäten und den Projekten wie zum Beispiel zur »Arche des Geschmacks«, die weltweit rund 4900 regional wertvolle Lebensmittel, Nutztierarten und Kulturpflanzen vor dem Vergessen und Verschwinden schützen möchte.

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