08. Juli 2017, 09:00 Uhr

Vor 30 Jahren

Flammeninferno in Herborn

Sechs Tote, 38 zum Teil schwer Verletzte, zwölf ausgebrannte Häuser: Vor 30 Jahren löste ein Tanklaster mit defekten Bremsen in der Herborner Innenstadt ein Flammeninferno aus.
08. Juli 2017, 09:00 Uhr
Am Tag danach: Von mehreren Häusern am Rande der Herborner Altstadt sind nach dem Großbrand nur noch rauchende Gerippe übrig geblieben. (Foto: dpa)

Es ist ein schöner, warmer Sommertag, dieser 7. Juli 1987. Viele Menschen treibt es ins Freie, in Gärten, auf Balkone und Terrassen oder in Cafés und Eisdielen. Eine solche ist an diesem Abend auch am Rande der Herborner Altstadt gut gefüllt. Doch die sommerliche Idylle findet ein jähes Ende: Gegen 20.45 Uhr kracht ein mit 35 000 Litern Benzin und Diesel beladener Sattelzug in die Eisdiele. Der Beginn der Katastrophe, die als Großbrand von Herborn in die Geschichte eingeht. Sechs Menschen verlieren dabei ihr Leben.

Der Tanklaster kommt vom Westerwald. In Kenntnis einer langen Gefällstrecke Richtung Innenstadt will der Fahrer vorher eigentlich auf die A45 abbiegen. Doch die Technik und vor allem die Bremsen versagen. Mit gut 100 km/h und rotglühenden Felgen rast der Laster die Westerwaldstraße hinunter direkt in die Innenstadt.

 

Auch Frankfurter Feuerwehr hilft

 

Ein scharfer Knick an der Einmündung der Hauptstraße wird dem Gefährt zum Verhängnis. Es kippt um, kracht in das Gebäude mit der Eisdiele. Der Treibstoff läuft aus und verteilt sich. Passanten können den schwer verletzten Fahrer aus dem Führerhaus befreien. Der warnt noch mit letzter Kraft vor einer Explosion des hoch entzündlichen Gemischs. Und wenig später kracht es tatsächlich. Eine riesiger Feuerball schießt gen Himmel und setzt die umliegenden Gebäude in Brand. »Wir sind nur noch gerannt«, sagt ein Augenzeuge damals. Die Flucht führt von der Unfallstelle Richtung Au, dort wo ein Jahr zuvor und letztes Jahr erneut der Hessentag stattfand. Aber auch hier lauert Gefahr: Benzin und Diesel sind in die Kanalisation gelaufen. Als sich das Gemisch entzündet, fliegen durch den ungeheuren Druck die Kanaldeckel meterhoch in die Luft. Auch das nahe gelegene Flüsschen Dill brennt. Zum Glück – kaum auszudenken, wenn auch dieser Treibstoff in der Stadt selbst verbrannt wäre.

Über der Stadt steht eine große schwarze Rauchsäule, die kilometerweit die Katastrophe erahnen lässt. Freiwillige Feuerwehren aus der ganzen Umgebung sind im Einsatz und unterstützen die Herborner Kameraden, nachdem gegen 21 Uhr Katastrophenalarm ausgelöst wird. Auch die Frankfurter Berufsfeuerwehr rast über die Autobahn zum Unglücksort. Ernst Achilles, damals Direktor der Frankfurter Branddirektion und einer der weltweit führenden Brandschutzexperten, hatte durch Radiomeldungen von der Katastrophe erfahren. Insgesamt rund 1500 Einsatzkräfte von Feuerwehren, Rettungsdiensten, Polizei und THW sind fast 40 Stunden auf den Beinen, um die Feuer zu löschen, Verletzte zu bergen und zu versorgen. Am Morgen des 9. Juli ist der Einsatz beendet.

Die Bilanz: Zwei Menschen sterben in dem Inferno an der Unfallstelle, drei weitere im Krankenhaus, ein Opfer erliegt vor Schreck einem Herzinfarkt. 38 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Einige müssen wegen ihrer Brandverletzungen in Spezialklinken behandelt werden. 44 Menschen verlieren durch das Großfeuer ihre Wohnungen, die Existenzen eines Fitnesstudiobesitzers und einer Kioskbetreiberin sind vernichtet. Insgesamt zwölf Gebäude werden durch das Feuer zerstört.

Der Sachschaden liegt bei gut zehn Millionen Euro. Viele hatten vor einem solchen Unglück gewarnt. Jetzt aufgeschreckt, werden Politik und Behörden aktiv. Der Vorfall löst eine bundesweite Diskussion um Gefahrguttransporte aus. Eine Notfallspur mit Kiesbett wird vor dem Ort eingerichtet. Doch immer wieder missachten Fahrer das eindeutige Fahrverbot Richtung Innenstadt für Lkw über 7,5 Tonnen.

 

Haftstrafe für den Spediteur

 

Als im Herbst 1992 erneut ein mit Ziegelsteinen beladener Laster wegen defekter Bremsen in ein Haus in der Westerwaldstraße kracht, erfolgt eine erste bauliche Veränderung – eine enge Linkskurve mit Tempo-30-Gebot vor der Notfallspur. Schnellere Fahrzeuge landen automatisch im Kiesbett. Durch einen weiteren Umbau der nahe gelegenen A45-Anschlussstelle Herborn-West werden sie dann Richtung Autobahn umgeleitet, wo sie ausrollen können.

Das Landgericht Limburg verurteilt den Koblenzer Spediteur 1990 wegen fahrlässiger Tötung und Brandstiftung zu zweieinhalb Jahren Haft. Er hatte gewusst, dass die Bremsen des Tanklasters defekt waren und die Fahrt trotzdem angeordnet. Der Fahrer erhält eine 18-monatige Bewährungsstrafe. Das ausgebrannte Wrack des Lkw steht heute in der »DASA Arbeitswelt Ausstellung« in Dortmund.

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