10. Mai 2012, 16:28 Uhr

Für Volker Lechtenbrink ist die ganze Welt eine Bühne

Münzenberg (am). »Schauspieler sind Egomanen, Mimosen, Traumtänzer, immer durstig, dauergeil, größenwahnsinnig, realitätsfremd, Hochstapler, Fremdgänger, suchtgefährdet, arrogant, feige – und ungeheuer liebenswert.« Das behauptete Volker Lechtenbrink auf der Bühne der ehemaligen Synagoge.
10. Mai 2012, 16:28 Uhr
Volker Lechtenbrink in Münzenberg. (Foto: am)

Nun, inwieweit die keineswegs schmeichelhaften Attribute auf ihn selbst zutreffen, konnten die Besucher während der 90-minütigen Lesung nicht feststellen; die Liebenswürdigkeit allerdings wollte ihm keiner absprechen. Wovon allein der langanhaltende Schlussapplaus der bis auf den letzten Platz gefüllten Veranstaltung zeugte.

Auf Einladung der OVAG und des Freundeskreises Burg Münzenberg las der Schauspieler aus seinem Buch »Gib’ die Dinge der Jugend mit Grazie auf«. Seltsamer Titel für eine Biografie. Doch Lechtenbrink klärte gleich zu Beginn auf, wie er dazu kam. Es ist ein Satz aus der Desiderata, einer Inschrift der alten Paulskirche in Baltimore von 1692, ein Gedicht zum Thema »So führst du ein glückliches Leben«. Da ist die Rede davon, ruhig und gelassen durch Lärm und Hast zu gehen, laute und aggressive Menschen zu meiden, keine Zuneigung zu heucheln und eben die Dinge der Jugend dann aufzugeben, wenn die Zeit gekommen ist. »Das bringt doch nichts«, zog Lechtenbrink die Parallele zur Moderne, »wenn man sich irgendwann nur noch mit Mühe in einen Porsche zwängt und überhaupt nicht mehr herauskommt. « Damit hatte er den Ton des Abends angestimmt.

Eine uneitle, bisweilen selbstironische mit vielen Anekdoten gespeiste Erzählung aus seinem Leben, die bei der Hülle und Fülle von Mosaiksteinchen naturgemäß mehr auslassen musste, als sie ausführen konnte. Autoren von Autobiografien erliegen nicht selten der Versuchung, die Bedeutung der eigenen Personen höher zu gewichten als ein unbedarfter Beobachter, sich eher unangenehm in den Mittelpunkt zu drängen. Nicht so Lechtenbrink, dem die Besucher gern noch länger zugehört hätten. Denn der, so hatte es den Eindruck, stellte stets das Ereignis an sich über die eigene Person.

Beispielsweise bei dem einzigen Vorbild, das er aus dem Kreis der Schauspieler je gehabt habe (»Ich hegte eine unendliche Bewunderung für ihn«), Hanns Lothar, einer der drei Neutze-Brüder, der sehr früh starb. »Lange Jahre wollte ich auch keinen Tag älter als 37 werden und hab einiges dafür getan – bis der Zeitpunkt immer näher kam und ich doch zu sehr am Leben hing.«

Oder die Anekdote »Wie Robert de Niro mein Freund wurde«. Die Hollywood-Legende lernte Lechtenbrink tatsächlich bei einem privaten Besuch in Los Angeles kennen, führte morgendliche Balkon-Gespräche im Hotel mit ihm, traf ihn dann zufällig in einem Edel-Burger-Restaurant wieder, wurde zur Überraschung aller anderen von ihm umarmt: »Woaker«, wie er den »Volker« amerikanisiert aussprach, »it’s a pleasure to see you again.« Lechtenbrinks nüchternes Resümee: »Mein Freund. Ich habe ihn, außer im Kino, nie wiedergesehen. Wie auch?«

Am Ende ein Hauch von Wehmut

Das Publikum merkte schnell: Hier plauderte einer, der authentisch ist, einer, der tatsächlich etwas zu erzählen hat, teils von einer Zeit des Nachkriegs, die besondere Umstände, besondere Charaktere gebar. Es gab viel zum Schmunzeln und zu Lachen bei den Begebenheiten mit Darstellern wie Horst Frank, Gustav Knuth, Walter und Nadja Giller, Hans-Jörg Felmy und Hildegard Knef. Natürlich sparte Lechtenbrink nicht aus, wie er 1959 zu der Rolle in Bernhard Wickis Film »Die Brücke« kam, vierzehnjährig. »Eine Arbeit, auf die wir unser Leben lang angesprochen werden sollten. « Mit einem Hauch von Melancholie ließ Lechtenbrink einen eindrucksvollen Abend ausklingen indem er den Jacques aus »Wie es euch gefällt«, seine Lieblingsrolle, beinahe lebensweise deklamierte: »Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab. Sein Leben lang spielt einer manche Rolle.«

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