11. November 2015, 13:15 Uhr

Flüchtlingssturm im Wasserglas

Friedberg (jw). Vor einiger Zeit kursierte die Meldung, eine Gießener Aldi-Filiale schließt, weil es zu viele Diebstähle durch Flüchtlinge gibt. Eine glatte Lüge. Auch an der über Facebook verbreiteten Meldung, eine Mitarbeiterin der Sparkasse Oberhessen sei in Friedberg von Flüchtlingen angegriffen worden, ist nach Aussage von Polizei, Sparkasse und Wetteraukreis nichts dran.
11. November 2015, 13:15 Uhr
Täglich kommen in der Pfingstweide neue Flüchtlinge an, täglich steigen die Probleme. Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es laut dem Wetteraukreis aber noch nicht. (nic) (Foto: Nicole Merz)

Um ein Konto bei der Sparkasse zu eröffnen, müssen die in der Pfingstweide untergebrachten Flüchtlinge nicht mehr in die Stadt fahren. Zwei Mitarbeiter kommen donnerstags in die Unterkunft. Kein leichter Job. Vergangenen Donnerstag waren es an die 50 Menschen, die dicht gedrängt warteten. Es habe Beleidigungen und wohl auch Rempeleien gegeben, »einige Personen haben sich nicht an die Verhaltensregeln gehalten«, sagt Polizeipressesprecher Erich Müller. »Es gab aber keine Handgreiflichkeiten gegenüber den Sparkassenmitarbeitern.« Die riefen, da die Situation zu kippen drohte, die Polizei. Das bestätigt Kreispressesprecher Michael Elsaß: »Die Stimmung war so ungünstig, dass wir den Sparkassen-Service an dem Tag beendet haben. Die Polizei hat das sehr vorbildlich in den Griff bekommen.« Es war eng und stickig im Flur des Kellers, eine Frau stillte ihr Kind, einige Flüchtlinge beschwerten sich über Drängeleien – das war’s dann aber auch schon. »Die Gründe für den Ärger sind nicht mehr nachvollziehbar, aber die Situation war wirklich nicht dramatisch«, sagt auch Bernd Kunzelmann, Pressesprecher der Sparkasse Oberhessen. Den Vor-Ort-Service werde man selbstverständlich beibehalten. »Als öffentlich-rechtliches Institut ist es unsere Aufgabe, allen Menschen eine Teilnahme am Finanzleben zu ermöglichen. Das ist eine enorme Hilfe, um sich hier einzufinden.«

Für die Polizei war der Vorfall kein Grund, eigens eine Pressemeldung zu schreiben. Müller: »Dann müssten wir jede Nacht zehn Familienstreitigkeiten melden.« Komme es zu Gewalt unter Flüchtlingen, melde man das selbstverständlich. Nichts werde unter den Tisch gekehrt.

Das war offenbar bislang auch nicht nötig. Der Wetteraukreis betreut seit drei Jahren Flüchtlinge. Elsaß sind keine gewalttätigen Vorfälle bekannt, weder in Friedberg noch in Nidda, wo die neue Notaufnahme eingerichtet wurde. Probleme gebe es zweifellos, etwa bei der Hygiene. Elsaß: »Da gibt es starke kulturelle Unterschiede.« Am Donnerstag wird in der Pfingstweide wieder eine Übung über zivilisiertes Verhalten gegenüber Behördenmitarbeitern angeboten. »Es gibt zwar Infoblätter für die Flüchtlinge. Aber diese Menschen haben mitunter ein anderes Temperament. Wir müssen ihnen die Abläufe noch mehr erklären. Unwissenheit ist das größte Problem.« Den Vorfall vom Donnerstag habe man intern besprochen, sagt Elsaß: »Wir werden die Verfahrensabläufe ändern. Künftig werden wir die Leute bei der Kontoeröffnung oder der Ausgabe von Sparkassenkarten nicht mehr im Pulk einlassen.«

Stimmungsmache im Netz: Ein Beispiel dafür, wie rechte Verschwörungstheoretiker Stimmung gegen Flüchtlinge machen, ist die Falschmeldung über eine vermeintliche Aldi-Schließung in Gießen. Die Filiale liegt nahe der Erstaufnahmeeinrichtung. Wegen Diebstählen und alkoholisierten Flüchtlingen habe Aldi »kapituliert«, liest man auf einer Internetseite, die von üblen Diffamierungen nur so strotzt. Aldi dementierte umgehend: »Dass in jüngster Zeit die Anzahl der Übergriffe, Diebstähle oder Belästigungen signifikant gestiegen wäre, können wir nicht bestätigen«, sagte eine Sprecherin. Die Falschmeldung steht immer noch im Netz. (jw)

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