10. September 2016, 12:00 Uhr

Filigran und zertifiziert Großes Engagement

Die filigrane Arbeit des Goldschmieds ist eher platzsparend. Wer Thomas Graumann in seiner Goldschmiede in einem Marburger Wohngebiet besucht, findet sich in einem mittelgroßen Kellerraum wieder, dessen eine Seite mit zahlreichen Schmuckvitrinen als Showroom fungiert. Hier schlüpft der Meister in die Rolle des Beraters. An Ausstellungsstücken erläutert er sein Kunsthandwerk, bespricht die Materialien und das Design und versucht, den Kundenwünschen immer näher zu kommen.
10. September 2016, 12:00 Uhr
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Von Gerd Chmeliczek
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Thomas Graumann ist der zweite Goldschmied in Hessen, der mit zertifiziertem Fair-Trade-Go...

Keine zwei Schritte weiter setzt sich der 49-Jährige dann an den Arbeitstisch und beginnt sein Werk. Hier gibt er seinen Gedanken eine Form. Der Arbeitsbereich ist übersät mit Zangen, Feilen, kleinem und großem Gerät. Über allem brennt die Gasflamme. Die Arbeitsplatte hat eine halbrunde Aussparung, in die sich Graumann auf Brusthöhe leicht hineinbeugt. Nach unten ist das Halbrund mit einem Tuch gesichert: Noch das kleinste Körnchen Silber, der feinste Span Gold, die sich beim Bearbeiten von Ring oder Schmuck lösen, werden dort zurückgehalten und später in einer schnöden Pappschachtel gesammelt. Einmal im Jahr gehen diese »Abfälle« in die Scheideanstalt zur Aufbereitung.
»Am Goldschmiedehandwerk faszinieren mich die unendlichen Möglichkeiten, mit den Materialien zu arbeiten«, sagt Thomas Graumann. »Speziell Gold ist ein tolles Material.« Es lasse sich transparent wie eine Zeitung auswalzen oder beispielsweise beim Granulieren als kleinste Goldkügelchen auf eine glatte Ringoberfläche aufbringen. Viel Erfahrung und Fingerfertigkeit sind dabei vonnöten. »Beim Granulieren liegt dann ein schmaler Grad zwischen dem richtig aufgeschweißten Goldkügelchen oder einem verschmolzenen Goldklumpen«, sagt Graumann.

Königsweg nicht in Sicht

Das glänzende Metall hat seine Schattenseiten: Gold wird unter ausgesprochen widrigen Bedingungen gefördert. Die Arbeiter in den Bergwerksminen trennen das Edelmetall mit Cyaniden oder Quecksilber aus dem Gestein. Das ist für Mensch und Umwelt äußerst giftig. Die Arbeitsbedingungen in den Minen in Afrika und Südamerika sind schlecht. Ausbeutung ist oft an der Tagesordnung. Wie in vielen Produktionsketten kommt beim Erzeuger eher wenig an. Häufig finanzieren sogar die lokalen Banden ihre Fehden und Bürgerkriege mit dem Gold.
Den Goldschmieden und vielen Kunden ist das bekannt. Und so kam mit dem Boom an fair gehandeltem Kaffee und Bananen vielfach auch der Wunsch nach fairem Gold auf. »Seit rund zehn Jahren fragen besonders Kunden von Trauringen nach fairem Gold«, sagt Graumann. Als die Organisation TransFair in Köln seit diesem Jahr erstmals zertifiziertes Fair-Trade-Gold anbot, registrierte Graumann sich sofort. Nach einem Kollegen in Frankfurt ist seine Goldschmiede die zweite in Hessen, die Fair-Trade-Gold anbietet. Der Goldpreis schwankt gerade um 42 000 US-Dollar pro Kilogramm. »2000 Dollar bekommen garantiert und unabhängig von Marktschwankungen die Minenarbeiter zusätzlich«, berichtet Graumann. Insgesamt mache das den fairen Trauring rund zehn Prozent teurer. Die Gelder fließen in soziale und medizinische Projekte für die Minenarbeiterinnen und -arbeiter. Die Zertifizierung von zwei Minen in Peru schreibt auch Schutzbekleidung, Gesundheits- und Sicherheitstrainings sowie einen verantwortlichen Umgang mit der Umwelt vor, teilt die Organisation TransFair mit.
Doch die Sache ist komplizierter. Auch mit Fair-Trade-Zertifikat muss das Gold noch mit giftigen Substanzen aus dem Erz gelöst werden. »Der Königsweg zu sauberem Gold ist nach wie vor nicht in Sicht«, bilanzierte daher das Fachmagazin »Finanztest« vergangenes Jahr. Eine Alternative wäre hier Recycling-Gold, erklärt Graumanns Lehrmeister Klaus Meusser. Der Goldschmied hat seine Goldschmiede Meusser vor acht Jahren an Thomas Graumann übertragen und arbeitet mit Tochter Antje seither als Angestellter im Betrieb. Das Recycling-Material könne altem Familienschmuck entstammen oder auch eingekauft werden. Letztlich müssten die Kunden abwägen, zu welchem Gold sie greifen.
Das Geschäft von Thomas Graumann läuft gut, obwohl er keine Werbung und Marketing macht. Eine Kundenkartei existiert erst gar nicht. Die Homepage (www.goldschmiede-meusser.de ) vermittelt die Basics. Seine Handwerkskunst verbreitet sich durch Mundpropaganda: »Wenn die Eltern zufrieden waren, dann kommen auch die Kinder«, sagt der Goldschmied. Martin Schäfer (mt). In der aktuellen Fassung des »fairen Stadtplans« von Marburg fehlt die Goldschmiede Meusser noch. Der Stadtplan listet über 30 Geschäfte auf, die Produkte aus fairer Herstellung anbieten. Das reicht vom Weltladen in der Oberstadt über Bäckereien, Weinhandlungen, Bekleidungsgeschäfte bis hin zum Supermarkt und Discounter. Kurioserweise gehören nämlich Discounter aufgrund ihrer großen Durchsatzmenge zu den größten »fairen« Händlern bei Kaffee, Schokolade und Bananen. Die Stadt Marburg erhält schon seit dem Jahr 2009 die Auszeichnung Fair-Trade-Stadt der Organisation TransFair, wegen des Engagements der Kommune und zahlreicher Fair-Trade-Projekte. Gießen folgte im Jahr 2011. Beim aktuellen Städteranking befindet sich Marburg auf Platz 1 in Hessen, Gießen auf Platz 4.


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